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Günther Oettinger: "Strompreis steigt noch fünf Jahre lang"

Günther Oettinger : "Strompreis steigt noch fünf Jahre lang"

Der deutsche EU-Energiekommissar über die Konsequenzen der Energiewende und die Rolle der Politik, über intelligente Verfahren zum Stromsparen und die Zukunft des Fracking-Verfahrens in Deutschland.

2013 wird der Strom deutlich teurer. Wieviel Energiewende vertragen die Deutschen noch?

Oettinger Die deutschen Strompreise sind heute schon an der oberen Grenze des Vertretbaren angekommen. Gleichzeitig ist absehbar, dass die Kosten für Energie weiter steigen. Es wird demnächst auch in Deutschland viele Haushalte geben, die ihren Strom nicht mehr bezahlen können. Da Strom aber wie Brot und Wasser zum menschlichen Grundbedarf gehört, wird der Staat diesen Haushalten helfen müssen.

Wie teuer wird der Strom denn noch?

Oettinger In den nächsten fünf Jahren wird der Strompreis deutlich schneller als die Inflation steigen.

Warum?

Oettinger Die Energiewende ist in erster Linie eine Stromwende. Es gab in Deutschland einen breiten Konsens zum Atom-Ausstieg. Jetzt kommt der schwierigere Teil: Wir müssen den Atomstrom ersetzen. Der Ausbau regenerativer Energien besteht aber aus viel mehr als ein paar zusätzlichen Windrädern und Sonnenkollektoren. Er setzt auch eine neue Infrastruktur voraus, mit der die stark schwankenden neuen Strommengen transportiert und gespeichert werden können. Das kostet Milliarden.

Jeder Vierte in Deutschland ist unzufrieden mit der Umsetzung der Energiewende. Macht die Politik Fehler?

Oettinger Die Politik muss vor allem ehrlich sein und sagen: Energie wird teurer. Und sie muss klarmachen: Unnötige Kosten, wie sie in Deutschland zum Beispiel durch zu starke Förderung von Photovoltaik-Anlagen entstehen, werden vermieden. Die Förderung hat als Anschubfinanzierung für eine damals noch neue Technologie gut funktioniert, ist aber aus dem Ruder gelaufen und nicht mehr zeitgemäß.

Gehört die Solarförderung verboten?

Oettinger Wir sollten nur soviel Sonnenstrom fördern, wie wir entweder verbrauchen oder speichern können. Das gilt auch für Windkraft.

Welche Rolle spielen private Haushalte bei der Energiewende? Müssen Verbraucher immer nur zahlen?

Oettinger Im Gegenteil, die Rolle der Privathaushalte wird immer zentraler. Um das Potenzial der Privathaushalte zu nutzen, brauchen wir zügig Instrumente wie die Intelligente Stromrechnung und den Intelligenten Stromzähler.

Was ist das?

Oettinger Die Intelligente Stromrechnung weist monatlich aus, welches Gerät wie viel Stromkosten verursacht hat. Das schafft mehr Transparenz und mehr Bewusstsein. Ein Autofahrer wird heute schließlich auch sekundengenau über den aktuellen Verbrauch seines Fahrzeuges informiert und kann seine Fahrweise entsprechend anpassen.

Das klingt anstrengend...

Oettinger Ist es aber nicht. Denn spannend wird das Ganze, wenn die Geräte dann auch noch über ein intelligentes Verbrauchsmanagement vollautomatisch gesteuert werden. Eine moderne Kühltruhe zum Beispiel braucht nur wenige Stunden Strom, um ihre Temperatur tagelang halten zu können. Es wäre doch wunderbar, wenn die Truhe sich den Strom automatisch immer genau dann holt, wenn er besonders günstig ist, weil zum Beispiel gerade viel billiger Solarstrom oder Windstrom im Netz verfügbar ist. Unter diesen Voraussetzungen könnte es auch zu einer Renaissance der Stromspeicherheizung kommen. Mit solchen Techniken sparen wir Geld in den Privathaushalten und stabilisieren gleichzeitig die Netze.

Wann wird so eine Gebäudetechnik in Deutschland Standard?

Oettinger Die EU-Kommission arbeitet gerade intensiv an der Standardisierung der Techniken, damit sie in großen Stückzahlen preiswert produziert werden können. Ich gehe davon aus, dass das stromintelligente Haus in einigen Jahren bei Neubauten die Regel ist.

Bundesumweltminister Altmaier sagt, die Energiewende sei schon zu einem Viertel geschafft. Stimmt das?

Oettinger Ja, das ist eine realistische Einschätzung. Aber der größte Teil liegt noch vor uns. Den Aufbau der Infrastruktur und die politische Überzeugungsarbeit halte ich für die größten jetzt anstehenden Herausforderungen. Ich beobachte mit Sorge, wie Teile der deutschen Politik das Fracking von vornherein ausschließen. Man darf nicht nur die Risiken der Methode sehen. Sie birgt auch Chancen, denen wir uns nicht kategorisch verschließen sollten.

Fracking heißt, mit hohem Druck und viel Gift Gas aus den Tiefen der Erde freisprengen. Das ist gefährlich fürs Grundwasser. Was ist daran gut?

Oettinger Es ist richtig, dass bei der Methode derzeit noch Chemikalien zum Einsatz kommen. Es zeichnet sich aber gerade eine neue Entwicklung ab. In wenigen Jahren wird Fracking ohne Chemie möglich sein. Und dann kommen die Chancen dieser Technik zum Tragen, von denen die USA bereits massiv profitieren: Dort wird sehr intensiv gefrackt. Mit dem Ergebnis, dass Gas in den USA inzwischen viermal billiger als in Deutschland ist.

THOMAS REISENER STELLTE DIE FRAGEN

(RP)