München: Siemens streicht 300 Stellen in Krefeld

München : Siemens streicht 300 Stellen in Krefeld

Die Neuausrichtung des Konzerns geht mit schmerzhaften Einschnitten einher. 2700 Jobs sind insgesamt betroffen.

Siemens setzt den Rotstift an: Allein in Krefeld sollen 300 Stellen in den kommenden Jahren wegfallen. Deutschlandweit will der Technologiekonzern 1700 Jobs streichen, weitere 1000 verlagern. Grund sind die Neuausrichtung zum digitalen Industrieunternehmen, die Konzern-Chef Joe Kaeser so vorantreiben will, und Probleme in einzelnen Geschäftsfeldern.

Siemens stellte gestern ein umfangreiches Bündel an Maßnahmen vor, die der Konzern als "gezielte Effizienzverbesserungen" bezeichnete und die die zahlreichen Jobstreichungen, -ver- oder -auslagerungen beinhalten. Gleichzeitig will Siemens jedoch, im gleichen Zeitraum in Deutschland rund 9000 Mitarbeiter neu einzustellen.

Betroffen vom Job-Abbau sind ganz unterschiedliche Geschäftsbereiche, darunter die digitale Fabrik, in der Siemens Hard- und Software für Fertigungsprozesse anbietet, die Zugsparte oder die Ausbildung. Besonders drastisch sind die Maßnahmen jedoch in der Unternehmens-IT. Deren Neugestaltung spiele "eine Schlüsselrolle beim Wandel hin zum digitalen Industrieunternehmen", sagte der zuständige Siemens-Vorstand Michael Sen. Für die Mitarbeiter bedeutet das: In den nächsten drei Jahren werden 1350 Stellen an den Standorten München, Erlangen und Nürnberg gestrichen. Rund 700 davon sollen an externe Anbieter gehen.

In der Zugsparte leidet Siemens unter der Konkurrenz aus China. Preisdruck und aggressive Marktstrategien des Unternehmens China Railway Rolling Stock Corporation (CRRC) zwingen Siemens nach eigenen Angaben zu Einschnitten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. "Die sehr starke Intensivierung des Wettbewerbs des weltweiten Bahngeschäfts hat auch Konsequenzen für uns", sagte der zuständige Siemens-Manager Jochen Eickholt. Um in diesem Umfeld bestehen zu können, müsse der Konzern handeln.

Im Werk Uerdingen in Krefeld, wo Hochgeschwindigkeitszüge hergestellt werden, streicht das Unternehmen deshalb rund 300 Arbeitsplätze. Heute soll die Belegschaft über die Situation informiert werden, anschließend sollen Gespräche der Verantwortlichen mit den Arbeitnehmervertretern folgen, sagte ein Siemens-Sprecher. Man rechne damit, dass von den Stellenstreichungen überwiegend die Fertigung betroffen sein werde.

In der Sparte digitale Fabrik kommt es durch die Zusammenfassung mehrerer Lager im Großraum Nürnberg, Fürth, Erlangen und Amberg zu einem neuen Logistikzentrum in Amberg zu Einschnitten. Das Zentrum soll von einem externen Dienstleister betrieben werden.

Auch in der Ausbildung räumt Siemens auf. Bisher ist sie auf deutschlandweit 33 Standorte verteilt, diese Zahl soll bis 2021 schrittweise angepasst werden, wie es hieß. Davon könnten noch einmal deutschlandweit rund 180 Jobs betroffen sein. Bei der Gewerkschaft IG Metall sorgt das für Unverständnis: "Dass aus reinen Kostengründen auch bei der Ausbildung Hand angelegt werden soll, beunruhigt uns sehr", sagte ein Sprecher. Und das, obwohl auch Siemens häufig über Fachkräftemangel klage.

Insgesamt kommt das Ausmaß der Umstrukturierungen für die IG Metall überraschend: Siemens hatte erst vergangene Woche gute Quartalszahlen vorgelegt, die besser ausgefallen waren als von vielen Analysten erwartet. Der Umsatz hatte im zweiten Quartal um sechs Prozent auf 20,22 Milliarden Euro zugelegt, der Gewinn um 0,4 Prozent auf 1,45 Milliarden Euro. Gerade angesichts dieser hervorragenden Geschäftszahlen und voller Kassen halte man die Maßnahmen für voreilig, sagte ein IG-Metall-Sprecher.

Grundsätzlich verfalle Siemens in sein gewohntes Muster, auf wirkliche oder eingebildete Schwierigkeiten mit Kostensenkungen und Stellenabbau zu reagieren. Bislang handele es sich bei dem Maßnahmenpaket derweil nur um eine "Wunschliste", so der Sprecher. "Bevor Verhandlungen aufgenommen oder gar Entscheidungen getroffen werden, wird die Arbeitnehmerseite jede einzelne Maßnahme gründlich überprüfen."

(RP)
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