Billige Shopping-Plattformen Warum Temu und Shein umstritten sind

Düsseldorf · Die Shopping-Apps von Temu und Shein sind bei jungen Menschen sehr beliebt. Doch beide Unternehmen setzen offenbar auf manipulative Verkaufstaktiken. Welche das sind und was zwei Abmahnungen bereits erreichen konnten.

 Die Shopping-Plattformen Shein und Temu stehen in der Kritik.

Die Shopping-Plattformen Shein und Temu stehen in der Kritik.

Foto: dpa/Monika Skolimowska

Shopping-Plattformen wie Shein und Temu werden immer beliebter. Bei einer Konsumenten-Befragung des Kölner Handelsforschungsinstituts IFH gaben 91 Prozent der Befragten an, die Portale zu kennen; 43 Prozent hatten dort schon Kleidung, Schuhe, Deko-Artikel und vieles mehr eingekauft. Vor einem Jahr lagen beide Werte noch mehr als zehn Prozentpunkte niedriger. Und: 2024 bestellten Kundinnen und Kunden offenbar doppelt so häufig bei Shein als noch 2023. Mehr als ein Fünftel (22 Prozent) waren dort mindestens einmal im Monat auf Schnäppchenjagd.

Kein Wunder, denn eines ist klar: Temu und Shein machen nicht nur aggressiv Werbung auf sozialen Medien wie Instagram, sie sind auch billiger als die meisten Anbieter. Ein Teppich für 13,83 Euro? Ein Bikini-Oberteil für 5,07 Euro? Zehn Staubwedel für 95 Cent? Auf den Plattformen, die ihren Hauptsitz in Dublin (Temu) und Singapur (Shein) haben, gelten solche Preise als üblich. Meistens sind die Produkt-Anzeigen gespickt mit Rabatt-Angaben in schwindelerregender Höhe und durchgestrichenen unverbindlichen Preisempfehlungen (UVP). Bei besagtem Vintage-Teppich spart man laut Temu beispielsweise 81 Prozent, angebliche UVP: 73,50 Euro. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (Vzbv) hält das für einen manipulativen Verkaufstrick und hat sowohl Temu als auch Shein dafür erfolgreich abgemahnt. „Es wird nicht ersichtlich, woher diese unverbindlichen Preisempfehlungen kommen“, sagt Heiko Dünkel, Jurist beim Vzbv. Dabei könne es sich genauso gut um Mondpreise handeln, also vorsätzlich deutlich überhöht angesetzte Preisempfehlungen der Hersteller, oder generell um ausgedachte Konstrukte.

Die Verbraucherschützer haben die Billig-Plattformen noch aus weiteren Gründen abgemahnt. So fehlte dem Vzbv zufolge auf mehreren Temu-Produkten die CE-Kennzeichnung – die ist für Waren, die in der EU vertrieben werden, aber verpflichtend. Sie weist darauf hin, dass ein Handelsgut vom Hersteller geprüft wurde und alle EU-weiten Anforderungen bezüglich Sicherheit sowie Umwelt- und Gesundheitsschutz erfüllt. Außerdem machte die Plattform, die ursprünglich in China gegründet wurde und erst 2023 ihren Hauptsitz nach Dublin verlegte, die Verbraucherschützer laut Dünkel mit umweltbezogenen Aussagen auf sich aufmerksam, die die Unternehmen nicht nachweisen könnten. „Temu behauptete unter anderem, dass der Co2-Abdruck eines Pakets sehr viel geringer sei, wenn es zu einer Packstation geliefert würde und nicht zur Privatadresse des Käufers oder der Käuferin. Ähnliche Aussagen haben wir auch bei Shein gefunden“, sagt der Jurist. Hinzu kämen die manipulativen Verkaufstaktiken, auch Dark Patterns (dunkle Muster) genannt. Temu und Shein setzten ihre Kundinnen und Kunden beispielsweise regelmäßig unter Druck, wenn sie ständig darauf hinwiesen, dass das Produkt bereits von Hunderten anderen Nutzern in den Warenkorb gelegt worden sei. „Oft läuft auch ein Countdown von wenigen Minuten ab, der suggeriert, dass man sich mit dem Kauf beeilen sollte, bevor das Produkt vergriffen ist“, sagt Dünkel.

Ein weiterer Grund für die Abmahnung: Das Bewertungssystem sei auf beiden Shoppingportalen undurchsichtig, befinden die Verbraucherschützer. „Es ist völlig unklar, ob die Bewertungen echt sind, woher sie kommen und ob sie nicht von Temu und Shein gekauft wurden“, so Dünkel. Das führe Kunden in die Irre. Und noch ein Klassiker bei Billig-Anbietern: „Das Impressum ist unvollständig. Nutzer finden auf die Schnelle keinen Ansprechpartner, wenn sie Probleme oder Fragen haben“, sagt der Jurist.

Temu und Shein haben inzwischen mit einer Unterlassungserklärung auf die Abmahnungen des Vzbv reagiert. Die Verbraucherschützer nahmen sie an – und schlossen die Verfahren so außergerichtlich ab. Shein hat nun bis zum 1. Juni Zeit, die monierten Punkte zu beheben, Temu muss ebenfalls so schnell wie möglich nachbessern. Wiederholt sich ein Verstoß, kann der Vzbv eine Vertragsstrafe fordern. „Unabhängig davon muss die Europäische Kommission mit ihren geplanten Leitlinien Klarheit im Sinne der Verbraucher:innen schaffen, wie manipulative und süchtig machende Designs auf Online-Plattformen konkret verhindert werden können“, sagte Vzbv-Vorständin Ramona Pop.

Und die Unternehmen selbst? Auf Anfrage äußerte sich nur Temu: „Als relativer Neuling auf dem deutschen Markt suchen wir die Zusammenarbeit mit allen Marktteilnehmern und schätzen deren Anregungen“, schrieb eine Sprecherin. Ziel sei es, nicht nur die gesetzlichen Mindestanforderungen zu erfüllen, sondern sich auch an den bestmöglichen Praktiken zu orientieren. „Die Unterzeichnung der Unterlassungserklärung zeigt unser Engagement für den deutschen Markt“, so die Sprecherin. Shein ließ eine Anfrage unbeantwortet.

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