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Essen: Tränen zum Abschied von Hochtief

Essen : Tränen zum Abschied von Hochtief

Auf der Hauptversammlung setzt der Großaktionär ACS seine Personalpläne mühelos durch. Damit ist Deutschlands größter Baukonzern jetzt fest in der Hand seiner spanischen Konkurrenz. In seiner Abschiedsrede muss Hochtief-Chef Lütkestratkötter um Fassung ringen.

39 Minuten marschiert Herbert Lütkestratkötter tapfer durch seine Rede. Trägt den Aktionären auf der Hauptversammlung noch einmal die "einzigartige Stärke" von Hochtief vor, die sein "großartiges Team" im vergangenen Jahr mit dem "besten Ergebnis in der fast 140-jährigen Konzerngeschichte" gekrönt habe. Zum Ende seiner Rede kündigt der scheidende Vorstandsvorsitzende "ein persönliches Wort" an. Er stockt. Der Saal hält den Atem an. "Ich hatte noch viele Pläne mit meinem Team." Lütkestratkötters Stimme bricht. "Nun ist es anders gekommen." Dann läuft eine Träne über das kantige Gesicht des Westfalen. Sie wird erbarmungslos von der Saalkamera eingefangen und übergroß auf eine Leinwand hinter seinem Rücken geworfen. "Ich habe mein Bestes gegeben. Mehr ging nicht."

Über 2000 Aktionäre im Saal, der Vorstand und der Aufsichtsrat erheben sich. Stehender Applaus für einen Mann, der acht Monate lang mit außergewöhnlichem Einsatz gegen die feindliche Übernahme von Deutschlands größtem Baukonzern durch den spanischen Wettbewerber ACS gekämpft hat. Nur einer klatscht nicht: Frank Stieler. Der in der Öffentlichkeit kaum bekannte Europa-Chef von Hochtief hat, was Lütkestratkötter nicht hatte: Das Vertrauen des Großaktionärs ACS. Deshalb ist er ab heute Lütkestratkötters Nachfolger. Dass Stielers Hände in diesen Sekunden partout nicht zusammenfinden, erzählt viel über den tiefen Graben, den die Schlacht der vergangenen Monate auch im Vorstand von Hochtief hinterlassen hat.

Stieler wird nachgesagt, vor der Zeit die Seiten gewechselt zu haben. Nachweisen kann das niemand. Trotzdem hat Stieler, der sich auf der Hauptversammlung ebenfalls mit ein paar dünnen Sätzen zu Wort meldet, bei den Aktionären im Saal einen schweren Stand. Ebenso wie Klaus Wiesehügel, der als Chef der Gewerkschaft IG BAU im Hochtief-Aufsichtsrat sitzt und die Hauptversammlung aus der hintersten Podiumsreihe verfolgt. Als der Erfolg des ACS-Angriffs absehbar war, flog Wiesehügel nach Madrid, um mit der ACS-Spitze Garantien für die gut 70 000 Hochtief-Mitarbeiter auszuhandeln. Nach Auffassung des Betriebsrates hinter dem Rücken des Vorstandes und der Arbeitnehmer. "Das war der Wendepunkt", hält auch Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) dem Gewerkschafter vor. Mit diesem Alleingang habe Wiesehügel sich zum "Totengräber von Hochtief" gemacht. Immer wieder fordern die Aktionäre im Saal Wiesehügel zur Stellungnahme auf, einige wollen auch seinen Rücktritt. Wiesehügel will antworten, darf aber nicht (siehe Interview).

Die Kleinaktionäre, so scheint es, sind immer noch geschlossen gegen ACS. Sie werfen den Spaniern vor, Hochtief mit Heimtücke erobert zu haben, anderslautende Versprechen gegenüber dem Vorstand gebrochen und die eigene Kandidatenliste für den Aufsichtsrat inakzeptabel kurzfristig präsentiert zu haben. Auf der Hauptversammlung sind sie in der Überzahl. Deshalb werden Wiesehügel und später auch ein ACS-Justiziar ausgebuht. Aber ihre Überzahl hilft den Kleinaktionären heute nicht. ACS besitzt 43,1 Prozent an Hochtief – spätestens im Juni sollen es über 50 Prozent sein. Da auf der Hauptversammlung aber nur gut 68 Prozent der berechtigten Stimmen vertreten sind, haben die ACS-Vertreter das alleinige Sagen. Ohne zu sprechen: Abgesehen von einem völlig unbekannten Rechtsanwalt namens Peter Erbacher, der sich als ACS-Vertreter zu erkennen gibt und sagt, dass ACS zu den Vorwürfen nichts sagen will, sind auf der Hauptversammlung keine weiteren ACS-Vertreter zu hören.

Und so geht alles seinen erwarteten Gang: Mit Zustimmungsraten zwischen 50 und weit über 90 Prozent drückt ACS acht Kandidaten in den Hochtief-Aufsichtsrat, vier davon aus den eigenen Reihen. Der ehemalige Continental-Chef Manfred Wennemer soll das Gremium führen. Der jetzt von ACS dominierte Aufsichtsrat wird Stielers Ernennung zum neuen Hochtief-Chef abnicken. Ab heute ist Hochtief in spanischer Hand.

(RP)