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Bauernpräsident Joachim Rukwied: "Wir brauchen höhere Preise"

Bauernpräsident Rukwied im Interview : "Wir brauchen höhere Preise"

Einen Tag vor der Eröffnung der Grünen Woche in Berlin spricht Bauernpräsident Joachim Rukwied über den Preis für mehr Tierwohl in Ställen und die Notwendigkeit von EU-Subventionen.

Herr Rukwied, stimmt der Eindruck, dass die Landwirte die schwierigste Zeit seit Jahrzehnten erleben?

Rukwied Richtig ist, dass die Marktsituation derzeit sehr schwierig ist. Im vergangenen Jahr mussten die Bauern erneut Einkommenseinbußen hinnehmen, die Preise für Milch sind nach wie vor zu tief, die Schweinepreise stiegen zwar leicht, bleiben aber volatil, und beim Getreide stagnieren sie. Das ist keine entspannte Perspektive für 2017.

Die Verbraucher haben immer häufiger den Anspruch, zu erfahren, woher die Lebensmittel kommen und unter welchen Bedingungen sie produziert werden. Was bedeutet das für Sie?

Rukwied Wir stellen uns der gesellschaftlichen Diskussion um regionale Produkte oder Initiativen für mehr Tierwohl in Ställen. Die deutschen Landwirte sind bereit, Haltungsbedingungen zu verändern und haben das schon unter Beweis gestellt. Aber wir erwarten im Gegenzug von den Verbrauchern, dass sie auch bereit sind, die eingeforderten, höheren Standards in Form von höheren Preisen mitzutragen.

Sind die Deutschen verwöhnt von niedrigen Lebensmittelpreisen?

Rukwied Ich möchte nur nüchtern feststellen, dass die Ausgaben für Lebensmittel in Deutschland deutlich geringer sind als in allen anderen vergleichbaren Ländern.

Also sollten die Verbraucher sich darauf einstellen, für in Deutschland hergestellte Produkte künftig tiefer in die Tasche greifen zu müssen?

Rukwied Höhere Standards, mehr Regionalität und weiterhin vielfältige Spezialitäten können wir in Deutschland nur einhalten und herstellen, wenn sie künftig zu höheren Preisen angeboten werden.

Ein Bereich dieser Standards betrifft die Tierwohlinitiativen. Davon gibt es gleich mehrere, trotzdem kein Label für Verbraucher, es herrscht Chaos. Wie soll man das entflechten?

Rukwied Die Auffassung, dass Chaos herrscht, teile ich nicht. Wir sind mit unserer privatwirtschaftlichen Initiative für mehr Tierwohl gut unterwegs. Die zweite Runde der Erstattungen für Landwirte, die bereits in ihre Ställe investiert haben, konnten wir jetzt mit dem Lebensmitteleinzelhandel für 2018 bis 2020 beschließen. Die beteiligten Handelsketten zahlen künftig 6,25 Cent statt bisher 4 Cent pro verkauftem Kilogramm Fleisch in den Tierwohl-Fonds ein. Deswegen habe ich die Hoffnung, dass wir ab 2018 allen 4400 teilnehmenden Betrieben die Investitionen erstatten können. 2020 sollen dann 20 Prozent aller Schweine, also jedes fünfte in Deutschland erzeugte Schwein, über dem gesetzlichen Standard heranwachsen. Das ist ein großer Fortschritt beim Tierwohl.

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Aber die Konsumenten haben beim Einkauf kaum Überblick darüber.

Rukwied Wir sind bewusst den Weg ohne Label gegangen, weil wir zuvor festgestellt haben, dass sich keiner der zahlreichen Versuche mit Kennzeichnungen als erfolgreich herausstellte. Die Akzeptanz der Verbraucher lag oft weit unter einem Prozent, zumal sich Fleischprodukte mit einer Vielzahl verarbeiteter Bestandteile der Tiere kaum sinnvoll labeln lassen. Das wäre darüber hinaus auch sehr kostenintensiv.

Also sprechen Sie sich gegen ein staatliches Tierwohl-Label aus, das Agrarminister Christian Schmidt (CSU) vorschlägt?

Rukwied Zumindest habe ich dem Minister signalisiert, dass wir ihn bei seinem Vorhaben konstruktiv begleiten werden. Ich würde es vielmehr begrüßen, wenn wir seine Initiative und unsere miteinander verzahnen könnten. Dann ließen sich Ressourcen gemeinsam nutzen, etwa bei der Auditierung der Betriebe oder bei den Kontrollen. Das wäre auch den Landwirten besser zu vermitteln.

Viele Bauern beziehen einen wesentlichen Teil ihres Einkommens aus Direktzahlungen der EU. Der Agrarminister will diese anpassen, die Umweltministerin und viele Experten wollen sie zugunsten eines Systems für mehr Naturschutz abschaffen. Was sagen Sie dazu?

Rukwied Ich freue mich, dass sich Minister Schmidt in seinem Grünbuch zu diesem Säulenmodell der EU-Agrarpolitik bekannt hat. Wir sperren uns nicht gegen Reformen. Eine Abschaffung der Direktzahlungen aber wäre fatal und würde vielen Familienbetrieben in Deutschland die Existenzgrundlage mit einem Schlag rauben. Den Vorschlag von Umweltministerin Hendricks für einen Radikalumbau halte ich daher für nicht zielführend.

Ein anderes Vorhaben der Bundesregierung betrifft die Neuregelung des Düngerechts, auch angesichts sehr hoher Nitratbelastungen des Grundwassers durch die Landwirtschaft.

Rukwied Auch im Wissen, dass es Verschärfungen geben wird, muss die Düngeverordnung beschlossen werden.

Moment bitte, die Bauern-Lobby ist doch mit verantwortlich dafür, dass nicht schon viel früher gehandelt wurde . . .

Rukwied Das ist falsch. Ich fordere seit Monaten, dass die Dünge-Verordnung von Bund und Ländern verabschiedet wird und nicht ständig etwas Neues diskutiert wird. Unsere Betriebe brauchen Planungssicherheit. Im Übrigen habe ich mit Wohlgefallen festgestellt, dass im Nitratbericht 82 Prozent der Messstellen in Ordnung sind. Die 18 Prozent Problemfälle sind über Kooperationen zwischen Landwirtschaft und Wasserwirtschaft zu lösen. Dies darf sich nicht verschlechtern. Es wird zu Verschärfungen beim Einsatz von Düngemitteln kommen, unsere Landwirte werden sich darauf einstellen müssen. Richtig ist, dass die Verordnung die notwendige bedarfsgerechte Düngung zulässt.

Jan Drebes führte das Gespräch.

(jd)