Thyssenkrupp: Mehr als 6000 Stahlarbeiter demonstrieren

Thyssen-Krupp: Proteste in Duisburg : Mehr als 6000 wütende Stahlarbeiter

Bei einer Kundgebung verlangt die Thyssenkrupp-Belegschaft Jobsicherheit und Investitionen. Doch die Vorstellungen sind unrealistisch.

Tekin Nasikkol könnte nicht entschlossener dreinschauen. Der Gesamtbetriebsratschef der Stahlsparte von Thyssenkrupp hat die Stirn in Falten gelegt. Die schmalen Lippen unter den dunklen Augen und der markanten Nase fest aufeinandergepresst, lässt er den Blick von der Bühne über die vor ihm versammelte Menge schweifen. Mehr als 6000 Menschen sind an diesem Dienstagmittag an die Thyssenkrupp-Hauptverwaltung der Stahlsparte nach Duisburg-Hamborn gekommen. Es sind überwiegend Stahlarbeiter. Viele von ihnen haben eben erst ihre Arbeit unterbrochen und tragen noch ihre grau-roten oder blauen Arbeitsanzüge, schwere Arbeitsschuhe, weiße Helme und Schutzbrillen. Über der Szenerie wehen etliche Fahnen der IG Metall und anderer Gewerkschaften. Die Stimmung ist aufgeheizt. Es werden Rauchtöpfe gezündet. Die Belegschaft ist stinksauer.

Dann tritt Nasikkol ans Podium und spricht das aus, was viele hier denken. Die Geschäftsführung habe den Karren an die Wand gefahren, sagt er. Die Beschäftigten hätten ein Recht auf Klarheit und eine Zukunft. Der Stahlbereich müsse durch Investitionen zukunftsfähig gemacht werden. „Dem Stahlgeschäft geht es nicht gut. Das wissen wir“, sagt er. „Und Schuld daran sind nicht die Arbeiter in den Stahlwerken. Es sind die Manager, die in der Vergangenheit Milliarden in brasilianischen Mangroven-Sümpfen versenkt haben.“

Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust lässt sich fast mit Händen greifen. „Ab Ende des Jahres stehen die Belegschaften ohne Sicherheiten da“, sagt der NRW-Bezirksvorsitzende der IG Metall, Knut Giesler. „Das akzeptieren wir nicht und fordern das Management zu Verhandlungen über eine neue Vereinbarung auf.“ Nur noch bis Ende Dezember gilt die Arbeitsplatz- und Standortgarantie, die die Beschäftigten dem Management nach dem Aus des Stahl-Joint-Ventures mit dem Konkurrenten Tata abgerungen haben. Danach wären Kündigungen möglich. Der Wegfall von 2000 Stellen alleine im Stahl ist bereits angekündigt. Konzernweit sollen es 6000 sein. Personalvorstand Oliver Burkhard hat aber bereits signalisiert, dass es mehr werden könnten. Aus dem Konzernumfeld ist von einer vierstelligen Zahl die Rede.

„Wir haben uns den Tarifvertrag ,Zukunft Stahl’ hart erkämpfen müssen“, sagt Giesler. „Und wenn es sein muss, werden wir es auch diesmal wieder tun. Dass die Bereitschaft dazu da ist, haben die Beschäftigten heute eindrucksvoll gezeigt.“

Im Gebäude tagt am Nachmittag der Aufsichtsrat der Stahlsparte. Nach dem Abgang von Stahlchef Andreas Goss im Sommer ist es nun an seinem Nachfolger Premal Desai, ein Zukunftskonzept für das konjunkturabhängige Stahlgeschäft vorzulegen. Nach der für drei Stunden anberaumten Sitzung präsentiert der Vorstand dann noch den Betriebsratsvorsitzenden der einzelnen Standorte das Investitionskonzept. Noch dringt wenig nach draußen über die konkreten Folgen, die Desais Pläne für die Beschäftigten haben werden. Am Donnerstag will der Betriebsrat darüber die Öffentlichkeit informieren.

Dass es bitter werden wird, ist jedoch ausgemachte Sache. „Wir stehen vor großen Herausforderungen, denn nach der Absage des Joint Ventures mit Tata Steel sind tiefgreifende Maßnahmen notwendig“, heißt es in einem Statement des Managements, das auch eine zentrale Forderung der Belegschaft aufgreift. Und: „Wir müssen investieren. Und das tun wir auch.“ Dabei müssten die finanziellen Mittel in einem angemessenen Verhältnis zum erwarteten Ertrag stehen. „Angesichts der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens ist der Spielraum begrenzt. Für den Stahlbereich sind derzeit bereits Investitionen von 570 Millionen Euro jährlich geplant.“ Das ist aus Sicht der Beschäftigten viel zu wenig. Sie hatten eine Investitionsoffensive von 1,5 Milliarden Euro verlangt.

Beobachter gehen davon aus, dass der für den Stahlbereich geplante Personalabbau in erster Linie den Standort Bochum treffen wird, während in Duisburg investiert werden soll. Thyssenkrupp habe „zu lange auf in den dicken, schweren Stahl gesetzt“, sagt einer aus dem Konzernumfeld. „Das was aber gebraucht wird, ist der dünne, leichte Stahl – und da gibt es hohen Nachholbedarf.“

Wie das Management mitteilt, werden sich Vorstand und Aufsichtsrat der Thyssenkrupp AG in den nächsten Wochen inhaltlich eingehend mit dem Konzept auseinandersetzen, bevor Entscheidungen über zusätzliche Investitionen und deren Höhe getroffen werden. „Gleichzeitig werden dazu Gespräche mit der Mitbestimmung geführt, so wie es bei Thyssenkrupp gute Tradition ist. Klar ist: Das Zukunftskonzept für den Stahl muss sich in die Konzernstrategie einfügen“, heißt es vonseiten der Stahlsparte.