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Start-up Dropfriends: Mehr Paketshops braucht das Land

E-Commerce : Wie der Nachbar zum Paketshop werden soll

Das Kölner Start-up Dropfriends will die Annahme von Paketen vereinfachen – in dem es Abhol-Stationen via App entstehen lässt. Nach einer Finanzierung müssen die Gründer nun ein belastbares Geschäftsmodell aufbauen. Und nebenbei wollen sie auch noch den stationären Handel beleben.

Am Anfang des Start-ups stand ein Sommerkleid: Yasmin Werner hatte es online pünktlich zu einer Party bestellt – doch als der Bote klingelte, war sie nicht zuhause. Und das Paket landete bei einer weit entfernten Abholstation mit so ungünstigen Öffnungszeiten, dass Werner ihre Garderobe umplanen musste. Das hatte weitreichende Folgen: Gemeinsam mit Martin Peters und Osmah Aldoaiss suchte sie so lange nach einer Lösung für dieses weitverbreitete Problem, bis ein Start-up entstand.

Das im Herbst 2019 gegründete Dropfriends ermöglicht es Privatpersonen und Gewerbetreibenden, mit wenigen Klicks in der eigenen App zu einer eigenen Paketstation zu werden. Und erleichtert es umgekehrt den Paketempfängern, einen zuverlässigen Abholpunkt in ihrer unmittelbaren Nähe festzulegen. Damit will das Kölner Start-up das zufällige und nicht immer zuverlässige System professionalisieren, dass manchmal Nachbarn ein Paket füreinander abnehmen – und es manchmal an eine willkürliche Abholstelle, etwa einen Kiosk, gelangt. „Wenn man einfach so Pakete für sein Haus annimmt, dann ist das nicht Nachbarschaftshilfe, sondern Konzernhilfe“, sagt Mitgründer Martin Peters. Denn der Bote spart sich die erneute Anfahrt oder andere Umwege.

Versand direkt an neue Abholpunkte

Nach einiger Tüftelei hat das Start-up in diesem Jahr mit dem ausführlichen Praxis-Test begonnen. Nach eigenen Angaben sind in wenigen Monaten bereits 1500 sogenannter „Droppoints“ entstanden. Ein Schwerpunkt liegt auf Köln und Hamburg. Aber auch in Düsseldorf, Duisburg oder Krefeld finden sich mittlerweile Abholpunkte. Nutzer können in der App nach Stationen in der eigenen Umgebung suchen. Werden sie fündig, können sie sich die exakte Adresse der Station freischalten lassen – und erhalten einen Code, der als „c/o“-Zusatz in die Online-Bestellung eingetragen wird. So geht das Paket direkt an den ausgewählten Empfänger.

In einigen Teststädten ist das Netz bereits eng geknüpft. Ein Rundumblick in der Kölner Innenstadt zeigt: Ein Mensch namens Umut steht gerade einmal drei Gehminuten von der eigenen Adresse entfernt bereit, bis zu Daniela wären es fünf Minuten und bis zu Celina knapp zehn Minuten – alle mit großzügigen „Öffnungszeiten“, zum Teil von sechs Uhr morgens bis 22 Uhr. Die Abholzeiten können selbst definiert werden. Ebenso die Anzahl und maximale Größe der Pakete – damit zerlegte Fahrräder nicht über Wochen das eigene Wohnzimmer belegen. Die Empfänger dokumentieren den Status eines Pakets mit einem Foto, die Abholer können sich per App ankündigen. Das soll verhindern, dass die ausgewählte halb-private Paketstation nicht gerade mit dem Hund raus ist. „Wir sind keine Versanddienstleister, wir machen Empfangsmanagement“, gibt Peters als Mission des Start-ups aus.

