"Tausende von Telefonwucher betroffen"

"Tausende von Telefonwucher betroffen"

Interview Der Chef der Verbraucherzentrale NRW, Klaus Müller, über den Streit um die Sparvorwahl 010040.

Herr Müller, wie bewerten Sie den neuen Skandal bei Call-by-Call?

Müller Hier im Düsseldorfer Raum haben sich in den letzten Tagen rund 25 Opfer gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte höher sein, so dass wir sicher einige hundert Betroffene hier im Raum, einige Tausend in NRW und natürlich viel mehr in Deutschland haben, denn der Betreiber der 010040 ist mit der Preiserhöhung von knapp zwei Cent auf zwei Euro extrem dreist gewesen.

Verbraucher können sich wehren?

Müller Ja, sie haben sehr gute Chancen, die Zahlung einer überhöhten Rechnung abzuwehren. Eine Preiserhöhung von weit mehr als 1000 Prozent halten wir für Wucher. Außerdem spricht für den Tatbestand des Wuchers, dass der Minutenpreis von 1,99 Euro nichts mit dem üblichen Preisniveau zu tun hat. Ein Ferngespräch in Deutschland kostet üblicherweise wenige Cent pro Minute, das Hundertfache ist jenseits von Gut und Böse.

Was sollten betroffene Kunden tun?

Müller Wenn man die Telekom-Rechnung überweist, sollte man den über den üblichen Verbindungspreis hinausgehenden Betrag von der Rechnung abziehen. Dann der Telekom mitteilen, dass man diesen Betrag nicht akzeptiert, aber dass sie ihre eigenen Kosten und möglicherweise auch andere Gebühren erhält. Zweitens dem Anbieter der zu teuren Nummer, also hier 010040, per Einschreiben mitteilen, aus welchem Grund man die Rechnung nicht akzeptiert. Einen Vordruck für einen Brief findet man unter www.vz-nrw.de.

Die meisten Kunden lassen ihre Telefonrechnung per Lastschrift abbuchen. Was können die tun?

Müller Jede Lastschrift kann in den ersten sechs Wochen zurückgefordert werden über die Hausbank. Dann muss man aber der Telekom den auf sie entfallenden Teil der Rechnung separat überweisen und ihr mitteilen, warum ein bestimmter Rechnungsposten nicht bezahlt wird, damit die einem nicht am Ende den Anschluss sperren.

Und dann kommt ein Prozess?

Müller Die Kunden haben eine sehr gute Chance zu gewinnen. Darum wird die Firma der 010040 eher davor zurückschrecken, zu klagen, weil das teuer wird. In jedem Fall ist aber mit weiteren Inkassoschreiben zu rechnen. Betroffene können sich bei der Verbraucherzentrale NRW beraten lassen. Unsere Berater können auch den Schriftverkehr mit dem Anbieter übernehmen. Kommt es dann doch zu einem Gerichtsverfahren, sollte man sich von einem Anwalt vertreten lassen.

Drohen ähnliche Skandale weiter?

Müller Nun ja, seit dem 1. August müssen die Anbieter der Sparvorwahlen ja ansagen, wie teuer der Tarif pro Minute ist. Aber da wird manchmal etwas getrickst, zum Beispiel durch undeutliche Aussprache der Ansage. Beim Anrufen dann besser auflegen. Bezahlen muss man das Gespräch bei falscher oder fehlender Ansage nicht.

Wo drohen sonst überhöhte Telefonrechnungen?

Müller Wir haben weiter das Problem, dass irgendwelche Anbieter von Gewinnspielen oder anderen Angeboten hohe Beträge über die Telefonrechnung abbuchen. Das kann man verhindern, indem man die Telekom bittet, kein Inkasso mehr für Fremdfirmen zu machen. Dann kann man aber nicht mehr Sparvorwahlen nutzen.

Raten sie als Alternative zu Flatrates?

Müller Nein, nicht grundsätzlich. Flatrates sind attraktiv für Vieltelefonierer. Wer nur gelegentlich ein Ferngespräch führt, muss keine Flatrates haben, obwohl sie relativ günstig wurden. Außerdem muss man sich genau anschauen, was für eine Flatrate einem wirklich hilft: nur ins Festnetz oder mehr?

R. Kowalewsky führte das Gespräch

(RP)
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