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Deutsche Konjunktur: Aufschwung XL nach Absturz XXL

Deutsche Konjunktur : Aufschwung XL nach Absturz XXL

Düsseldorf (RPO). In der Krise ist die deutsche Volkswirtschaft abgestürzt wie kaum eine zweite – nun im Aufschwung wird sie zu einer Konjunkturlokomotive der weltweiten wirtschaftlichen Erholung. Ursache ist in beiden Fällen der starke Export. Doch manche Ökonomen sehen darin auch eine Schwäche.

Düsseldorf (RPO). In der Krise ist die deutsche Volkswirtschaft abgestürzt wie kaum eine zweite — nun im Aufschwung wird sie zu einer Konjunkturlokomotive der weltweiten wirtschaftlichen Erholung. Ursache ist in beiden Fällen der starke Export. Doch manche Ökonomen sehen darin auch eine Schwäche.

Deutschlands Wirtschaft hat vom ersten auf das zweite Quartal einen satten Sprung gemacht: Preis-, saison- und kalenderbereinigt lag die Wirtschaftsleistung laut Statistischem Bundesamt im zweiten Quartal um 2,2 Prozent höher — ein größeres Wachstum als je zuvor im wiedervereinigten Deutschland. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) spricht von einem "Aufschwung XL", der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michal Fuchs sogar von einem "Wirtschafts-Sommermächen". Bundesregierung und Wirtschaftsforschungsinstitute sind nun auch wieder für die Konjunkturaussichten optimistischer.

Hauptstütze des Aufschwungs bleibt trotz Zuwächsen in den Bereichen Konsum und staatliche Investitionen der Export: "Die Dynamik der Investitionen und des Außenhandels hatten dabei den größten Anteil", schreiben die Statistiker.

Krise traf Deutschlands Wirtschaft besonders hart

In der Krise war Deutschlands Wirtschaftsleistung deutlich stärker als die der meisten Industriestaaten eingebrochen, weil die Wirtschaftskraft Deutschlands im internationalen Vergleich sehr stark vom Export abhängt. Die Ausfuhren brachen 2009 in einem Tempo zusammen, wie man es seit Gründung der Bundesrepublik 1949 noch nicht erlebt hat. Die Wirtschaftsleistung schmierte um 4,7 Prozent ab.

Beim Nachbarn Frankreich waren die Folgen nicht so gravierend: Dort schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt nur halb so stark, weil die Franzosen weit weniger außer Landes verkaufen. Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, bezeichnete Deutschland in der Krise daher als "Stoßdämpfer für die Weltwirtschaft". Vor allem das deutsche Kurzarbeit-Modell verhinderte Schlimmeres auf dem Arbeitsmarkt.

Seit Jahrzehnten erwirtschaftet Deutschland einen Handelsüberschuss: Der Wert der Waren und Dienstleistungen, die ins Ausland exportiert werden übersteigt den Wert der Importe. Die alte Stärke Deutschlands wurde im vergangenen Jahrzehnt noch verstärkt: Die Löhne entwickelten sich im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich. Die realen Nettolöhne sind im zurückliegenden Jahrzehnt gesunken. Inflationsbereinigt erhielt ein Arbeitnehmer 1999 noch 16.025 Euro netto, 2009 waren es durchschnittlich nur noch 15.815 Euro im Jahr.

Weiterhin stützte die gemeinsame europäische Währung den deutschen Außenhandel, nicht nur beim Export in andere Länder des Euro-Raums. Weil die anderen Volkswirtschaften im Euro-Raum — vor allem die in Südeuropa — weniger leistungsfähig sind als Deutschland, ist der Euro im Außenwert stabil und wertet nicht — wie die Deutsche Mark — regelmäßig auf. Die deutschen Exporte sind durch den schwächeren Euro im Ausland relativ gesehen billiger und werden dadurch mehr nachgefragt.

Ökonomen uneins über Exportmodell Deutschland

International sorgt die stark auf den Export ausgerichtete deutsche Wirtschaft für Kritik. An die Sperrspitze der Kritiker des deutschen Modells setzte sich der amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman. Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise ging der Ökonom sogar so weit, US-Sanktionen gegen Deutschland in Spiel zu bringen, sollte der Euro noch weiter fallen.

Auch viele europäische Regierungen — darunter die von Frankreich und Luxemburg — kritisierten die deutsche Exportstärke auf Kosten des Binnenkonsums. Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker forderte hohe Löhne im öffentlichen Dienst, die für die übrige Wirtschaft eine Signalwirkung hätten. Auch Frankreichs Wirtschaftsministerin Christine Lagarde forderte Deutschland auf, mehr für den Binnenkonsum zu tun — notfalls auf Pump.

Allerdings gibt es auch Ökonomen, die Deutschlands Modell verteidigen — und sogar als Vorbild empfehlen. "Andere wären stolz auf ihre Exportstärke und ihre beachtliche, hart erarbeitete Wettbewerbsfähigkeit und würden offensiv statt verschreckt auf die internationale Kritik an ihrem Geschäftsmodell reagieren", sagte beispielsweise Denis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaftsordnung, dem "Handelsblatt".

Die Schwäche bleibt der Konsum

Die Mehrzahl der Ökonomen sieht die starke Exportfixierung aber kritisch. "Die große Abhängigkeit vom Export ist gefährlich", warnt beispielsweise der Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit, Andreas Rees. "Wir sind jetzt auf der Sonnenseite, können aber ganz schnell wieder im Schatten stehen." Denn durch den starken Exportanteil der deutschen Volkswirtschaft wirkt sich jedes Auf und Ab der Weltkonjunktur überproportional auf die Wirtschaftsleistung aus.

Denn die große Schwachstelle der deutschen Wirtschaft bleibt die Binnennachfrage. Bereinigt um Preiserhöhungen stiegen die Verbraucherausgaben von 2000 bis 2008 um 15 Prozent, in den USA dagegen um mehr als 50 Prozent. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt schrumpfte gleichzeitig auf 56,3 von 58,9 Prozent, während er in der weltgrößten Volkswirtschaft auf 70,4 von 68,7 Prozent zulegte. "In keinem anderen Industrieland wächst der Konsum so schwach wie bei uns", kritisiert Gustav Horn, Direkter des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).

Mit Material von APN und Reuters

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