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Allianz-Chef Oliver Bäte: "Ich mache mir Sorgen wegen Amazon"

Allianz-Chef Bäte : "Ich mache mir Sorgen wegen Amazon"

Allianz-Chef Oliver Bäte will den traditionsreichen Versicherungsriesen digitalisieren. Gleichzeitig fordert er jedoch mehr Einsatz von der Politik gegen die aus seiner Sicht unfairen und teilweise illegalen Praktiken von Amazon & Co.

Digitalisierung hin, Digitalisierung her, eins machte Oliver Bäte unmissverständlich klar: Versicherungsvertreter wird es auch in Zukunft geben. "Es wird nur eine ganz kleine Kundengruppe geben, die komplett auf persönliche Beratung verzichten will und alles digital macht", sagte der Vorstandschef des Versicherungsriesen Allianz. Trotz Sprachassistenten wie Amazons Alexa oder Apples Siri ist für den 52-Jährigen klar: "Die Chancen für persönliche Beratung sind nie größer gewesen."

Gemeinsam mit dem Wirtschaftshistoriker Klemens Skibicki, Professor an der Cologne Business School, diskutierte Bäte am Montagabend im Konferenzzentrum der Rheinischen Post vor knapp 120 Gästen über die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung. Und dabei machte der Konzernchef klar, dass sich sein Unternehmen zwar einerseits den Herausforderungen stellt, er aber andererseits mehr Unterstützung von der Politik erwarte, weil beim digitalen Wandel Kräfte am Werk sind, mit denen es selbst ein Konzern wie die Allianz, der mit 1,4 Billionen Euro das Vierfache des deutschen Bundeshaushaltes an Vermögen verwaltet, alleine nicht aufnehmen kann.

"Was in China im Internet zum Thema Finanzdienstleistungen läuft, ist noch radikaler als in den USA", so Bäte. Aus der Sicht des Managers, der seit Mai 2015 an der Spitze des Versicherungskonzerns steht, steht, liegt das zum einen daran, dass es in China viel weniger etablierte Strukturen gibt und viele Menschen deutlich mehr auf digitale Angebote zurückgreifen, etwa weil sie nur ungerne in Großstädten das Haus aufgrund der schlechten Luft verlassen wollen. Zum anderen beeinflusst aus Bätes Sicht jedoch auch der Staat die Entwicklung: "Der chinesische Staat hat das Interesse, drei bis vier große digitale Spieler zu etablieren anstelle von vielen kleinen, weil die sich leichter kontrollieren lassen."

Datenschutz als Hindernis

Diese Ungleichheit ist aus Sicht des Managers ein großes Problem - nicht nur zwischen Regionen wie China, den USA und Europa, sondern auch zwischen Online- und Offline-Welt. "Es werden viele Sachen im Internet gemacht", sagte Bäte: "Wenn wir das in der Offline-Welt machen würden, säßen wir alle im Gefängnis." Dies gelte zum Beispiel beim Thema Datenschutz.

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Daher seien für die Allianz nicht nur andere Assekuranzen wie beispielsweise die Huk Coburg Konkurrenten, sondern theoretisch natürlich auch der Online-Händler Amazon, der als Buchhändler startete und inzwischen auch Lebensmittel vertreibt. "Ich mache mir sehr große Sorgen wegen Amazon und anderen große Digitalunternehmen, weil sie sich nicht an geltende Gesetze halten." Bei der Digitalisierung gehe es daher auch um die ethische Frage, welche Geschäftsmodelle nachhaltig sind.

Für den Wirtschafts-Professor Klemens Skibicki resultiert daraus jedoch nicht allein die Schlussfolgerung, dass man das deutsche Datenschutzrecht härter durchsetzen muss, vielmehr müssten Politik und Wirtschaft verstehen, dass sich durch die Digitalisierung die Mechanismen ändern: "Dem Kunden ist es herzlich egal, ob es eine Regulierung gibt, wenn das Vertrauen in die Anbieter oder Produkte da ist - etwa, weil sie ihnen von Freunden über soziale Netzwerke empfohlen werden." Der deutsche Datenschutz ist daher aus seiner Sicht eine der größten Hürden - denn die Schnittstelle zum Kunden, die genau diese Empfehlungen abbildet, würde inzwischen von Facebook, Amazon und Co. besetzt.

Google und Amazon als Versicherungsvermittler?

