Bayer-Hauptversammlung in Bonn: „Bayer enttäuscht auf ganzer Linie“

Massive Kritik auf Hauptversammlung : „Mensch Bayer, was ist aus dir geworden?“

Auf der Hauptversammlung rechnen die Aktionäre mit Vorstand und Aufsichtsrat wegen des Monsanto-Desasters ab. Viele wollen Werner Baumann und Werner Wenning die Entlastung verweigern. Bayer-Chef Baumann antwortet mit einer Mischung aus Buße und Trotz.

Der Empfang war schon mal laut: „Kein Glyphosat auf unserem Salat“, skandierten die Schüler von „Fridays for Future“ in Bonn vor dem World Conference Center. Imker ließen es rauchen gegen Bayers Insektizide. Anders als sonst ging es aber auch in der Halle heftig zu. Viele Bayer-Aktionäre rechnen mit Vorstand und Aufsichtsrat ab. „2018 war ein Albtraum für die Bayer-Aktionäre“, sagte Marc Tüngler, Chef der Aktionärsschützer DSW. „Wir erleiden massive Kursverluste. Wir waren mal das wertvollste Unternehmen, doch nie hat ein DAX-Konzern so schnell so viel an Wert verloren.“ Er forderte, die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat zu vertagen.

„Die Aktionäre wurden auf ganzer Linie enttäuscht“, sagt Ingo Speich. „Das Management hat eine kerngesunde Bayer mit dem Monsanto-Virus infiziert, hat aber kein heilendes Medikament zur Verfügung.“ Bayer sei von einem Pharmagiganten zu einem Zwerg mutiert. Speich ist nicht irgendwer. Er spricht für den Sparkassenfonds Deka, der gut ein Prozent der Bayer-Anteile hält, und kündigt an, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten. „Das ist ein Warnsignal.“ Er wirft dem Management vor, die gesellschaftliche Dimension zu unterschätzen. „Bayer hat nicht nur die Aktionäre verloren, sondern auch die breite Öffentlichkeit.“

Ebenso will der Volksbanken-Fonds Union Investment das Management nicht entlasten. „Bayer hat die Rechtsrisiken des Monsanto-Deals völlig unterschätzt“, sagt Fondsmanager Janne Werning. Union Investment ist mit ein Prozent der Anteile ebenfalls ein großer Aktionär. Formal hätte die Nicht-Entlastung keine Folgen, wäre aber eine schwere Klatsche für Aufsichtsrats-Chef Werner Wenning und Vorstands-Chef Werner Baumann, die gemeinsam den Monsanto-Deal durchgezogen haben. Machen alle Aktionärsvertreter ihre Ankündigung wahr und folgen den Empfehlungen der Stimmrechtsberater, wird mehr als die Hälfte der Bayer-Aktionäre Vorstand und Aufsichtsrat das Misstrauen aussprechen.

Angesichts der massiven Kritik zog Baumann kurz das Büßergewand an. „Sie haben erhebliche Verluste im Aktienkurs hinnehmen müssen, da gibt es nichts zu beschönigen. Und die Klagen zu Glyphosat lasten schwer auf dem Unternehmen“, räumt er vor den erzürnten Aktionären ein. Seit im August 2018 ein US-Gericht einem Glyphosat-Nutzer 78 Millionen Dollar Schadenersatz zusprach, hat die Aktie zeitweise 40 Prozent an Wert verloren. Bayer ist nicht mal so viel wert wie der für den US-Konzern Monsanto bezahlten Preis von 59 Milliarden Euro.

Doch dann folgt das bekannte Lied: „Der Erwerb von Monsanto war und ist der richtige Schritt für Bayer“, sagt Baumann. „Wir waren damals genau wie heute davon überzeugt, dass Glyphosat bei sachgerechter Anwendung ein sicheres Produkt ist.“ Man habe großes Mitgefühl mit den erkrankten Klägern, aber Glyphosat sei nicht der Grund für deren Erkrankung. Mittlerweile haben 13.400 Farmer, Gärtner und Verbraucher Bayer in den USA verklagt. Bayers Verteidigungsstrategie ging bislang nicht auf. „Unsere Anwälte arbeiten an Weiterentwicklung der Verteidigungsstrategie“, lautet Baumanns hilflose Antwort.

Zog erst nur Baumann Kritik auf sich, zielt diese nun auch auf den Aufsichtsratschef. „Auch der Aufsichtsrat trägt die Verantwortung für den schlechten Zustand von Bayer“, kritisiert Speich. Wenning, der vom Lehrling zum Aufsichtratschef bei Bayer aufgestiegen ist, gilt als der Antreiber des Deals. Wenning hoffte so, „seine Bayer“ vor einer feindlichen Übernahme zu schützen, wie sie während der Krise um den Cholesterinsenker Lipobay vor 18 Jahren als Menetekel an der Wand stand. Speich aber warf Wenning vor, die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen: „Heute ist die Welt aber eine andere, es gibt Marktteilnehmer, die die Schwäche von Unternehmen ausnutzen.“ So soll bereits der aggressive Fonds Elliott bei Bayer eingestiegen sein. Christian Strenger, Mitgründer der Regierungskommission für gute Unternehmensführung, nennt Bayer einen der größten Kapitalvernichter und will ebenfalls Entlastung verweigern.

Baumann und Wenning verwiesen auf ein vom Aufsichtsrat beauftragtes Gutachten der Kanzlei Linklaters, wonach der Vorstand bei der Monsanto-Übernahme nichts falsch gemacht habe und seine Prüfpflichten eingehalten habe. Zudem verwies Wenning darauf, dass der Aufsichtsrat der Übernahme einstimmig zugestimmt habe – auch mit allen Stimmen der Arbeitnehmern. Diese hatten aber Bauchschmerzen - und stimmten nur gegen die Gewährung von Kündigungsschutz bis 2025 zu. Bayer will 12.000 seiner 118.000 Stellen abbauen.

„Wo bleibt die Demut des Bayer-Managements?“, fragte Joachim Kregel von den Aktionärsschutzvereinigung SdK. „Mensch Bayer, was ist aus dir geworden?“ Großer Applaus im Saal.

Mehr von RP ONLINE