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Thomas Middelhoff-Strafprozess: Neustart wegen Formfehler

Essen : Middelhoff-Strafprozess: Neustart wegen Formfehler

Deutsche Gründlichkeit kann zeitraubend sein - erst recht, wenn ihr Anlass aus der Strafprozessordnung kommt: Das Landgericht Essen hat den Strafprozess gegen Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wegen eines Formfehlers quasi neu starten müssen. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Jörg Schmitt musste einen Beschluss darüber fällen, ob eine Schöffenrichterin möglicherweise befangen sein könnte. Weil sie dies nicht schon zu Beginn des ersten Verhandlungstages am vergangenen Dienstag getan hatte, musste die Anklage noch einmal neu verlesen werden - diesmal mit der Sprechgeschwindigkeit eines Dieter Thomas Heck. Zudem war Middelhoff gezwungen, seine persönliche Erklärung vom Dienstag zu wiederholen. Auch das geschah im Eiltempo. Dennoch betrug der Zeitverlust einschließlich der Beratungszeiten des Gerichts mehr als vier Stunden.

Die Schöffenrichterin war in den 90er-Jahren Assistentin im Büro des damaligen Karstadt-Vorstandsmitglieds Klaus Eierhoff, der im Middelhoff-Prozess noch als Zeuge geladen werden könnte. Aus der früheren beruflichen Verbindung von Eierhoff und der Mitarbeiterin hätte sich theoretisch ein Befangenheitsvorwurf konstruieren lassen. Diese Möglichkeit musste das Gericht ausschalten - ungeachtet der Tatsache, dass die Frau schon in den 90er-Jahren ihren Job aufgab, weit vor Middelhoffs erstem Auftritt bei Arcandor, und damit eine Befangenheit kaum denkbar ist. Aber solche Praxis-Logik kennt die Strafprozessordnung natürlich nicht.

Die Staatsanwaltschaft wirft Middelhoff vor, Arcandor zu Unrecht mit Kosten von 1,1 Millionen Euro belastet zu haben. Es geht um Flüge mit Chartermaschinen und Hubschraubern sowie eine Festschrift und ein Symposion für Ex-Bertelsmann-Chef Marc Wössner. All diese Kosten hätte aus Sicht der Ankläger Middelhoff tragen müssen, doch es zahlte Arcandor. Die Staatsanwaltschaft bewertet die Wössner-Veranstaltung als "persönliches Geschenk" des Managers an seinen Mentor. Middelhoff erklärte dagegen, die Veranstaltung sei für das Arcandor-Image wichtig gewesen.

(gw/dpa)