Shareconomy — Teilen mit Gewinn

"Shareconomy" : Teilen mit Gewinn

Der Begriff des Teilens hat sich durch die Digitalisierung radikal verändert. Seine Bedeutung wurde ins Gegenteil verkehrt. Er bezeichnet nun nicht mehr den altruistischen Vorgang, sondern ein neues Geschäftsmodell.

Teilen ist ein schönes Wort. Man denkt gleich an Sankt Martin, der seinen Mantel mit dem Schwert teilte und eine Hälfte dem frierenden Mann reichte. Teilen bedeutet, dass am Ende zwei haben, was vorher nur einer hatte, und beide froh damit sind, weil keiner mehr so stark frieren muss. Es ist also eigentlich ein gutes Zeichen, dass es kaum einen Begriff gibt, der im Internet häufiger benutzt wird als der des Teilens. Wer einen Text online liest, wird gefragt, ob er ihn teilen möchte oder — wie es auf Englisch heißt — sharen. In sozialen Netzwerken wie Facebook teilen die Menschen Erlebnisse und Meinungen. Und über Apps wie Airbnb und Uber kann man seine Wohnung und sein Auto mit anderen teilen.

Aber das Teilen im Internet ist ein anderes als das altbekannte Teilen. Es trägt denselben Namen, hat aber nicht dieselbe Qualität. Zu beobachten ist eine Sinnverschiebung. Teilen bedeutet im Netz, dass der Gebende und der Nehmende durchaus und nach wie vor glücklich werden können, dass aber in jedem Fall ein Dritter profitiert. Dieser Dritte ist derjenige, in dessen Namen sich das Teilen vollzieht oder: auf dessen Internetseite. Denn auch das hat sich geändert: Teilen ist kein altruistisches oder moralisches Verhalten mehr. Sondern in den meisten Fällen ein kapitalistisches. Der soziale Gedanke wird zum Geschäft, die gute Tat ist lukrativ. Es gibt bereits einen Fachbegriff, er heißt "shareconomy".

Vielleicht sollte es schon misstrauisch machen, wie bequem, wie einfach und schnell man im Internet etwas teilen kann.

Teilen bedeutete ja bisher einigen Aufwand und mitunter auch Unannehmlichkeit: Der Mantel musste erst mal durchgeschnitten werden, und so warm wie vorher war es mit der verbliebenen Hälfte dann auch nicht mehr. Der Teilende verzichtete. Was ihn indes wärmte, war das gute Gefühl.

Das gute Gefühl weicht inzwischen immer häufiger dem Zweifel. Denn wer auf Facebook etwas teilt, bekommt dafür zwar Zustimmung in Form von Likes. Er füttert aber in erster Linie den Datenvorratsspeicher des Unternehmens mit Informationen über Standort, Vorlieben und Konsumverhalten. Daten sind die Währung, mit der Internet-Firmen handeln. Der Taxi-Service Uber etwa erstellt per GPS ein Datenprofil von seinen Kunden, wie das ARD-Politmagazin "Panorama" nachwies. Uber ist eben keine Hippiegemeinschaft, obwohl sich ähnliche Unternehmen gern als solche inszenieren, sondern ein Konzern. Schätzwert: 17 Milliarden Dollar.

Nicht alle, aber viele Internet-Geschäftsmodelle, die sich damit schmücken, dass Teilen ein Mittel sei gegen Ressourcenverschwendung, Überproduktion und Umweltbelastung, passen bei genauerer Ansicht viel besser in ein Szenario des unreglementierten Kapitalismus. Man hört von unterlaufenen Arbeitsstandards und ausgehebelten Rechtsvorschriften, von Mitarbeitern mit unzureichendem Versicherungsschutz.

Es soll hier nicht darum gehen, dass das bei Facebook geteilte Erlebnis vielleicht den Erinnerungswert, den es hätte haben können, nicht erreicht, weil viele Leute es kommentieren und bewerten und den Wert des Erlebnisses damit verändern. Es soll auch nicht darum gehen, dass Besitz und die Dinge mitunter wichtig sind, weil sie Identität erst konstruieren und einen Lebensentwurf vergegenwärtigen. Und natürlich kann es zur Lebensqualität beitragen, wenn Eigentum kein Statussymbol mehr ist, sondern ein Erlebnis zum Wert wird und sich im Teilen vervielfacht. Es geht also nicht um modische Kulturkritik an der Digitalisierung, sondern um den Eindruck, dass es ein Anzeichen sein kann für eine veränderte Weltsicht, wenn ein Begriff eine andere Färbung annimmt.

Es ist leicht, etwa bei dem Begriff "Transparenz" ähnliche Sinnverschiebungen zu beschreiben. Aber beim "Teilen" sind sie am augenfälligsten. Die Perfidie liegt darin, dass viele Konzerne sanften Druck auf ihre Kunden ausüben. Etwas zu behalten, gilt als egoistisch. "Teilen ist Heilen" heißt denn auch einer der Leitsätze in Dave Eggers hellsichtigem Roman "Der Circle", der von einem Internetkonzern erzählt. Dieser Konzern mutet wie ein Ungeheuer an, das sich Apple, Google und Facebook einverleibt und deren Interessen gebündelt hat. "Teilen ist Heilen" soll als Appell an den Gemeinsinn wirken, und dazu passt, dass Google einst mit dem Satz "Don't be evil" warb. In Wirklichkeit wird diese gesellschaftliche Solidarität zumeist mit absurden Summen zur Marktreife gepäppelt. Aus dem Ideal wird Rendite, aus Vertrauen Kontrolle, und Beziehungen sind Waren, mit denen Dritte Geld verdienen.

In der Ökonomie des Internets gilt der Satz "Teile und herrsche". Das ist ein Motto, das bereits im Römischen Reich galt, aber erst später von Macchiavelli formuliert wurde. Es eignet sich als Formel ziemlich gut für unsere Zeit.

Macchiavelli also, der Theoretiker der Macht. Sankt Martin könnte nicht weiter entfernt sein.

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