So viel NRW steckt in Berlins Gründerszene

Rocket Internet, Zalando und Co. : So viel NRW steckt in Berlins Gründerszene

Berlin ist die Start-up-Hauptstadt Deutschlands – doch ein Großteil der Erfolge hat seinen Ursprung in NRW. Ein Überblick.

Keine Stadt hat in den vergangenen Jahren die Deutsche Start-up-Szene so stark geprägt wie Berlin. In keiner Stadt werden so viele Start-ups gegründet, in keine Stadt fließt mehr sogenanntes Risikokapital – und in keiner Stadt haben so viele bekannte deutsche Start-ups ihren Sitz. Was dabei gerne vergessen wird: Viele dieser Erfolge haben ihre Wurzeln in NRW. Ein Überblick:


Rocket Internet: Marc, Oliver und Alexander Samwer

Die Samwer-Brüder Marc, Oliver und Alexander sind wohl die bekannteste Gründerfamilie der Republik. Durch ihre Investments haben sie in den vergangenen Jahren maßgeblich dazu beigetragen, dass aus Berlin die Start-up-Hauptstadt des Landes wird. Mit ihrer Start-up-Schmiede Rocket Internet haben sie teilweise Unternehmen am Fließband gegründet, oft nach dem Vorbild erfolgreicher Start-ups aus anderen Märkten. Zuletzt schafften es gleich eine ganze Reihe von Samwer-Unternehmen an die Börse – allerdings mit unterschiedlichen Erfolgen: Zalando, Delivery Hero, Hellofresh oder Home24, die Liste der früheren oder aktuellen Samwer-Beteiligungen ist lang.

Aufgewachsen sind die drei Brüder allerdings in Köln, wo ihr Vater Sigmar-Jürgen Samwer eine erfolgreiche Anwaltskanzlei führte. Innerhalb seiner Zunft erlangte auch dieser einige Berühmtheit, zu seinen Mandanten gehörten unter anderem Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und der spätere Bundespräsident Karl Carstens. So beschreibt es jedenfalls Joel Kaczmarek in seinem Buch „Die Paten des Internets“ über die drei Brüder.

Zalando: Robert Gentz und David Schneider

Bevor aus Robert Gentz der Gründer des erfolgreichsten Internethandelsunternehmens Europas wurde, legte er zunächst eine grandiose Pleite hin. Gentz hatte nach dem Abitur 2002 am Neusser Quirinus-Gymnasium Wirtschaft studiert und zusammen mit Kumpel David Schneider in Lateinamerika ein soziales Netzwerk gegründet. Viele hatten ihnen damals davon abgeraten, doch die beiden ließen sich nicht beirren – und hatten am Ende nicht mal mehr genug Geld für den Heimflug in der Tasche.

Heute sind solche Probleme passé. Denn mit dem Modehändler Zalando haben Schneider, der aus Witten stammt, und Gentz einen Milliarden-Konzern aufgebaut, der auch die beiden Gründer reich gemacht hat.

Hellofresh: Thomas Griesel

Mit dem Versand von Kochboxen haben Dominik Richter und Thomas Griesel in Berlin ein Milliarden-Unternehmen aufgebaut. Im November 2017 ging Hellofresh an die Börse und ist heute 1,5 Milliarden Euro wert. Kennengelernt hatten sich die beiden an der Hochschule WHU in Vallendar, wo auch Oliver Samwer studiert hatte. Und so war es auch Rocket Internet, das Hellofresh beim Wachstum half und zu einer der erfolgreichsten Berliner Gründungen machte.

Das Kochboxen-Märchen hätte aber theoretisch auch in Düsseldorf geschrieben werden können, wo Co-Gründer Thomas Griesel zur Schule ging. Aufgewachsen ist der Gründer in Monheim im Kreis Mettmann – in einer Lehrer-Familie.

Horizn Studios: Stefan Holwe und Jan Roosen

Als Stefan Holwe und Jan Roosen den Kofferhersteller Horizn Studios gegründet haben, war das auch eine Kampfansage an die aus ihrer Sicht träge Industrie. „Die größte Gepäck-Innovation in den vergangenen 20 Jahren war der Wandel von zwei auf vier Räder“, hat Holwe mal gesagt. Von Berlin aus bauen die beiden seit 2015 ihr Unternehmen für smarte Gepäckstücke auf, die Koffer von Horizn Studios sind unter anderem mit einer Powerbank zum Laden von Smartphone und Co. ausgestattet, dazu gibt es Zugang zu einer Reise-Plattform.

