Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff: "Sind bei der Teilung im Zeitplan"

Interview mit dem Thyssenkrupp-Chef : „Sind bei der Teilung voll im Zeitplan“

In der Thyssenkrupp-Zentrale bereitet sich das Management auf eine emotionale Hauptversammlung am kommenden Freitag vor. Der Konzern hat ein bewegtes Jahr hinter sich.

Im Sommer warfen Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner innerhalb weniger Tage hin. Der zunächst nur als Interimschef berufene Guido Kerkhoff kündigte wenige Wochen später eine Teilung des Konzerns an. Viel Diskussionsstoff also für die Aktionäre. Intern laufen in der Thyssenkrupp-Zentrale bereits die Wetten, wie lange die Anteilseigner den Vorstand in die Zange nehmen werden. Vorstandschef Guido Kerkhoff (51) selbst hat mitgewettet. Sein Tipp: 17.17 Uhr.

Für Thyssenkrupp geht ein Horrorjahr zu Ende: Vorstands- und Aufsichtsratschef haben hingeworfen, die Zahlen lassen zu wünschen übrig. Wird 2019 besser?

Kerkhoff Wir haben 2018 wegweisende Entscheidungen für die Zukunft des Konzerns getroffen – mit dem Stahl-Joint-Venture und der Teilung des Unternehmens. Natürlich befinden wir uns in einem wirtschaftlich nicht leichten Umfeld, sind aber jetzt gut aufgestellt.

Ulrich Lehner hat vor seinem Abgang von Psychoterror der aktivistischen Investoren gesprochen. Welcher Art war der Psychoterror, der von Investorenseite auf Sie ausgeübt wurde?

Kerkhoff Herr Lehner hat sich damals nicht konkret zu Thyssenkrupp geäußert, sondern zu aktivistischen Investoren im Allgemeinen.

Dann beschreiben Sie doch mal Ihr Verhältnis zu Großaktionären jenseits der Krupp-Stiftung?

Kerkhoff Wir haben für unsere Teilungspläne von den Aktionärsvertretern im Aufsichtsrat die volle Zustimmung bekommen. Auch die Arbeitnehmer haben  geschlossen zugestimmt. Das galt im Übrigen auch für meine Bestellung zum Vorstandsvorsitzenden. Insofern würde ich sagen, das Verhältnis ist gut. Und unsere Pläne kommen auch an den Märkten gut an.

Tatsächlich? Die Aktie lag Anfang Januar bei schwachen 14,42 Euro.

Kerkhoff Natürlich sind wir mit dem Kurs derzeit nicht glücklich. Aber der Aktienkurs hat sich seit der Bilanzpressekonferenz besser entwickelt als der Dax oder die Kurse unserer Wettbewerber. Der Einstieg von neuen Aktionären wie Harris Associates und dem Staatsfonds von Singapur, die unseren Kurs unterstützen, und die heute fast zehn Prozent am Konzern halten zeigen, dass Thyssenkrupp bei langfristigen Investoren als interessante Anlage wahrgenommen wird.

Keine Sorge, dass sich da eine Phalanx der aktivistischen Investoren gegen Sie bilden könnte, die auf eine Zerschlagung pochen?

Kerkhoff Wir sind mit allen Investoren, die mehr als drei Prozent halten regelmäßig im Gespräch. Elliott zählt da übrigens nicht dazu.

Gibt es keine Kontakte zu Elliott?

Kerkhoff Es gab ein kurzes Schreiben, aber wie gesagt: mit all denen, die mehr als drei Prozent halten, sind wir in einem guten Dialog.

Was ist dran an den Spekulationen, Hans-Peter Keitel wolle vorzeitig aus dem Aufsichtsrat ausscheiden?

Kerkhoff Herr Keitel hat uns mitgeteilt, dass er zum 28. Januar aus dem Aufsichtsrat ausscheiden wird. Er wird auch auf der Hauptversammlung in der kommenden Woche nicht mehr dabei sein.

Bedauern Sie das Ausscheiden?

Kerkhoff Ja. Er hat eine große industrielle Expertise und war dem Unternehmen immer verbunden. Veränderungen im Aufsichtsrat sind aber nichts Ungewöhnliches.

Wird auf der Hauptversammlung schon sein Nachfolger bestimmt?

