Kauf von Twitter Sinneswandel bei Elon Musk – was steckt dahinter?

Washington · Elon Musk hat es sich kurz vor Prozessbeginn noch einmal anders überlegt. Jetzt will er Twitter doch für den vereinbarten Preis kaufen. Über die Gründe wird viel spekuliert.

Elon Musk will Twitter nun doch zu den Original-Bedingungen kaufen.

Elon Musk will Twitter nun doch zu den Original-Bedingungen kaufen.

Foto: AFP/ODD ANDERSEN

Die Nachricht erreichte die leitenden Mitarbeiter des Kurznachrichtendienstes während ihrer Planungssitzung für das kommende Jahr. Statt den Präsentationen zu folgen, starrten die Kollegen gebannt auf Twitter und die internen „Slack“-Kanäle. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dort die Information, dass der vermögendste Mann der Welt sein Lieblingsspielzeug nun doch wieder besitzen möchte. „Twitter zu kaufen beschleunigt die Entwicklung von X, die App für alles“, bestätigte Elon Musk schließlich seinen Sinneswandel gegenüber seinen rund 100 Anhängern auf Twitter.

Richtig glücklich war über diese Ankündigung kaum einer unter den Teilnehmern der Planungssitzung. Diese hatte ohnehin schon unter einem düsteren Stern gestanden, weil die Twitter-Mitarbeiter angesichts des schwebenden Prozesses gegen Musk einer ungewissen Zukunft entgegenblickten. Die Hauptverhandlung sollte am 17. Oktober in Delaware beginnen.

Twitter-Chef-Justiziar Sean Edgett dankte den Beschäftigten später des Tages in einem internen Memorandum „für ihre Geduld“ und versprach, „sie über bedeutsame Neuigkeiten auf dem Laufenden zu halten“. Kurz darauf setzte der Handel mit der Twitter-Aktie vorübergehend aus. Der Konzern hatte bestätigt, von Musks Anwälten ein schriftliches Angebot über den Kauf zu den im April vereinbarten Konditionen erhalten zu haben. Demnach erwirbt der Milliardär die Aktien für 54.20 Dollar pro Anteil zu seinem Gesamtpreis von 44 Milliarden Dollar.

Bei Wiederaufnahme des Handels schnellten die Preise für die Papiere um 22 Prozent nach oben, lagen mit 52 Dollar aber noch immer unter dem vereinbarten Preis. Twitter erklärte, das Unternehmen „beabsichtigt das Geschäft abzuschließen“, wie es von Anfang an vorgehabt hatte. Im Unterschied zu den Mitarbeitern, die einer Übernahme durch Musk mit großer Skepsis entgegensehen, stimmten die Twitter-Aktionäre im September mit 98,6 Prozent für den Verkauf. Musk hatte sich selber nicht an der Abstimmung beteiligt.

Über die Gründe für den neuerlichen Sinneswandel des exzentrischen Milliardärs wird seit Bekanntwerden des Schreibens seiner Anwälte viel spekuliert. Eric Talley von der Columbia Law School verweist auf die für Donnerstag und Freitag dieser Woche anstehende Befragung Musks vor Gericht in Delaware durch die Top-Anwälte Twitters. Für den Tesla-Chef habe sich „eine höchst unangenehme Vernehmung“ abgezeichnet. Es lag „eine Menge belastender Dinge“ vor.

Damit gemeint sind die Erkenntnisse, die Twitters Anwälte in der Erkundungsphase vor Beginn der Hauptversammlung herausgefunden haben. Während dieses Teils des Prozesses haben beide Seiten die Möglichkeit, von den Gegnern relevante Informationen einzufordern. Twitter hatte vor Gericht auf Einhaltung des Deals gepocht, weil der Konzern vermutete, dass Musk bloß nach Ausreden suchte, sich von einem Kauf zu verabschieden, den er bedauerte.

Wie in der gesamten Tech-Welt rauschten die Kurse für Twitter seit dem Frühjahr ab. Der vereinbarte Kaufpreis erwies sich für Musk und die Banken, allen voran Morgan Stanley, die ihn finanzieren wollten, als überteuert. Musk, so der Verdacht, suchte bloß nach Gründen aus dem wasserdichten Kaufvertrag herauszukommen. Er behauptete, hinter einem erheblichen Teil der Twitter-Konten steckten Bots. Dabei handelt es sich um Programme, die nur so tun, als handele es sich um echte Nutzer.

Hartnäckig wiederholte Musk die Behauptung, er sei getäuscht worden. Doch während der Erkundungsphase des Prozesses gewannen seine Anwälte den Eindruck, dass Richterin Kathaleen McCormick nicht sonderlich von den Argumenten beeindruckt schien. Ein ums andere Mal stellte sie sich auf die Seite des Kurznachrichtendienstes.

Selbst der im vergangenen Monat aufgetretene Whistleblower Peiter “Mudge” Zatko, der für kurze Zeit für die Sicherheit bei Twitter zuständig war, half Musk nicht aus der Bredouille. Zwar erkennt auch Zatko in den „Bots“ ein Problem für de Glaubwürdigkeit des Konzerns. Der legendäre Ex-Hacker Zatko hält die Unterstellung des Milliardärs für nicht zutreffend, der Konzern habe den Anteil seiner „Fake-Konten“ absichtlich falsch ausgewiesen. Schließlich bestünde ein wirtschaftliches Interesse an der Korrektheit der Angaben.

Angesichts der Erfahrung mit dem sprunghaften Musk zielen die Twitter-Anwälte darauf ab, die Drohung mit der Hauptverhandlung wie ein Damoklesschwert über ihm schweben zu lassen. Für den Fall, dass der Käufer es sich noch einmal anders überlegen sollte.

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