Montgomery im Interview: Ärztepräsident will Medizinstudenten aufs Land schicken

Montgomery im Interview : Ärztepräsident will Medizinstudenten aufs Land schicken

Düsseldorf (RP). Im Kampf gegen den Ärztemangel auf dem Land hat Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery eine Änderung der Approbationsordnung gefordert. "Wir wollen möglichst viele Studenten für einige Wochen zur Ausbildung in eine Landarztpraxis oder in ein ländliches Krankenhaus schicken", sagte Montgomery im Interview mit unserer Redaktion.

Die Erfahrung zeige, wer im ländlichen Raum seine Weiterbildung gemacht habe, lasse sich auch eher im ländlichen Raum nieder. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der Ärztepräsident über den Arztmangel auf dem Land, die Finanzierung des Gesundheitssystems und eine Prioritätenliste für die medizinische Versorgung.

Werden die Versicherten vom neuen Versorgungsgesetz profitieren?

Montgomery: Das Gesetz kann dazu beitragen, dass die Versicherten eine bessere Versorgung auf dem Land und einen besseren Zugang zu Medizinischen Versorgungszentren bekommen. Wir gehen davon aus, dass nicht nur die hausärztliche, sondern auch die fachärztliche Versorgung besser wird.

In ländlichen Gebieten müssen die Patienten teilweise 30 Kilometer bis zum nächsten Arzt zurücklegen, weil viele Praxen schon dicht gemacht haben. Ist es realistisch das Rad noch einmal zurückzudrehen?

Montgomery: Den Versuch müssen wir unternehmen und dabei planvoll vorgehen. Wir brauchen nicht in jedem Dorf einen Augenarzt. Aber wir brauchen in einer akzeptablen Entfernung einen Zugang zu einem Hausarzt. Mit dem Versorgungsgesetz bekommen wir das leichter hin, weil es den Arzt von der Residenzpflicht entbindet. Der Arzt muss nicht mehr in dem Dorf seinen Wohnsitz haben, in dem die Praxis liegt. Er kann künftig eine Praxis in einem Dorf und auch noch in der Kreisstadt betreiben. So kann er montags und donnerstags in der einen und an den anderen Wochentagen in der anderen Praxis arbeiten.

Reichen die Maßnahmen, um die Ärzte aufs Land zu locken?

Montgomery: Die Kommunen müssen auch etwas beitragen. Wenn die Kommune beispielsweise dafür sorgt, dass auch der Lebenspartner des Arztes oder der Ärztin einen Arbeitsplatz findet, wie dies in Schweden der Fall ist, und wenn die Schulversorgung für die Kinder stimmt und der Arzt von Gemeindeschwestern unterstützt wird, dann wird daraus ein Konzept. Alle Maßnahmen zusammen werden die Ärzte bewegen, aufs Land zu gehen.

Was können die Ärzte selbst beitragen?

Montgomery: Wir wollen möglichst viele Studenten für einige Wochen zur Ausbildung in eine Landarztpraxis oder in ein ländliches Krankenhaus schicken. Dafür muss die Approbationsordnung so geändert werden, dass die Ärztekammern in die Betreuung von Medizinstudenten eingebunden werden. Denn die Erfahrung zeigt, wer im ländlichen Raum seine Weiterbildung gemacht hat, der lässt sich auch eher im ländlichen Raum nieder.

Werden sich durch das Versorgungsgesetz auch die Wartezeiten für Facharzttermine verkürzen?

Montgomery: Das Versorgungsgesetz wird den Arztmangel auf dem Land bekämpfen. Aber ich sehe nicht, dass wir damit das Problem der Terminsuche bei Ärzten in der Stadt lösen können.

Die Pflegebranche kritisiert das Versorgungsgesetz als Klientelpolitik für Ärzte. Können Sie das nachvollziehen

Montgomery: Das gehört zu den üblichen Reflexen im Gesundheitssystem, wenn einer glaubt, er habe nicht genug bekommen. Inhaltlich kann ich die Kritik nicht nachvollziehen. Das Versorgungsgesetz ist kein Ärztebeglückungsgesetz. Es soll auch nicht der Pflege dienen, sondern den Patienten. Grundsätzlich unterstütze ich aber die Pflege bei ihren Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen. Wir brauchen besser bezahlte und mehr Pflegekräfte.