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Nutzer kaufen sich Flexibilität, Händler kaufen sich Laufkundschaft

Die Herausforderung für das aktuell achtköpfige Team: Wie lässt sich mit dem Konzept auch nachhaltig Geld verdienen? Verbraucher sind an kostenlosen Versand und Retouren gewöhnt. Der direkte Versand an einen privaten „Droppoint“ kostet den Nutzer aktuell 99 Cent pro Paket. Und doch spürt Peters ein steigendes Interesse: „Es fühlt sich so an, als ob die Menschen vor allem ihre Flexibilität zurückwollen“, sagt der Mitgründer. Statt Paketbenachrichtigungen zu entziffern, können sie sich so sicher sein, wo ihre Ware eingetroffen ist. Umgekehrt erhalten die Anbieter der Droppoints eine Vergütung für ihren Service – ähnlich wie die Kioske, die im Auftrag von DHL und Co. arbeiten. 50 Cent pro Paket sind das Minimum, bei guten Bewertungen kann die Summe sogar steigen. Manche verdienten sich so ein paar Euro dazu, andere freuten sich vor allem über den Austausch, berichtet Peters.

Viel Spielraum und Marge bleibt bei diesem Modell jedoch nicht für das Start-up selbst. Daher wollen Peters, Werner und Aldoaiss ihr Konzept jetzt auch erweitern. Zum einen könnten Online-Shops die Option automatisch in ihren Verkaufsprozess einbinden und übernehmen dafür die Gebühren. So versichern sie sich, dass die Freude über das gekaufte Produkt nicht durch den Frust über ein verlorenes Paket abgelöst wird. Zum anderen könnten kleinere Geschäfte in der Innenstadt und in Stadtvierteln als Droppoints fungieren. Die Unternehmen können die Abholung mit einem kleinen Gutschein für ihr Geschäft verknüpfen - der wird in dem Moment wirksam, in dem ein Kunde das Paket in Empfang nimmt. Das Start-up will auf diesem Weg den Umsatz der stationären Händler mit antreiben. „So kann man die Abholer dazu bringen, in den Geschäften direkt auch noch etwas einzukaufen“, sagt Peters. Für die Einbindung in das Dropfriends-System zahlen die Händler dann eine monatliche Gebühr.

Paketriesen tüfteln auch an sorgenfreier Zustellung

Die ersten Investoren glauben an das Start-up. Vor wenigen Tagen hat Dropfriends eine Finanzierungsrunde abgeschlossen. Mehrere private Geldgeber sowie die NRW-Bank beteiligten sich mit einer mittleren sechsstelligen Summe an den Kölnern. Nach und nach sollen nun weitere Städte dazukommen. Doch noch ist viel Vertriebsarbeit für das junge Team nötig.

Spannend ist zudem die Frage, ob und wie die großen Paketdienstleister auf das Start-up reagieren. Denn DHL, Hermes, UPS oder DPD suchen ebenfalls permanent nach Wegen, die Zahl der missglückten Zustellversuche zu verringern.

Hermes hat vor gut zwei Jahren mit dem „Paketfuxx“ ein sehr vergleichbares Modell ausprobiert. Auch hier wurden Nachbarn dafür vergütet, Pakete für andere anzunehmen. Nach einem Jahr stellte das Unternehmen den Service jedoch wieder ein – in der Coronapandemie nahmen viele im Homeoffice ihre Sendungen selbst an.

Standard für viele Anbieter ist es heute aber beispielsweise, Kunden bis kurz vor der Lieferung per Mail oder App entscheiden zu lassen, wann und wo genau ein Paket zugestellt werden soll. Packstationen sollen ebenfalls die Abhol-Optionen erhöhen. „Doch diese Schränke stehen nicht unbedingt da, wo die Menschen unterwegs sind“, ist Peters überzeugt, „die Pakete müssen so nah wie möglich ran an die Wohnungen der Menschen.“ Da sieht sich das Start-up auf einem guten Weg: In Köln und Hamburg sei die Zahl der Droppoints bereits höher als die der Packstationen. Und in Köln gebe es jetzt schon deutlich mehr Abholpunkte als DHL-Paketshops, sagt Peters.