Thyssenkrupp vor turbulenter Hauptversammlung in Bochum

Hauptversammlung in Bochum : Turbulente Zeiten bei Thyssenkrupp

Führungschaos, drohende Kartellstrafen, Qualitätsprobleme in der Automobilzulieferung, das Stahl-Joint-Venture und die Konzernteilung – an Diskussionsstoff für die Hauptversammlung in Bochum mangelt es nicht.

Es ist keine gewöhnliche Hauptversammlung, die der Wirtschaftsprofessor Bernhard Pellens am Freitagmorgen im Ruhr Congress Bochum als Thyssenkrupp-Aufsichtsratschef leiten wird. Denn hinter dem Konzern liegt kein gewöhnliches Jahr. Und das angebrochene verspricht, nicht ruhiger zu werden.

Thyssenkrupp steckt seit Monaten in einer tiefen Krise. Als er bei den aktivistischen Anlegern den Rückhalt für seine Strategie des integrierten Konzerns schwinden sah, warf Vorstandschef Heinrich Hiesinger im Sommer 2018 genervt die Brocken hin. Dabei hatte er kurz zuvor erst das Stahl-Joint-Venture mit dem indischen Konkurrenten Tata in trockene Tücher gebracht. Wenig später nahm Aufsichtsratschef Ulrich Lehner seinen Hut, nicht ohne sich zuvor medienwirksam über den Psychoterror mancher Investoren zu beschweren.

Die anschließende Suche nach Nachfolgern für die beiden Manager geriet zur Farce. Niemand, so schien es, fühlte sich berufen, den Traditionskonzern mit immer unruhigeren Investoren auf Vordermann zu bringen. Im Aufsichtsrat übernahm deshalb der IG-Metaller Markus Grolms die Rolle des Chefkontrolleurs, dann wurde übergangsweise Bernhard Pellens ins Amt gewählt. Der Gipfel war die gescheiterte Berufung von Daimler-Finanzchef Bodo Uebber zum Chefkontrolleur. Er soll sich an den schmalen Aufsichtsratsbezügen gestört haben. Inzwischen ist mit der früheren Bosch-Managerin und Multi-Aufsichtsrätin Martina Merz eine Chefin für das Gremium gefunden.

Der zunächst nur als Interims-Chef installierte Finanzvorstand Guido Kerkhoff mauserte sich mit dem Rückhalt der Krupp-Stiftung und des zweitgrößten Investors Cevian zur Dauerlösung. Seinen Plan, den Konzern in einen Werkstoff- und einen Industriegüter-Teil aufzuspalten und damit stille Reserven der Aufzugsparte zu heben, treibt er mit deren Unterstützung voran. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte er jüngst: „Wir sind voll im Plan, eine der schnellsten Teilungen der deutschen Industriegeschichte auf die Beine zu stellen.“ Allerdings teilen die Märkte die Euphorie des Managers wohl auch wegen der immensen Kosten von geschätzt 800 Millionen Euro nicht. Zu Jahresbeginn sackte der Aktienkurs auf einen Tiefstand von 14,42 Euro; am Donnerstag pendelten Thyssenkrupp-Papiere um 15,40 Euro.

Über die Teilung selbst wird die Hauptversammlung zwar erst 2020 abstimmen. Doch viel Stoff für kritische und emotionale Nachfragen  gibt es auch so. Die Bilanzdaten 2017/18 waren nach zwei Gewinnwarnungen dürftig (siehe Info-Box), die Dividende beträgt schmale 15 Cent und lässt sich dennoch nicht mit Hilfe des Free-Cashflows finanzieren. Institutionelle Anleger stoßen sich an der Berufung von Martina Merz und dem Finanzfachmann Wolfgang Colberg in den Aufsichtsrat. Beide üben aus Sicht der Großanleger zu viele Mandate aus. Ihre Wahl ist aber wegen des Rückhalts von Krupp-Stiftung und Cevian nicht gefährdet. Dass Ex-BDI-Präsident Hans-Peter Keitel Anfang der Woche aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden ist, dürfte ebenfalls kritisiert werden.

Unmut wird sich auch an der drohenden Kartellstrafe bei Grobblechen und einer möglichen weiteren bei Qualitätsflachstahl entzünden. Immerhin ist das erste Verfahren für die jüngste Gewinnwarnung verantwortlich. Ob auch im zweiten Fall ein Bußgeld droht, ist nicht ausgeschlossen. Zu der Gewinnwarnung hatten auch Qualitätsprobleme im Segment der Automobilzulieferung geführt. Über die Gründe hüllt sich das Management jedoch in Schweigen.

Auch beim Stahl-Joint-Venture ist längst nicht alles unter Dach und Fach. So steht noch die Zustimmung der EU-Wettbewerbshüter aus – und dass die nicht vor unbequemen Entscheidungen zurückschrecken, zeigt das drohende Scheitern der Siemens-Alstom-Zugsparten-Fusion.

Der Dachverband der kritischen Aktionäre hat zudem angekündigt, die Rüstungsgeschäfte mit Staaten wie Ägypten und der Türkei sowie Korruptionsfälle in Israel anzuprangern. All dies sind Zutaten für eine turbulente Hauptversammlung.