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Düsseldorf: Starker Franken schockt Schweizer Wirtschaft

Düsseldorf : Starker Franken schockt Schweizer Wirtschaft

Die Firmen wollen mit Entlassungen auf die Aufwertung reagieren, die Nationalbank fährt einen Milliardenverlust ein.

Die Mitteilung der Schweizer Notenbank Mitte Januar war für viele ein Schock: Aufgrund der Euro-Krise und der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) verkündeten die Eidgenossen, dass sie die künstliche Bindung des Franken an den Euro aufgeben müsse - die Maßnahmen waren für die vergleichsweise kleine Notenbank zu teuer geworden. Binnen weniger Minuten stürzte der Kurs von den künstlich aufrechterhaltenen 1,20 auf nahezu einen Franken ab. Von der Eurokrise verunsicherte Anleger flüchteten sich reihenweise in die als sicher geltende Schweizer Währung, die in der Folge weiter massiv aufwertete.

Um den 2011 verkündeten Mindestkurs von 1,20 halten zu können, hatte die Schweizerischen Nationalbank (SNB) immer wieder für hohe Milliardensummen Euro gekauft. Vor allem sollten damit die exportorientierte Schweizer Wirtschaft sowie der Tourismus davor geschützt werden, dass eine zu starke Währung Schweizer Waren und Dienstleistungen für Euro-Besitzer verteuert und damit weniger konkurrenzfähig macht.

Mehr als ein halbes Jahr später werden nun die realwirtschaftlichen Folgen der Notenbankentscheidung deutlich: Die Aufwertung verteuerte Schweizer Produkte und Dienstleistungen um mehr als 20 Prozent. Entsprechend sinkt die Auslandsnachfrage. Zwar herrscht derzeit mit einer Arbeitslosenquote von 3,1 Prozent noch Vollbeschäftigung im Nachbarland, allerdings plant laut einer Umfrage der Beratungsfirma Deloitte unter rund 110 Finanzchefs jedes zweite größere Unternehmen in den kommenden Monaten Entlassungen. Zudem seien Mehrarbeit und Lohnkürzungen in mehr als 80 Prozent der Firmen vorgesehen. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) fürchtet, dass bis Anfang 2016 jeder zehnte Job in der Industrie wegfällt.

Auch den Schweizer Handel in Grenznähe trifft die Entkoppelung hart. Denn die Schweizer gehen noch stärker als bisher dazu über, Lebensmittel und Haushaltsgegenstände im benachbarten Deutschland zu kaufen. Deutsche Städte in der Bodensee-Region haben inzwischen Schwierigkeiten, an den Wochenenden die langen Autokorsos vor den Einkaufszentren in den Griff zu bekommen.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft in Bern hat die Prognose für das Bruttoinlandsprodukt - also den Wert aller im Inland produzierten Güter und Dienstleistungen - für 2015 von 2,1 Prozent auf 0,8 Prozent gesenkt. Beim Schweizerischen Arbeitgeberverband geht man sogar von nur 0,4 Prozent aus.

Inzwischen bekommen auch die Währungshüter selbst die Folgen der starke Aufwertung zu spüren. Die SNB verbuchte - auch wegen des niedrigen Goldpreises - heftige Milliardenverluste: Für das erste Halbjahr wies die SNB ein Minus von 50,1 Milliarden Franken aus (umgerechnet 47,18 Milliarden Euro). Allein durch den Anstieg der Eidgenossen-Währung sei in der Bilanz ein Verlust von 47,2 Milliarden Franken entstanden. Bei den Goldreserven der Notenbank summierte sich das Minus auf 3,2 Milliarden Franken. Für das erste Quartal musste die SNB bereits einen Wertverlust von 30 Milliarden Franken verbuchen. Hingegen hatte sie nach dem ersten Halbjahr 2014 noch einen Rekordgewinn von 38,3 Milliarden Franken melden können.

Bereits vor Bekanntgabe der Halbjahresbilanz forderte der Schweizerische Gewerkschaftsbund die Nationalbank zu erneutem Gegensteuern auf: "Es darf nicht sein, dass die Arbeitnehmenden in der Schweiz die Opfer der Währungsspekulationen und des schlechten Krisenmanagements in der Eurozone werden", erklärte SGB-Chefökonom Daniel Lampart. Die Nationalbank müsse den Frankenkurs wieder aktiv steuern, um Löhne und Jobs zu schützen.

(maxi)