Duisburg/Essen: Stahlarbeiter wollen um jeden Job kämpfen

Duisburg/Essen : Stahlarbeiter wollen um jeden Job kämpfen

Die Thyssenkrupp-Belegschaft in Duisburg hat mit spontanen Arbeitsniederlegungen auf das angekündigte Joint Venture mit Tata Steel Europe reagiert. Die Landesregierung begrüßt dagegen die Pläne.

Die Nachricht von der näher rückenden Stahlfusion hatte sich am größten Stahlstandort von Thyssenkrupp am Morgen schnell verbreitet. Am Tor 1 des Werksgeländes in Duisburg-Hamborn - gegenüber der Hauptverwaltung für die Stahlsparte TKSE - versammelten sich spontan rund 150 Beschäftigte. Rote Gewerkschaftsjacken, beigefarbene Arbeitsanzüge und weiße Schutzhelme bestimmten das Bild. Die Mienen der Anwesenden: betreten. Die Stimmung: trotzig bis kämpferisch. "Es war absehbar", sagte zum Beispiel Stephan Kiwitz, Mitarbeiter in der Logistik. "Für mich ist wichtig, dass der Vorstand nun alle Karten auf den Tisch legt. Wir haben ein Recht darauf zu erfahren, wie es weitergeht. Im Moment können wir alle nur spekulieren." Aber eines sei sicher. "Wir werden um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen."

Zumindest eines ist seit gestern aber klar: Sollte die Fusion der beiden Stahlsparten Ende 2018 zustandekommen, werden in den Jahren darauf 2000 Stellen wegfallen. Die Hälfte davon in der Verwaltung, die andere in der Produktion - zunächst insbesondere in der Weiterverarbeitung. Um die Details muss der Vorstand um Konzernchef Heinrich Hiesinger in den kommenden Monaten mit Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern ringen.

Teile der Belegschaft waren offenbar jetzt schon nicht mehr bereit, die Auseinandersetzung mit der Konzernspitze ausschließlich am Verhandlungstisch zu führen. Die Frühschichten des Warmbandwerkes 1 und des Kaltwalzwerkes 2 hatten sich an diesem Morgen nach einer längeren Beratung spontan dazu entschlossen, die Arbeit niederzulegen. In den beiden Produktionsstätten war mehrere Stunden lang nur eine Notbelegschaft im Einsatz. "Nach der Nachricht heute Morgen waren wir nicht bereit, weiter zu warten", sagte Markus Stochert. Der Stahlarbeiter sprach für die Belegschaft des Warmbandwerkes und forderte: "Wir müssen den Arbeitskampf sofort aufnehmen und für jede Stelle kämpfen." Er betonte, dass die Arbeiter die Entscheidung zur Arbeitsniederlegung gemeinsam getroffen hätten. "Wir lassen uns nicht spalten. Die Zeit zu handeln ist jetzt."

Am Freitag wollen Tausende nach Bochum ziehen, um ihrem Ärger bei einer Großkundgebung Luft zu machen. Unter ihnen Günter Back, Gesamtbetriebsratschef der Stahlsparte. "Der Vorstand hat unsere Warnungen in den Wind geschlagen und mit dieser Entscheidung alles auf eine Karte gesetzt", sagte Back im Gespräch mit unserer Redaktion. Er beklagte vor allem die Festlegung auf Tata. Der Betriebsrat habe jetzt jedoch die Aufgabe, diese aus seiner Sicht falsche Entscheidung mitzugestalten. Ziel müsse es sein, "das Schlimmste" zu vermeiden.

Back betonte, dass der Betriebsrat in der Vergangenheit immer von einem Restrukturierungsbedarf in der Größenordnung von 4000 Arbeitsplätzen ausgegangen sei. "Der Vorstand hat diese Zahl immer dementiert. Zusammen mit dem angekündigten Abbau von 900 Verwaltungsstellen sind wir nun aber schon bei fast 3000 Arbeitsplätzen angelangt." Dass es dabei bleibt, bezweifelt er. Am Ende würden einer Fusion noch "wesentlich mehr" Arbeitsplätze zum Opfer fallen. Back kritisierte zudem die Kommunikationspolitik des Vorstandes. "Mir ist unverständlich, wieso wir aus den Medien von dieser Entscheidung erfahren mussten", sagte er. "Dass am Morgen aufwendig gestaltete Flugblätter am Thyssen-Betriebsgelände verteilt wurden, auf denen der Vorstand die Entscheidung rechtfertigt, deutet darauf hin, dass die Verantwortlichen schon seit Längerem Bescheid wussten." Und nicht nur das. Konzernchef Heinrich Hiesinger hatte zum Auftakt seiner Pressekonferenz einen aufwendig produzierten Imagefilm abspielen lassen, der das Joint Venture anpreisen sollte.

Hiesinger bestritt bei seinen anschließenden Ausführungen, dass es eine Vorfestlegung auf Tata gegeben habe. Man habe alle Optionen ausführlich geprüft, etwa eine deutsche Stahl AG, einen Börsengang oder den Verkauf in Gänze. Ein Zusammengehen mit Tata sei aber am Ende die einzige Option, die dem Stahlgeschäft eine nachhaltige Zukunftsperspektive gebe, warb Hiesinger. "Wir wollen vermeiden, dass sich die Stahlmannschaft zu Tode restrukturiert." Zwar fielen 2000 Stellen weg, im Gegenzug seien aber Zehntausende Arbeitsplätze langfristig gesichert worden.

In das gleiche Horn blies dann auch die Landesregierung: "Die Fusion bietet aus heutiger Sicht eine gute Perspektive für den Standort Nordrhein-Westfalen", sagte Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) in Düsseldorf. So könne "ein Optimum an Arbeitsplätzen gesichert werden".

(RP)