Torsten Withake: „Eine 100-prozentige Sicherheit in Jobcentern ist unmöglich“

Interview mit dem neuen Chef der NRW-Regionaldirektion : „Eine 100-prozentige Sicherheit in Jobcentern ist unmöglich“

Der neue Chef der NRW-Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, Torsten Wirhake, spricht im Interview über die sich eintrübende Konjunktur, Fachkräftemangel und Übergriffe auf Agentur-Mitarbeiter.

Seit wenigen Wochen ist Torsten Withake der neue Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in NRW. Gut gelaunt, mit einem Früchtetee in der Hand empfängt der gebürtige Siegerländer im fünften Stock der Behörde im Düsseldorfer Norden.

20.000 junge Menschen in NRW finden keinen Ausbildungsplatz, denen stehen nur 10.000 unbesetzte Stellen gegenüber. Das muss Sie wurmen.

Withake Ja, das ist unbefriedigend. Ziel ist es, alle Jugendlichen zu versorgen und alle Ausbildungsplätze zu besetzen. Wir tun da schon extrem viel.

Offenbar nicht genug. Immer noch entscheiden sich zu viele Jugendliche für die immer gleichen Berufe – etwa den Kfz-Mechaniker – und lassen andere Berufe links liegen.

Withake Unsere Berufsberater gehen heute noch viel früher in die Schulen. Und sie haben dabei neue Instrumente. Ein Beispiel ist das Selbsterkundungstool, mit dem die Jugendlichen im Netz eine automatisierte Potenzialanalyse erstellen können. Natürlich reicht das nicht. Die Berufswahl muss noch viel stärker Bestandteil des Unterrichts werden. Und die Unternehmer wollen sich ebenfalls noch viel mehr in diesem Kontext engagieren. Das muss nicht immer das dreiwöchige Praktikum sein. Es reicht oft schon, wenn die Schüler ein oder zwei Tage reinschnuppern dürfen.

Die Unternehmer beklagen seit Jahr und Tag, dass die Qualität der Bewerber abnimmt.

Withake Wir dürfen keinen einzigen Jugendlichen aufgeben. Dann müssen wir andere Lernformen entwickeln. Ich kenne zum Beispiel Kreishandwerkerschaften, die ein interessantes Format entwickelt haben: Da können die Jugendlichen mit Schwächen im Schulstoff am Wochenende berufliche Dinge lernen – gleichzeitig werden die schulischen Defizite mit aufgearbeitet. Wer über eine gewisse Zeit bei der Stange bleibt, bekommt am Ende seinen Traumausbildungsplatz.

Der DGB verlangt eine Ausbildungsumlage, die alle zahlen sollen, die nicht ausbilden. Gute Idee?

Withake Nein. Ich bin gegen einen solchen Ablasshandel. So etwas gibt es ja beispielsweise beim Thema Schwerbehinderte im Unternehmen. Dieses Freikaufen ist ein bisschen Balsam für das schlechte Gewissen. Das widerspricht meiner Vorstellung, dass jedes Unternehmen schon aus Eigennutz ausbilden sollte.

Die Konjunktur trübt sich ein. Hätten Sie sich einen anderen Moment für Ihren Amtsantritt gewünscht?

Withake Es kann auch vorteilhaft sein. Weil jetzt die Unternehmer eher erkennen, wie wichtig das Thema Qualifizierung während der Beschäftigung ist. Wenn es nicht nur bergauf geht, dann setzen sich Menschen damit mehr auseinander. Da haben wir extremen Nachholbedarf.

Wie sehen Sie dabei Ihre Rolle?

Withake Wir müssen Unternehmen und Arbeitnehmer gut beraten, wie sie durch diese Zeit der großen Umbrüche kommen. Die Digitalisierung macht Aufgaben überflüssig, der Verbrennungsmotor verliert an Bedeutung, der Braunkohleausstieg ist eine Herausforderung. Gleichzeitig entstehen aber dadurch auch immer neue Beschäftigungsbereiche. Es ist nicht unsere Aufgabe, für die Firmen neue Geschäftsfelder zu identifizieren. Das müssen und werden die schon alleine hinbekommen. Aber wenn die Entscheidung gefallen ist, können wir helfen, die Beschäftigten für die neuen Aufgaben fit zu machen, bevor sie arbeitslos werden.

Wie viel geben Sie im Jahr für Qualifizierung aus?

Withake Wir haben bis Mitte Dezember 527 Millionen in die berufliche Weiterbildung Arbeitsloser und Beschäftigter investiert. Das sind fast 50 Millionen Euro mehr als noch im Vorjahr.

