Duisburg: ThyssenKrupp setzt Stahl auf Diät

Duisburg : ThyssenKrupp setzt Stahl auf Diät

Das Gros der künftigen Investitionen soll in die Technologie-Geschäfte des Konzerns fließen. Im Duisburger Stahlwerk nimmt ThyssenKrupp trotzdem noch einmal Geld in die Hand, um die Qualitätsführerschaft abzusichern. Die Quartalszahlen verbessern sich über alle Sparten hinweg.

Obwohl ThyssenKrupp erneut unerwartete Verluste beim Betrieb des neuen Stahlwerkes in Brasilien hinnehmen muss, sieht der neue Konzernchef Heinrich Hiesinger in der amerikanischen Stahlsparte "kurz- und mittelfristig den größten Werttreiber für ThyssenKrupp". Die in Nord- und Südamerika inzwischen deutlich verzögert erwarteten Stahlgewinne sollen in Zukunft aber nur noch begrenzt in die Stahlsparte des Konzerns zurückfließen, die in den vergangenen Jahren fast das gesamte Investitionsvolumen von ThyssenKrupp aufgezehrt hatten. "Die Mehrzahl der künftigen Investitionen wird eindeutig in die Technologies-Sparte gehen, und dort vor allem in die Schwellenländer", sagte Hiesinger gestern bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen von ThyssenKrupp. Dort ist das Geschäft mit Aufzügen, Rolltreppen und der Anlagenbau gebündelt.

Zuvor hatte der Aufsichtsrat des inzwischen mit 6,5 Milliarden Euro verschuldeten Konzerns Hiesingers neue Strategie durchgewunken. Wie berichtet wird ThyssenKrupp sich bis zum Herbst 2012 von etwa einem Viertel seines Konzernumsatzes und rund 35 000 Mitarbeitern trennen. Ganz oben auf der Verkaufsliste steht die Edelstahl-sparte mit 11 000 Beschäftigten, gefolgt von großen Teilen des Automobilzuliefergeschäftes. Die Arbeitnehmerseite hat in dieser Woche für alle vom Umbau betroffenen Mitarbeiter einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen sowie ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Käufer ausgehandelt.

Anders als die Mitarbeiter des Krefelder Edelstahlwerkes, deren Zukunft somit offen ist, müssen sich die 12 000 Mitarbeiter des Duisburger Flach-Stahlwerkes trotz Hiesingers strategischem Schwenk zugunsten der Technologie-Sparte vorerst keine Sorgen machen: Während der Rest der Stahlsparte auf Diät gesetzt wird, macht ThyssenKrupp in Duisburg eine Ausnahme. Hier werden noch einmal Millionen investiert, "um die Technologie- und Margenführerschaft abzusichern". Zwar sei Duisburg immer noch Qualitätsführer. "Aber die Konkurrenz hat aufgeholt", sagte Hiesinger. Die Investitionen in Duisburg seien weder mit einem Personal- noch mit einem Kapazitätsabbau verbunden.

Welche Bereiche innerhalb der Technologies-Sparte künftig mit Investitionen rechnen dürfen, ließ Hiesinger offen. Ebenso den Umfang der Investitionen in diesem Bereich, der offenbar stark von den Erlösen in den Verkaufsprozessen abhängt. Insider rechnen aus den Verkäufen mit Einnahmen in Höhe von fünf bis acht Milliarden Euro, mit denen allerdings in erster Linie die Konzernschulden bedient werden müssen.

Nach einem Aufsichtsratsbeschluss aus dem Jahr 2006 sollen nun eigentlich acht bis zehn Milliarden Euro in die Technologies-Sparte fließen. Darauf angesprochen sagte Hiesinger: "Wenn ich alles nachlesen würde, was früher beschlossen wurde, hätte ich viel zu tun. Ich blicke nach vorn und setze um, was möglich ist." Aktuell braucht die Technologies-Sparte dringend Geld für den Aufbau neuer Aufzugs- und Kurbelwellenkapazitäten in China und Indien. Das Wachstum der Märkte dort ist nach einhelliger Experteneinschätzung viel zu rasant, als dass ThyssenKrupp seine Marktanteile dort mit den gegenwärtigen Kapazitäten halten könnte.

Im ersten Halbjahr kann Hiesinger auf bessere Ergebnisse in fast allen Sparten verweisen. Sogar der Edelstahl schrieb schwarze Zahlen. "Wir profitieren von steigenden Mengen und Preisen im Werkstoff- und Komponentengeschäft", sagte er. Der Umsatz kletterte von Oktober bis Ende März um 21 Prozent auf 23,6 Milliarden Euro, während der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) um 22 Prozent auf 770 Millionen Euro nach oben schoss. Hiesinger bekräftigte, dass die Erlöse im Geschäftsjahr um zehn bis 15 Prozent steigen sollen nach zuletzt 42,6 Milliarden Euro. Nach neuen Pannen im Stahlwerk Brasilien vervierfachten sich die Verluste dort in den vergangenen sechs Monaten auf 697 Millionen Euro.

(RP)
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