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So soll die Weizenernte wachsen​

Mehr Flächen für Getreideanbau : So soll die Weizenernte wachsen

Die Trockenheit beeinträchtigt die Ernte in Deutschland deutlich, vor allem im Nordosten der Republik. Da kommt die Aussetzung von EU-Regeln für Flächenstilllegungen zur rechten Zeit.

Über Jahre hinweg lag die deutsche Weizenernte stabil bei deutlich mehr als 24 Millionen Tonnen pro Saison. Dann kam die große Trockenheit, und die Erntemengen gingen drastisch zurück. Beim Winterweizen rechnet der Deutsche Bauernverband mit einer Ernte von knapp 21,4 Millionen Tonnen. Das ist zwar ein Prozent mehr als im Vorjahr, aber die Menge liegt nach Angaben des DBV um zehn bis zwölf Prozent unter der durchschnittlichen Erntemenge vergangener Jahre.

Das ist das Ergebnis einer teils extremen Trockenheit, unter der der Nordosten Deutschlands wesentlich stärker leidet als der Rest der Republik. In einigen Regionen blieben die Weizenerträge bis zu 15 Prozent unter dem langjährigen Mittel, heißt es. Weniger Backweizen ist eine Folge dieser Trockenheit und überdies auch der Tatsache geschuldet, dass die Düngeverordnung den Bauern einen Maximaleinsatz von Stickstoff vorschreibt. Und es gibt weniger Grünfutter für die Tiere.

Schlechtere Ernte wegen schlechterer Wetterbedingungen – das kann dazu führen, dass unser Weizenexport (1,7 Millionen Tonnen pro Jahr) zurückgefahren wird und/oder im Selbstversorger-Land Deutschland der Grad der Selbstversorgung abnimmt. Weniger Export hieße schlechtere Versorgung auch der Länder in Afrika, und das in einer Zeit, in der die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs Lieferungen aus dem Kriegsgebiet lange Zeit unmöglich gemacht haben und auch jetzt noch den Export aus dem Hafen in Odessa verlangsamen.

Da fällt die Idee von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), die Anbauflächen für Getreide vorübergehend zu erhöhen und im nächsten Jahr EU-Regeln für ein Jahr außer Kraft zu setzen, bei den Bauern auf buchstäblich fruchtbaren Boden. Die haben das schon lange gefordert. Özdemirs Pläne könnten ihnen eine Atempause verschaffen, sind aber aus Verbandssicht nicht der Weisheit letzter Schluss. „Eine Aussetzung für ein Jahr ist sicherlich nicht ausreichend. Um weiterhin eine sichere Lebensmittelversorgung gewährleisten und in Krisenzeiten reagieren zu können, müssen wir alle Flächen nutzen können, auf denen es landwirtschaftlich sinnvoll ist“, fordert Bauernpräsident Joachim Rukwied. Die Länder müssten den Plänen jetzt zügig zustimmen, so Rukwied.

Das Ja der Bundesländer ist Voraussetzung für die Umsetzung der Pläne und die Außerkraftsetzung der EU-Regeln. Die besagen unter anderem, dass Betriebe, die mindestens zehn Hektar Ackerland bewirtschaften, einen Fruchtwechsel vornehmen müssen. Das heißt: Der Anbau derselben Frucht zwei Jahre hintereinander auf derselben Fläche ist nicht mehr zulässig. Zudem müssten den Vorschriften zur Stilllegung entsprechend landwirtschaftliche Betriebe, die zehn Hektar Ackerfläche und mehr bewirtschaften, vier Prozent ihrer Flächen aus der Bewirtschaftung herausnehmen.

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Das soll dem Artenschutz dienen. Entsprechend harsch fällt die Reaktion der Umweltschutzorganisation Greenpeace aus: „Die ohnehin viel zu geringen Flächen zum Schutz der Artenvielfalt in der Landwirtschaft sollen wirtschaftlichen Interessen geopfert werden. Dabei ist die Ernährungssicherung in Kriegszeiten nur ein Vorwand, um wertvolle Biotope unterzupflügen.“ Was an der Stelle pikant ist: Özdemirs Staatssekretärin Jennifer Morgan war bis zu ihrem Wechsel ins Landwirtschaftsministerium Chefin von Greenpeace. Ihre Berufung sollte ein Signal für umweltfreundliche Landwirtschaftspolitik setzen. Doch die ist in Krisenzeiten schwer umzusetzen. 

Die Regelaussetzung könnte aber laut EU-Kommission immerhin EU-weit bis zu drei Millionen Hektar zusätzlich für die landwirtschaftliche Produktion verfügbar machen. Das würde in der Hoffnung, dass der Krieg nicht sozusagen endlos weitergeht, den Engpass zumindest lindern. Allein in Nordrhein-Westfalen könnten etwa 42.000 Hektar, die nicht mehr zur Verfügung gestanden hätten, jetzt doch genutzt werden. Mehr als 300.000 Tonnen Getreide aus NRW hätten umgekehrt bei den geplanten Anbaustopps auf den Weltmärkten gefehlt.

Nordrhein-Westfalen ist der drittgrößte Agrar-Erzeuger unter den Bundesländern. Seine neue Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) begrüßte am Montag auf Anfrage die Entscheidung Özdemirs zur Aussetzung der Flächenstilllegung: „Ich bin erleichtert, dass Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir nun doch noch kurz vor der Aussaat die richtigen Weichen für die zwingend notwendige Nahrungsmittelproduktion gestellt hat. Das sorgt bei unseren 33.000 Landwirtinnen und Landwirten in Nordrhein-Westfalen für mehr Planungssicherheit.“