Teurer Strom: Alu-Hütte Voerde insolvent

Teurer Strom: Alu-Hütte Voerde insolvent

Das befürchtete Sterben in der Alubranche beginnt: Die Voerde Aluminium GmbH stellt Insolvenzantrag. Über 400 Mitarbeiter sind betroffen. Auch im Rheinwerk in Neuss wächst die Sorge. Die Alu-Herstellung ist sehr energie-intensiv, 2013 drohen neuen Lasten durch den Emissionshandel.

Voerde/neuss Die hohen Strompreise bedrohen die deutsche Aluminium-Branche. Nun hat es die erste Hütte erwischt: Die Voerde Aluminium GmbH (auch Voerdal genannt) stellte Insolvenzantrag beim Amtsgericht Duisburg, nachdem sie im April fällige Kredite nicht mehr bedienen konnte. 410 Mitarbeiter sind betroffen. Der Düsseldorfer Insolvenzanwalt Frank Kebekus, den das Gericht dem Unternehmen zur Seite stellte, informierte gestern in Voerde Frühschicht und Spätschicht über die Lage.

Für das Aus gibt es mehrere Gründe: Der Eigentümer, der niederländische Investor Gary Klesch, habe zu wenig investiert, hieß es auf der Betriebsversammlung. Die IG Metall warf dem Unternehmen vor, keine langfristigen Verträge mit Rohstoff-Lieferanten ausgehandelt zu haben. Die tiefere Ursache liegt aber nach Ansicht von Gewerkschaft, Unternehmen und Branchenkennern in der Entwicklung am Strommarkt.

Kaum eine Branche produziert so energie-intensiv wie die Aluminium-Industrie. Entsprechend heftig schlägt es ins Kontor, wenn sich der Preis für Industrie-Strom gegenüber dem Jahr 2000 fast verdoppelt hat. Mittlerweile entfällt die Hälfte der Produktionskosten in der Aluminium-Industrie auf den Strom, die Personalkosten machen dagegen nur fünf Prozent aus. Dass seit Sommer 2011 zugleich der Weltmarktpreis für Aluminium eingebrochen ist, macht die Sache noch schlimmer. Die Hersteller stehen nun von zwei Seiten unter Druck.

Auch Voerdal wurde so in die Zange genommen. Das Unternehmen (mit einem Jahresumsatz: von 220 Millionen Euro) braucht jeden Tag Strom für 250 000 Euro, wie es heißt. Ein Schwester-Unternehmen, die Alu-Hütte in Vlissingen, hat bereits 2011 Insolvenz angemeldet. In Voerde hofft man nun darauf, nach einem Neustart, möglicherweise mit einem neuen Investor, weiter machen zu können. Das Unternehmen hat Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Das heißt: Es behält die Hoheit über Vermögen und Geschäfte. Der Niederländer Wout Kusters bleibt Geschäftsleiter. Auch Insolvenzanwalt Kebekus hat sein erstes Ziel erreicht: Die Finanzierung des Insolvenzgeldes, das den ausbleibenden Lohn ersetzen soll, sei gesichert. "Ende nächster Woche haben die Beschäftigten das Geld auf ihrem Konto", sagte Kebekus.

Die Nachrichten vom Niederrhein lassen auch die Sorgen im Rheinwerk in Neuss wachsen, das seine Kapazitäten zur Alu-Herstellung schon seit längerem um 80 Prozent zurückgefahren hat. "Der Insolvenzantrag von Voerdal ist für die Belegschaft im Rheinwerk Neuss ein Schock", sagte Günther Appelstiel, Betriebsratschef der Rheinwerk-Mutter Norsk Hydro, unserer Zeitung. "Wenn die Bundesregierung nicht bald eine Lösung findet, wie sie die Alu-Industrie beim Emissionshandel ab 2013 entlastet, droht auch dem Rheinwerk das Aus. Hier bangen 750 Mitarbeiter um ihre Jobs." Ein Sprecher von Norsk Hydro sagte: "Eine Insolvenz droht bei uns nicht, aber die Lage ist angespannt." Das Unternehmen hoffe auf politische Lösungen für günstigere Strompreise in Deutschland. "Darauf sind wir angewiesen", so der Sprecher. Zumal andere europäische Länder ihren Industrien den Rücken freihalten.

Auch die Bundesregierung sieht Handlungsdruck – ist aber zerstritten: Das Wirtschaftsministerium will den energie-intensiven Branchen helfen, indem es ihnen Geld dafür gibt, dass sie bei stark belasteten Stromnetzen vom Netz gehen. Das Umweltministerium will das so nicht. Der Vorgang liegt auf Eis. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Joachim Pfeiffer, mahnte: "Die Maßnahmen aus dem Energiepaket von 2011, mit denen die energie-intensive Industrie vor Wettbewerbsnachteilen geschützt werden soll, müssen unverzüglich umgesetzt werden."

Auch die EU-Kommission sieht er gefordert: Die Kommission brütet seit langem über den Beihilfe-Anträgen, die Deutschland gestellt hat, um die Industrie beim Emissionshandel entlasten zu dürfen. Ab 2013 muss die deutsche Industrie teure Rechte erwerben, um das bei ihr anfallende, klimaschädliche Kohlendioxid emittieren zu dürfen. Damit die besonders energie-intensiven Unternehmen darüber nicht zusammenbrechen, will die Bundesregierung ihnen als Kompensation 500 Millionen Euro pro Jahr zahlen. Das geht der EU-Kommission viel zu weit.

(RP)
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