Dass die großen amerikanischen Digitalkonzerne in Zukunft auch immer stärker im Geschäft mit Auto-, Lebens- oder Rentenversicherungen mitmischen, glaubt Allianz-Chef Oliver Bäte jedoch nicht: "Google verdient so viel Geld mit Werbung, dass die paar Euro, die sie mit der Vermittlung einer Versicherung verdienen könnten, in keinem Verhältnis stehen zu den Haftungsrisiken, die das Unternehmen dafür übernehmen muss."

Trotzdem müssten sich deutsche Unternehmen und die Politik natürlich Gedanken machen, wie man mit dieser neuen Konkurrenz umgehen will. "Natürlich brauchen wir erheblich mehr Innovationen", so Bäte, der während seiner Ausbildung bei der früheren nordrhein-westfälischen Landesbank West LB in den 1980er Jahren hautnah miterlebt hat, wie fatal die Auswirkungen sein können, wenn die Politik sterbende Branchen künstlich am Leben erhält anstatt auf Innovationen zu setzen: "Aber wir brauchen auch eine Standortstrategie für Deutschland und Europa, sonst werden uns irgendwann die Amerikaner oder noch eher die Chinesen beherrschen."

Für die Allianz bedeutet das unter anderem, auch in solchen Bereichen aktiv zu sein, in denen es anfangs vielleicht nicht so lukrativ ist. "Wir verdienen noch mehr Geld mit alten Leuten als andere Industrien", so der Allianz-Chef: "Unser Problem ist also, dass neue Kundengruppen weniger profitabel sind als die alten." Trotzdem müsse man sich um diese kümmern.

Der US-Wissenschaftler Clayton Christensen hat das als "Innovator's Dilemma" beschrieben. Grob gesagt geht es darum, dass alte Unternehmen darauf fixiert sind, ihre Kernprodukte zu optimieren, dann jedoch von jungen Angreifern abgehängt werden, die ohne diese vermeintlichen Altlasten ein völlig neues Geschäftsmodell aufbauen konnten.

Digitalisierung wird Folgen für Allianz-Mitarbeiter haben

"Das Problem vieler etablierter Konzerne ist die Kultur", sagt Klemens Skibicki, der viele Unternehmen aus der vermeintlich alten Welt bei der Digitalisierung berät und auch das Bundeswirtschaftsministerium über einen Beirat bei Digitalthemen berät. "In den Vorstandsetagen sitzen wenige sogenannte Digital Natives." Hinzu käme, dass Deutschland eine relativ alte Gesellschaft habe, in der die junge Digitalgeneration deutlich unterrepräsentiert ist und damit weniger Einfluss auf die Gesellschaft hat als in anderen Ländern. Doch genau dieses Gefühl für die Digitalisierung brauche es. "Ich vergleiche das immer gerne mit Karneval", sagt der Kölner: "Man kann das im Fernsehen gucken, aber richtig spüren kann man es nur, wenn man live dabei ist."

Da lachte nicht nur das Publikum, sondern auch der Allianz-Chef, der in Köln Betriebswirtschaft studierte, bevor er seinen Master of Business Administration in New York machte und anschließend fast eineinhalb Jahrzehnte für die Unternehmensberatung McKinsey arbeitete. Damit nicht auch bei der Allianz bald Aschermittwoch ist, hat Bäte, der schon seit 2008 im Konzernvorstand des Münchner Versicherungsriesen sitzt, sich zum Ziel gesetzt, früh genug zu reagieren. Dabei geht es nicht nur darum, Versicherungsverträge radikal zu vereinfachen, sondern auch über neue Produkte nachzudenken - und die eigene Mannschaft für die Herausforderungen durch die Digitalisierung fit zu machen.

Denn natürlich wird die Digitalisierung auch Folgen für die weltweit knapp 150.000 Allianz-Mitarbeiter haben. "Viele Jobs, die überwiegend aus repetitiven Tätigkeiten bestehen, wird es in Zukunft nicht mehr geben", machte Bäte klar. Wie viele Mitarbeiter in Zukunft nicht mehr gebraucht werden, wollte der Allianz-Chef zwar nicht sagen, er glaube sogar eher, dass man wachsen werde. "Wir wissen aber, dass wir bis 2021 knapp 50 Prozent der Mitarbeiter um- und weiterbilden müssen, speziell in digitale Fertigkeiten", so Bäte. Dabei setze das Unternehmen auch sehr stark auf Online-Training.

(frin)