1. Wirtschaft

Tarifstreit im Einzelhandek: Verdi attackiert Konzerne

Tarifstreit im Einzelhandel : „Profiteure verstecken sich hinter Verlierern“

Die Tarifgespräche im Handel stocken. Die Arbeitgeber wollen mehr Differenzierung, Verdi spricht von teilweiser Blockadehaltung. Die Branche ist gespalten in Profiteure und Verlierer der Pandemie.

Die Corona-Krise hat den deutschen Einzelhandel im vergangenen und im laufenden Jahr in Gewinner und Verlierer getrennt. Die Gewinner waren vor allem die Lebensmittelhändler und Drogeriemärkte, deren Geschäft durch die Pandemie noch einmal deutlich gewachsen ist, weil die Menschen viel mehr zu Hause aßen als früher; zu den Verlierern gehörten all jene Non-Food-Händler, die teils über Monate hinweg geschlossen bleiben mussten, keinen einzigen Euro umsetzen konnten und um ihre Existenz rangen und ringen.

Angesichts dessen könnte man leicht auf die Idee kommen, dass Unternehmen, die von der Krise deutlich profitiert haben, bei möglichen Tariferhöhungen deutlich mehr draufpacken könnten als beispielsweise Modehändler, von denen ao mancher schwer ins Schlingern geraten ist und für die Mehrkosten nur schwer schulterbar sein könnten. Aber eine höhere Zahlungsbereitschaft bei den Gewinnern der Krise kann Orhan Akman, Einzelhandelsexperte der Gewerkschaft Verdi, in den laufenden Tarifverhandlungen nicht erkennen: „Die Profiteure der Pandemie verstecken sich hinter den Verlierern. Sie sind diejenigen, die blockieren.“

Die Profiteure, das wären zum Beispiel Lebensmittelriesen wie Edeka und Rewe, der Online-Marktführer Amazon,  der Versandhändler Otto. Wer auch immer daran Schuld ist: Die Gespräche stocken mal wieder. Am Donnerstag sind die Gespräche in Nordrhein-Westfalen nach der vierten Runde ohne Einigung zu Ende gegangen. Nächster Termin ist der 15. Juli. Da hofft Akman, dass man sich näher kommt, nachdem der jüngste Vorschlag der Arbeitgeber die Tarifparteien offensichtlich eher entzweit als versöhnt hat.  Der Handelsverband Deutschland (HDE) hatte eine Teillösung präsentiert, mit man „den gut durch die Pandemie gekommenen Unternehmen einen Orientierungsrahmen für freiwillige Entgelterhöhungen auch ohne Tarifabschluss an die Hand geben“ wolle. In Zahlen: Zwei Prozent mehr Geld für die Beschäftigten, dazu als Mögllichkeit eine Einmalzahlung von 300 Euro (150 Euro für Azubis). Ikea, Otto, Rewe, Penny und Edeka wollen dem folgen. Das eigentliche Tarifangebot der Arbeitgeber: Tariferhöhungen in mehreren Schritten über mehrere Jahre und aufgeteilt in jene, die gut, und jene, die schlecht durch die Krise kamen.

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Verdi reagiert verärgert auf den Freiwilligen-Vorschlag des Branchenverbandes. „Damit verschärft der HDE den Tarifkonfliktund erschwert die ohnehin komplizierten Verhandlungen weiter. Mit diesem Versuch einer einseitigen Lohnfestsetzung zündelt der Verband in der laufenden Tarifrunde. Das ist eine klare Provokation der Arbeitnehmerseite durch den Arbeitgeberverband“, so Akman. Einem Tarifdiktat werde man sich nicht beugen.

Die Gewerkschaft fordert 4,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt plus 45 Euro bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, dazu 12,50 Mindestentgelt und die Allgemeinverbindlichkeitserklärung des Tarifvertrags. „„Wenn die Unternehmen und ihr Verbände gemeinsam mit Verdi die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge  beantragen würden, könnte man anders über Lösungen für die Unternehmen in der Krise reden“, sagt Akman.

Damit ist freilich nicht zu rechnen. Die Arbeitgeber pochen stattdessen auf die Differenzierung. Steven Haarke, HDE-Geschäftsführer für Arbeit und Soziales, erklärt, Verdi  müsse einsehen, dass vor allem der nicht systemrelevante Nonfood-Handel bis heute stark unter der Corona-Krise leide. „Die Branche ist zweigespalten. Es ist sehr bedauerlich, dass Ver.di offenkundig nach wie vor nicht zu einem Abschluss mit entsprechender Differenzierung bereit ist. Dabei geht es hier auch um die Sicherung zahlreicher Arbeitsplätze in den vielen Nonfood-Handelsunternehmen. Man sollte doch meinen, dass dies ein Kernanliegen der Gewerkschaft sein müsste“, so Haarke.

Akmans Gegenargument: „Gerade die Beschäftigten im Non-Food-Handel haben während der Zwangsschließungen und wegen Kurzarbeit schon massive Einkommensverluste hinnehmen müssen. Im Einzel- und Versandhandel sind 80 Prozent der Unternehmen nicht tarifgebunden. Da kann es nicht sein, dass wir zulassen sollen, dass diese Unternehmen bei den Entgelten noch weiter nach unten abweichen.“

Wie häufig bei Tarifverhandlungen wurde zuletzt auch gestreikt. Beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, in Berlin, in Brandenburg und Sachsen. Da macht aber längst nicht jeder mit. In de Pandemie ist die Angst der Menschen um ihren Job noch größer als sonst und die Bereitschaft, sich am Arbeitskampf zu beteiligen, entsprechend eher kleiner geworden.