Kerkhoff Nein. Seine Entscheidung fiel dafür zu kurzfristig. Es wird wieder einen normalen Auswahlprozess geben. Ein Nachfolger wird dann gerichtlich bestellt, ehe es bei der Hauptversammlung 2020 zur regulären Wahl kommt – dann wird die Anteilseignerseite ohnehin komplett neu gewählt.

Die Hauptversammlung  soll am Freitag auch Martina Merz bestätigen, die anschließend zur künftigen Aufsichtsratschefin gewählt werden soll. Wie haben Sie Ihre neue Chefkontrolleurin bislang erlebt?

Kerkhoff Ich sehe der Zusammenarbeit sehr positiv entgegen. Sie ist erfahren in Industrie- und Aufsichtsratsangelegenheiten. Wir haben uns bereits kennengelernt, und ich hatte sofort ein sehr gutes Gefühl.  Und Sie unterstützt unsere Strategie nach vorne, den Konzern zu teilen …

…die dafür sorgt, dass sich Thyssenkrupp aus dem Dax verabschieden muss.

Kerkhoff Früher hätte man gesagt, ein Abstieg in den M-Dax erschwert die Suche nach Investoren. Die Zeiten sind aber lange vorbei. Hier geht es nicht um Eitelkeiten, sondern darum, die Unternehmen gut für die Zukunft aufzustellen. Nach heutigen Verhältnissen dürfte die Thyssenkrupp Industrials AG knapp unterhalb des Dax angesiedelt sein. Und auch die Thyssenkrupp Materials AG, die Rechtsnachfolgerin der alten Thyssenkrupp AG, wird nach heutigen Maßstäben ihre Heimat im M-Dax finden. Damit haben beide Unternehmen eine gute Ausgangsposition.

Bereits zum 1. Oktober sollen die beiden Unternehmen operativ selbstständig aufgestellt sein. Sind Sie im Zeitplan?

Kerkhoff Ja, wir sind voll im Plan, eine der schnellsten Teilungen der deutschen Industriegeschichte auf die Beine zu stellen. Mir ist aber wichtig, dass wir das sorgfältig und gründlich machen und unsere Mitarbeiter dabei mitnehmen. Zurück zu Ihrer Frage: Ich sehe im Moment nichts, was den Zeitplan gefährden könnte.

Steht das Personaltableau für die Vorstände und Aufsichtsräte beider Unternehmen?

Kerkhoff Dazu kann ich noch nichts sagen. Da müssen Sie sich noch gedulden. Im Rahmen der Veröffentlichung der Zahlen für das erste Quartal am 12. Februar werden wir erstmal die Führungsmodelle der künftigen Unternehmen vorstellen. Über die Führungsmannschaften wollen wir dann im Frühjahr entscheiden.

Wie steht es um die Standorte?

Kerkhoff Essen bietet genug Platz für beide Unternehmenszentralen. Vorstellbar ist, dass beide auf dem Thyssenkrupp-Campus bleiben.

Was halten Sie davon, wenn auch die Aufzugssparte herausgelöst würde, um die chronisch dünne Eigenkapitaldecke zu stärken?

Kerkhoff Nichts. Das Thema Eigenkapital adressieren wir ja mit der Teilung. Elevator kann sich als Bestandteil von Industrials viel besser weiterentwickeln und seine Performance verbessern. Wir wollen in diesem Jahr wieder bei der Marge gegenüber dem Vorjahr wachsen. Das Ziel bleibt es, dass sie 2021 bei 13 Prozent und langfristig bei 15 Prozent liegt.

Welche kurzfristigen Schritte sind dafür geplant?

Kerkhoff Nur ein Beispiel: Wir bauen unser Amerika-Geschäft komplett um. Wir werden unser Geschäft in Nord- und Südamerika entflechten, um schneller und flexibler zu werden und näher an den Kunden zu sein. Zudem wird es dort auch personelle Veränderungen auf der Führungsebene geben.

Wie steht es um einen Verkauf des Werkstoffhandels – etwa an KlöCo?

Kerkhoff Der Handel wird ein elementarer Bestandteil von Thyssenkrupp Materials sein. Und das soll auch so bleiben.

Die Arbeitnehmer in Duisburg warten vor allem, wann das Joint Venture mit Tata startet. Welche Signale bekommen Sie von den Kartellbehörden?

