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Düsseldorf: So wenig Arbeitslose wie nie seit 1991

Düsseldorf : So wenig Arbeitslose wie nie seit 1991

Die europäische Schuldenkrise konnte die positive Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt bislang nicht bremsen. Das wird auch so bleiben, sagen einige Experten. Andere rechnen hingegen damit, dass die Euro-Krise die Arbeitslosigkeit wieder nach oben treiben wird.

In Europa tobt die Schuldenkrise, die Konjunktur kühlt sich langsam ab. Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt sich davon aber unbeeindruckt: Die Zahl der Arbeitslosen ist im September weiter gefallen, auf 2,796 Millionen. Die Arbeitslosenquote sank damit um 0,4 auf 6,6 Prozent. Damit wurde zum ersten Mal seit fast 20 Jahren die Marke von 2,8 Millionen geknackt. In NRW ging die Arbeitslosenquote ebenso stark zurück wie im Bundesschnitt. Gleichzeitig kletterte die Zahl der offenen Stellen auf einen neuen Höchststand, wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilte. Ist der deutsche Arbeitsmarkt also tatsächlich robust genug, um die Euro-Krise unbeschadet überstehen zu können, oder steht der Einbruch noch bevor?

"Grundsätzlich hinkt der Arbeitsmarkt der konjunkturellen Entwicklung ein halbes Jahr hinterher", sagt Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, "zurzeit profitiert er also noch von der guten Lage im Frühjahr." Zwar schwäche sich das Wachstum nun etwas ab, eine Rezession sei aber nicht zu befürchten. "Die Wirtschaft wird auch weiterhin um ein bis 1,5 Prozent zulegen und damit nicht nur Jobs sichern, sondern sogar welche schaffen", sagt Schäfer.

Diesen Aufschwung am Arbeitsmarkt könne auch die europäische Schuldenkrise nicht gefährden. "Ich rechne nicht damit, dass die Verunsicherung an den Finanzmärkten die Arbeitslosenzahl nach oben treibt", so Schäfer. Im Gegenteil: Das IW erwartet für 2012 eine Erhöhung der Beschäftigung sowie ein weiteres leichtes Absinken der Arbeitslosigkeit auf durchschnittlich 2,84 Millionen (Prognose für 2011: 2,978 Millionen).

Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarkt-Politik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, sieht das anders. "Die Zeichen verdüstern sich", sagt er, "die Entwicklung des Arbeitsmarktes ist vom Ausgang der Krise abhängig." Schließlich sei die deutsche Wirtschaft stark exportabhängig. "Wenn die Euro-Länder sparen und die Nachfrage nach deutschen Produkten sinkt, werden das auch die Arbeitnehmer zu spüren bekommen." Allerdings könnte die Nachfrage aus den stark wachsenden Schwellenländern wie China und Indien helfen, die mögliche Konjunkturflaute abzufedern. Politische Eingriffe in den Arbeitsmarkt oder eine Neuauflage der gerade auslaufenden Konjunkturpakete hält Schneider aber für überflüssig. "Die Unternehmen werden es aus eigener Kraft schaffen, die konjunkturelle Abkühlung zu überwinden", sagt der Experte, "denn es ist unwahrscheinlich, dass wir erneut einen so drastischen Wirtschaftseinbruch erleben wie vor zwei Jahren."

Tatsächlich sind die Auftragsbücher der deutschen Betriebe immer noch prall gefüllt, und die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt. Vor allem Zeitarbeitsfirmen suchen händeringend Mitarbeiter: Gut jede dritte Stelle wird aus diesem Bereich gemeldet. Aber auch im Groß- und Einzelhandel, in der Bauvorbereitung, der Gastronomie sowie im Gesundheits- und Sozialwesen gibt es viele offene Stellen.

"Die Signale stehen immer noch auf Grün", sagt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, "aber es ist nicht auszuschließen, dass die Euro-Krise dem Arbeitsmarkt einen Dämpfer verpassen wird." Im Gegensatz zu Vorkrisen-Zeiten sei auch nicht damit zu rechnen, dass eine starke Nachfrage aus den USA den Abschwung abfedern könnte. "Die USA stecken selbst in einer Krise. Sie können keine Konjunkturlokomotive mehr sein", so Brenke.

(RP)