Bayer-Hauptversammlung in Bonn: Aktionäre rechnen mit Konzern ab

Hauptversammlung des Konzerns : Aktionäre rechnen mit Bayer ab

Der Monsanto-Deal ist riskant, die Aktie eingebrochen, im Arznei-Geschäft brennt es – Anleger kritisieren den Bayer-Vorstand bei der Hauptversammlung. Die ist von vielen Protesten begleitet.

Für den Bayer-Vorstand ging es in Bonn am Freitag rund: „Bayers neuer Partner ist der Tod“, empfingen Umweltaktivisten die Besucher der Hauptversammlung. Sie waren verkleidet als Paare – Bayer als Braut in weiß, Monsanto als schwarzer, todbringender Bräutigam. Naturschützer ließen Imker-Geräte rauchen gegen bienenschädliche Pestizide, Pharmakritiker warnten vor Verhütungspillen.

Rund um das World Conference Center waren viele Polizeiwagen aufgefahren. Auch im Saal gab es viel Kritik – und zwar von Kleinanlegern, Fondsmanagern und Bankvertretern. Zum einen wegen des Monsanto-Deals – Nachhaltigkeit wird in den Anlagerichtlinien der Fonds immer wichtiger, zum anderen wegen der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung. „Bayer hat auch 2018 enttäuscht“, sagte Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment.

Die Hauptpunkte der Kritiker:

  • Monsanto-Übernahme bedeutet Rufschädigung

Monsanto stehe seit Jahren wegen gentechnisch veränderter Pflanzen und seines Geschäftsgebarens am Pranger. Folgerichtig drohe Bayer ein enormer Imageschaden, warnte Speich. „Bayer läuft Gefahr, wegen Monsanto viele nachhaltig orientierte Investoren zu verlieren.“ Und die Historie von Monsanto wecke massive Zweifel, dass die Amerikaner zu einer Kehrtwende fähig seien.

Bayer-Chef Werner Baumann will von dieser Kritik nichts wissen: „Vor 30 Jahren bin ich zu Bayer gekommen, doch die Werte und Überzeugungen haben sich nicht verändert – und das wird sich auch nicht ändern.“ Da haben Aktionäre großen Zweifel: „Ob Bayer Bayer bleibt, das werden wir sehen“, so Hendrik Schmidt von der Fondsgesellschaft DWS.

  • Monsanto-Übernahme zieht sich hin

Zwei Jahre nach dem Übernahmeangebot ist der Deal noch immer nicht in trockenen Tüchern. Bayer hat die Kartellprüfungen unterschätzt. Würde man die Papiere stapeln, die Bayer bei den US- und EU-Kartellbehörden eingereicht hat, wäre es ein Papierberg etwa 25 Mal so hoch wie der Kölner Dom, sagt Baumann.

Und während die EU inzwischen grünes Licht gegeben hat, steht das Okay der USA noch aus. „Wir gehen davon aus, die Übernahme von Monsanto bis zum 14. Juni abschließen zu können“, sagte Baumann. Danach kann Monsanto theoretisch den Deal aufkündigen und würde von Bayer zwei Milliarden Dollar als Ausfallgebühr erhalten.

Eigentlich wollte sich der Krefelder schon auf dieser Hauptversammlung für die erfolgreiche Übernahme feiern lassen, die ursprünglich Ende 2017 vollzogen sein sollte. Nun aber muss Baumann auch noch einräumen, dass die Übernahme weniger bringt als gedacht. Ursprünglich wollte Bayer durch die Übernahme 1,5 Milliarden Dollar an Synergien heben. Doch weil Bayer auf Druck der Kartellhüter mehr Geschäfte abgeben muss als geplant, schmelzen die Kosteneinsparungen dahin.