Gerade ist der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung um 0,1 Prozentpunkte gesunken. Werden Sie das Thema Qualifizierung zurückfahren?

Withake Auf gar keinen Fall. Wenn es zu beitragsbedingten Einsparungen kommt, werden wir das Geld an anderer Stelle sparen. Am Qualifizierungsbudget wird nicht gerüttelt. Das wird eher noch steigen.

Ihr großes Problemkind bleibt das Ruhrgebiet.

Withake Ja, insbesondere bei der strukturellen Arbeitslosigkeit. Da werden wir unsere Beratungsanstrengungen sehr stark auf das Teilhabechancengesetz richten. Es geht darum, die Unternehmen und die Langzeitarbeitslosen von dessen Mehrwert zu überzeugen: Die Firma bekommt erhebliche Lohnzuschüsse – in bestimmten Fällen sogar zwei Jahre 100 Prozent. Und der Arbeitslose kann – flankiert durch ein entsprechendes Coaching – wieder Selbstvertrauen gewinnen um im Arbeitsmarkt Fuß fassen. Für das Ruhrgebiet ist das eine enorme Chance und ein gutes, individuelles Angebot für die Menschen, die schon länger einen Job suchen.

Merken Sie bereits, dass die Kurzarbeit wieder ansteigt?

Withake Wir sind noch lange nicht wieder in besorgniserregenden Dimensionen von 2009. Wir sollten aber vorbereitet sein. Und wir müssen aus der Not eine Tugend machen und die Menschen in Kurzarbeit gleich für die Transformation weiterbilden.

Klingt gut. Gibt es aber überhaupt genügend Ausbildungskapazitäten?

Withake Die Nachfrage schafft sich einen Markt. Bildungsanbieter warten darauf, gute Qualifizierung anbieten zu können. Zumal durch die Digitalisierung vieles leichter wird – etwa durch die Einrichtung virtueller Klassenzimmer.

Welche Vorteile werden Sie selbst durch die Digitalisierung haben?

Withake Ein Beispiel ist die digitale Akte. Sollte die Kurzarbeit sprunghaft in einigen Regionen ansteigen, lässt sich mit der digitalen Akte sicherstellen, dass wir zeitnah Leistungen auszahlen – weil wir dann die Bearbeitung einfach auf weniger belastete Regionen umverteilen können. Aber eines ist auch klar: Die persönliche Beratung kann nicht wegdigitalisiert werden, sie wird zukünftig noch viel wichtiger.

Also kein Jobabbau bei der BA wegen der Digitalisierung?

Withake Sagen wir so: Wir werden nicht mehr werden. Aber es wird auch keinen signifikanten Abbau bei uns geben.

Es gab Übergriffe auf Jobcenter-Mitarbeiter – einer in Neuss endete sogar tödlich. Was tun Sie für Ihre Mitarbeiter?

Withake Eine 100-prozentige Sicherheit kann es nicht geben. Aber alles, was möglich ist, machen wir auch.

Das heißt konkret?

Withake Wir schulen die Belegschaft in Deeskalation und auch zum richtigen Verhalten, wenn eine Situation dann doch einmal eskaliert. Wir stellen sicher, dass Zahlungen zeitnah realisiert werden, damit es überhaupt nicht erst zum Übergriff kommt. In vielen Dienststellen haben wir situationsangemessen Sicherheitsdienste in den Jobcentern und Arbeitsagenturen im Einsatz. In Einzelbüros setzen wir auf eine Sicherheitsmöblierung, so dass der Berater eher die Tür findet als der Kunde. Bei alledem stimmen wir uns eng mit der Polizei ab und stellen den Kolleginnen und Kollegen alle Informationen in einfacher, kompakter Form zur Verfügung.

Ist der Umgangston rauer geworden?

Withake Ja, mein Gefühl sagt mir, dass die Ansprache schärfer geworden ist. Das erlebt man ja schon morgens im Regionalexpress. Die Statistik der Hausverbote und Rückmeldungen zu Einzelereignissen in den Dienststellen geben das allerdings nicht her. Unser Appell ist es, dass jede strafbare Handlung auch zur Anzeige gebracht wird. Seit zwei Jahren setzen wir verstärkt auf eine „Null-Toleranz-Strategie“ und erstatten konsequent Strafanzeige. Von unserem Selbstverständnis her sind und bleiben wir aber ein bewusst kundennaher Dienstleister und unsere Grundhaltung ist von Vertrauen und Augenhöhe geprägt.