Chirurgen in Heidelberg haben im Internet ein Zweitmeinungsportal eröffnet. Sie bieten an für einen Preis von 400 bis 600 Euro Röntgenfotos danach zu beurteilen, ob eine Operation notwendig ist. Ist das seriös?

Montgomery: Ich sehe das Angebot ambivalent, aber nicht negativ. Es ist absolut legitim, dass sich Patienten eine zweite Meinung einholen. Ich begrüße, dass für dieses Portal Ärzte arbeiten, die sehr fachkundig sind und fundierte Urteile abgeben können. Und es ist auch möglich, Röntgenbilder über das Internet zu verschicken und zu beurteilen. Aber für eine wirklich qualifizierte Zweitmeinung muss der Patient untersucht werden.

Ist es nicht ein bisschen teuer, bis zu 600 Euro für einen Ratschlag zu bezahlen?

Montgomery: Wenn es sich um ein umfassendes Gutachten eines erfahrenen Arztes handelt, dann halte ich das nicht für übertrieben.

Das Portal trägt den Namen "vorsicht-operation", kann man daraus schließen, dass in Deutschland zu viel operiert wird?

Montgomery: Bei einer Reihe medizinischer Verfahren haben wir eine höhere Häufigkeit als andere Länder. Dass liegt auch daran, dass wir medizinisch ein sehr innovatives Land sind und diese Innovationen auch von den Patienten nachgefragt werden.

Erwarten die Deutschen zu viel von ihrem Arzt?

Montgomery: Die Deutschen verlangen sehr viel von ihren Ärzten. Wir sind eine Kultur mit einer hohen Anspruchshaltung an die Ärzte. Die deutschen Patienten würden sich beispielsweise niemals die langen Wartezeiten und die langen Wege zumuten lassen, die in skandinavischen Ländern üblich sind.

Sie haben eine neue Debatte über die Finanzierung des Gesundheitssystems gefordert. Was schwebt Ihnen vor?

Montgomery: Der Gesundheitsfonds ist darauf aufgebaut, dass wir hohe Beschäftigung haben und der Staat einen Zuschuss gibt. Wenn der nächste Konjunktureinbruch kommt, dann gerät der Fonds deshalb von zwei Seiten unter Druck. Mit steigender Arbeitslosigkeit bleiben die Einnahmen durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber aus. Wenn zudem die Steuereinnahmen zurückgehen, wird der Finanzminister die Zuschüsse zurückfahren wollen. Daher brauchen wir eine Finanzierung des Gesundheitssystems, die weniger von der Konjunktur abhängig ist und auch auf die demographische Entwicklung reagiert.

Was kann das sein?

Montgomery: Ein solide finanziertes Gesundheitssystem braucht einen Mix aus einer Umlagefinanzierung, Steuerzuschüssen und nach meiner persönlichen Meinung einem Kapitalstock. Der Kapitalstock sollte sich aus einer Prämie der Versicherten speisen. Mit einer Erstreckung des Systems der gesetzlichen Kassen auf die gesamte Bevölkerung kommen wir nicht weiter.

Ist auch die Priorisierung im Gesundheitswesen, also das Behandeln von Patienten nach Dringlichkeit, noch ein Thema bei den Ärzten?

Montgomery: Ja. Wir werden noch in dieser Woche eine Kommission einsetzen, die Vorschläge erarbeiten soll, wie eine Priorisierung funktionieren kann. Wir wollen allerdings kein fertiges Konzept vorlegen. Vielmehr wünschen wir uns eine gesamtgesellschaftliche Debatte, wie es gelingen kann, dass dringende Fälle auch bevorzugt behandelt werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Frank Ulrich Montgomery

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