1. Wirtschaft

Streik bei der Deutschen Bahn kostet eine halbe Milliarde Euro

Folgen für die Wirtschaft : "Bahnstreik kostet halbe Milliarde"

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages warnt vor einem teuren Arbeits-kampf. Die Lokführergewerkschaft GDL lehnt die Schlichtung ab. Der Zugverkehr liegt bis Sonntag lahm.

Millionen Reisende und Tausende Unternehmen trifft ab heute der längste Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn. Die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) rief ihre Mitglieder auf, ihre Arbeit knapp sechs Tage lang bis Sonntagmorgen, 9 Uhr, niederzulegen. Der Ausstand im Güterverkehr begann bereits gestern um 15 Uhr. Im Personenverkehr gilt er ab heute früh, 2 Uhr. Wirtschaftsverbände rechnen vor allem wegen der Dauer des Streiks mit enormen volkswirtschaftlichen Kosten. "Alles in allem drohen Streikkosten von einer halben Milliarde Euro", sagte Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Die Landeselternkonferenz warnte gestern, der Streik gefährde die Durchführung einer zentralen Abschlussklausur von Zehntklässlern im Fach Mathematik, die heute in allen Schulformen geschrieben wird.

Wichtigster Streikgrund für die GDL ist ihr Konkurrenzkampf mit der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) um Einfluss im Konzern. Die GDL will auch für die bei ihr organisierten Zugbegleiter einen Tarifvertrag erstreiten. Die Bahn schließt unterschiedliche Tarifverträge für dieselbe Berufsgruppe jedoch aus. Sie hatte zuletzt angeboten, die Löhne für die Lokführer vom 1. Juli an in zwei Stufen um insgesamt 4,7 Prozent anzuheben sowie bis zum 30. Juni einmalig 1000 Euro zu zahlen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) brachte erneut eine Schlichtung ins Gespräch. GDL-Chef Klaus Weselsky hatte dies jedoch bereits gestern Morgen abgelehnt: "Wir lassen nicht über Grundrechte schlichten." Die Bundesregierung will mit dem Tarifeinheitsgesetz, das voraussichtlich noch im Sommer in Kraft tritt, Konkurrenzkämpfe von Gewerkschaften ausschließen. Weselsky wirft der Bahn vor, auf dieses Gesetz zu warten, um seine Gewerkschaft zu entmachten.

NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) sagte: "Angesichts der kleinteiligen Forderungen der Gewerkschaftsführung ist dieser Dauer-Arbeitskampf überhaupt nicht mehr nachvollziehbar." Auch beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) gibt es kein Verständnis mehr für die GDL. "Betroffene von Streiks müssen nachvollziehen können, warum gestreikt wird, damit dieses wichtige Instrument nicht beschädigt wird. Dieses Verständnis droht derzeit zu schwinden", sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann. "Die GDL sollte zurück an den Verhandlungstisch - am besten mit der EVG."

"Das Verständnis bei den Fahrgästen nimmt dramatisch ab", sagte auch Karl-Peter Naumann, Sprecher des Fahrgastverbandes "Pro Bahn". Er schlug statt einer Schlichtung eine Moderation vor. "Bei einer Schlichtung gibt es am Ende einen Schlichterspruch. Bei einer Moderation geht es darum, die Fähigkeit herzustellen, miteinander zu sprechen", sagte er. "Als Moderator könnten wir uns den früheren Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, vorstellen. Es sollte jemand mit Charisma sein, der nicht vom Fach ist, der zuhört und einfache Fragen stellt."

Besonders betroffen vom Streik seien Auto-, Chemie- und Energieindustrie, die Mineralölwirtschaft und die Montanindustrie, sagte Schweitzer. Für die Bahn ist der Streik verheerend, weil viele Kunden dauerhaft auf andere Transportmittel umsteigen.

(mar / qua)