Mehr als 20 Millionen Euro konnte das Unternehmen bisher von Risikokapitalgebern einsammeln, der Firmenwert liegt nach eigenen Angaben bei rund 50 Millionen Euro. An Horizn Studios ist unter anderem Vorwerk Ventures aus Wuppertal beteiligt, aber auch die Gründer haben ihre Wurzeln in NRW: Holwe kommt aus Troisdorf-Sieglar, Roosen ist in Essen geboren und war anschließend unter anderem für die Strategie beim Düsseldorfer Modehändler Peek und Cloppenburg zuständig.

McMakler: Hanno Heintzenberg und Lukas Pieczonka

Seine erste Begegnung mit einem Makler hatte Hanno Heintzenberg in München. Damals wollte er bei seinem Bruder einziehen. Dafür war im Grunde nur eine kleine Anpassung im Mietvertrag nötig. Trotzdem habe sich der Makler 2,3 Monatsmieten als Provision auszahlen lassen, erinnert sich der gebürtige Düsseldorfer: „Da habe ich gedacht: Das kann ja wohl nicht wahr sein.“

Die Begegnung liegt einige Jahre zurück, seitdem hat sich viel verändert. Mit der Einführung des Besteller-Prinzips hat die Bundesregierung am 1. Juni 2015 dafür gesorgt, dass inzwischen nicht mehr automatisch die Mieter, sondern derjenige die Gebühr bezahlt, der den Makler bestellt. Und Heintzenberg baut seitdem in Berlin mit seinem Schulfreund Lukas Pieczonka das Start-up McMakler auf, das von diesem Gesetz profitiert hat. Die beiden sind in Ratingen aufgewachsen und haben in Kaiserswerth das Suitbertus Gymnasium besucht.

Zig Start-ups sind seinerzeit im Immobilienbereich gegründet worden, die wenigsten haben überlebt. McMakler, an dem unter anderem Lakestar und Target Global beteiligt sind, gehört dazu. Bislang konnte das Start-up rund 40 Millionen Euro Risikokapital einsammeln, 2019 sollen Immobilien im Wert von einer Milliarde Euro über die Plattform verkauft werden.

Haba Digitalwerkstatt: Verena Pausder

Geboren ist Verena Pausder zwar in Hamburg, die Gründerin der Haba-Digitalwerkstatt entstammt jedoch der Bielefelder Textil-Dynastie Delius, deren Namen sie bis zur Heirat mit dem Thermondo-Gründer Philipp Pausder auch trug. In Bielefeld sammelte sie auch ihre ersten unternehmerischen Erfahrungen, als sie mit 19 Jahren mit ihrer Schwester eine Sushi-Bar in der Altstadt gründete.

Pausder, inzwischen selbst dreifache Mutter, engagiert sich heute vor allem im Bildungsbereich. Sie hat die Initiative Start-up-Teens mit initiiert. 2012 gründete sie mit Fox & Sheep ein Start-up, das Apps für Kinder entwickelt und später vom Spielzeugunternehmen Haba (angeblich für einen zweistelligen Millionenbetrag) gekauft wurde. Für das Unternehmen hat Pausder die Haba Digitalwerkstatt aufgebaut, die in Nordrhein-Westfalen seit kurzem auch die Schulhöfe des Landes mit einem Digital-Bus ansteuert.

Code-University: Thomas Bachem

Mit 33 Jahren Hochschulrektor – das schafft kaum jemand. Thomas Bachem schon. Der gebürtige Bergisch Gladbacher hat schon in jungen Jahren Unternehmen gegründet, aufgebaut und verkauft, unter anderem das Portal Lebenslauf.com und die Videoplattform Sevenload.

Der Mitgründer des Bundesverbands Deutsche-Start-ups kennt die Nöte, geeignete Software-Entwickler zu finden, daher aus eigener Erfahrung. So entstand irgendwann die Idee der Code-University, einer privaten Hochschule für Softwareentwickler. Die Hochschule kooperiert mit Firmen wie Zalando oder Trivago, statt in Vorlesungen zu sitzen arbeiten die Studierenden an Praxisprojekten.

2016 wurde die Code-University in Berlin gegründet – nachdem sich auch NRW lange Zeit Hoffnungen gemacht hatte. Heute lernen bereits mehr als 200 Studenten an der Hochschule.