Kerkhoff Wir sind bei den Vorbereitungen auf einem sehr guten Weg, so dass wir bei Zustimmung aller Kartellbehörden sofort loslegen können.

Gibt es schon Signale von Behördenseite?

Kerkhoff Wir bleiben bei unserem Ziel, mit dem Joint Venture – nach den erforderlichen Freigaben – im Frühjahr an den Start zu gehen.

Welche Auswirkungen hat der drohende ungeregelte Brexit auf das Joint Venture?

Kerkhoff Wir hoffen auf eine geregelte Brexit-Lösung. Im Stahl wären die wirtschaftlichen Folgen aber beherrschbar. Wir exportieren nicht so viel nach Großbritannien. Und Port Talbot in Wales könnte gerade für Geschäfte auf der Insel von Vorteil sein.

Port Talbot birgt auch Risiken. Die Umweltsituation gilt als tickende Zeitbombe.

Kerkhoff Das sehe ich nicht so. Wir haben uns das Thema im Rahmen der Joint-Venture-Anbahnung genau angesehen und offen thematisiert. Da liegen abgestimmte Maßnahmenpläne vor, um in den nächsten Jahren die Umweltsituation am Standort signifikant zu verbessern. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Alles ist mit den zuständigen Behörden besprochen und alle nötigen Genehmigungen liegen vor.

Es handelt sich aber um Ausnahmegenehmigungen. Die könnten auch widerrufen werden.

Kerkhoff Das halte ich für ein sehr konstruiertes Szenario. Alle Umwelt-Themen in Port Talbot sind seit Langem bekannt. Außerdem: Wir reden über einen der größten Arbeitgeber in Südwales. Ich halte es für unrealistisch, dass eine Behörde dort plötzlich Tausende Menschen auf die Straße setzt, obwohl Rahmenbedingungen und Maßnahmen seit Jahren abgestimmt sind.

Und die Pensionsproblematik ist abschließend geklärt?

Kerkhoff Port Talbot mit seinen 11.000 Beschäftigten ist der wichtigste Sponsor des Pensionsfonds für den Großteil der Rentner der früheren British Steel. Der ist mit über 10 Milliarden Pfund sehr groß und zu über 100 Prozent ausfinanziert. Sollte der doch mal ins Negative drehen, müsste das aber allein von Port Talbot ausgeglichen werden. Also kein deutscher oder niederländischer Stahlarbeiter müsste für die britischen Pensionen zahlen.

Dürften Sie Port Talbot schließen?

Kerkhoff Es gibt dort die Garantie, dass man bis 2021 zwei Hochöfen betreibt.

In Duisburg herrscht die Sorge, dass mit der Verlagerung der Zentrale nach Amsterdam auch die Hemmschwelle sinkt, unangenehme Einschnitte durchzupauken.

Kerkhoff Wir haben einen klaren Fahrplan mit der Mitbestimmung vereinbart. Beide Partner werden zu gleichen Teilen notwendige Sparmaßnahmen tragen. Die wird es im Stahlbereich eher in der Weiterverarbeitung und der Verwaltung geben. Die großen Standorte wie Duisburg und IJmuiden werden aber vom Joint Venture profitieren. Denn Duisburg zählt zu den profitabelsten Stahlwerken Europas und hat eine optimale Lage. Und deshalb wird dort auch in 20 Jahren noch Stahl produziert werden.

Im Stahl haben Sie für ein Kartellverfahren zu Grobblechen bereits Rückstellungen bilden und eine Gewinnwarnung herausgeben müssen. Das könnte Ihnen auch beim Qualitätsflachstahl drohen. Was würde eine ähnliche Rückstellung für Ihre weiteren Pläne bedeuten?

Kerkhoff Aus dieser Untersuchung haben wir keine Erkenntnisse, die für ein Bußgeld sprechen und uns zu Rückstellungen zwingen würden. An unserer Strategie würde sich aber ohnehin nichts ändern.

Thyssenkrupp hat schon unter Ihrem Vorgänger Heinrich Hiesinger wiederholt das saubere Image betont. Und doch müssen Sie sich mit solchen Fällen befassen.

Kerkhoff Wir haben alles getan, um solche Fälle für die Zukunft auszuschließen. Die Vergangenheit kann man aber nicht ändern. Wenn da etwas war, dann müssen wir damit umgehen.

Mehr von RP ONLINE