  • Das Brot-und-Butter-Geschäft leidet

Weil der Vorstand seine ganze Kraft in die Übernahme legt, brechen im Kerngeschäft immer neue Baustellen auf. „Das Bayer-Management kämpft an vielen Fronten“, so Speich. Und viele Probleme seien hausgemacht. In Brasilien häufte Bayer riesige Lagerbestände bei Pflanzenschutzmitteln auf. Wegen Schlamperei im Pharmawerk Leverkusen erhielt Bayer einen blauen Brief von der US-Gesundheitsbehörde FDA.

Beides drückt den Gewinn massiv, Bayer musste 2017 die Prognose kassieren, der Vorstand beim Aufsichtsrat antreten. „Es stellt sich die Frage, ob Bayer vor lauter Übernahme-Überschwang nicht das Brot-und-Buttergeschäft vernachlässigt“, warnt der Fondsmanager. Der Bayer-Chef räumt ein: „2017 war ein Jahr mit Licht und Schatten.“ Zugleich betonte er, man werde die anderen Geschäftsfelder nicht vernachlässigen.

  • Bayer wird in der Forschung schwächer

Viele Anleger sorgten sich, was aus dem Pharmageschäft wird, wenn der Patentschutz für wichtige Kassenschlager wie das Schlaganfallmittel Xarelto und das Augenmittel Eylea ausläuft. Sie kritisierten, dass Bayer nun lieber Patente anderer Unternehmen einlizensiere statt selbst zu forschen. Wettbewerber hätten dagegen schon Konkurrenzprodukte in der Schublade.

  • Bayer hat bislang bei Megafusionen versagt

Bis heute hat Bayer die Übernahme des Milliarden-Geschäfts mit rezeptfreien Arzneimitteln von Merck (Dr. Scholl) nicht integriert, der Gewinn in der Sparte ist eingebrochen. Viele Anleger forderten, neben dem zuständigen Vorstand (Erica Mann musste Heiko Schipper weichen) auch die Strategie zu ändern. „Sie haben Schering und Merck zu teuer eingekauft, wie soll das bei Monsanto klappen?“, fragte Hans-Martin Buhlmann.

  • Die Aktie ist eingebrochen

„Es schmerzt schon, dass SAP die Bayer vom Thron als wertvollster deutscher Konzerns gestoßen hat. Die Börse glaubt weiterhin nicht an die großen Chancen des Deals“, sagte Marc Tüngler von der Aktionärsschützervereinigung DSW. Die Bayer-Aktie war vor drei Jahren noch über 140 Euro wert, nun sind es magere 103 Euro.

Noch schärfer ging Joachim Kregel, Aktionärsschützer der SdK, mit Bayer ins Gericht: Die Kursentwicklung sei miserabel, Bayer gehöre zu den sechs schlechtesten Aktien im Dax, der Vorstand habe in den vergangenen Jahren 25 Milliarden an Börsenwert vernichtet. „Das geht überhaupt nicht mit dem Selbstverständnis von Bayer zusammen.“

Bayer erhöht zwar die Dividende für 2017 auf 2,80 Euro je Aktie (2,70 Euro im Vorjahr), dennoch verwässert die anstehende Kapitalerhöhung die künftige Ausschüttung. Wie hoch die Kapitalerhöhung zur Finanzierung des Monsanto-Deals ausfallen wird, dazu wollte Baumann noch nichts sagen. Ebenso wann sie erfolgt. Eine kleine Kapitalerhöhung jüngst hatte nur den Singapur-Staatsfonds Temasek an Bord geholt, die bisherigen Bayer-Aktionäre waren ausgeschlossen.

Angesichts der massiven Kritik wirkten die Imagefilme über geheilte Krebspatienten und glückliche Bauern, die Bayer den knapp 2000 Aktionären zeigte, hilflos. Applaus blieb folglich aus. Baumanns zentraler Hinweis an die Naturschützer: „Ich sehe die Gefahr, dass wir aus übertriebener Vorsicht Chancen verpassen.“

(anh)
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