Ryanair-Streik 2018: Was Piloten über ihren Arbeitgeber denken

Meinungen zum Streik: Wie Ryanair-Piloten über ihren Arbeitgeber denken

Bei Ryanair wird am Freitag gestreikt. Zwei Piloten berichten anonym über die Arbeit bei der irischen Fluggesellschaft. Der eine will streiken, der andere nicht.

Ja, ich streike!
(Philipp F. Kapitän und seit Februar 2017 bei Ryanair)

Ich stehe zu 100 Prozent hinter den Streikplänen der Gewerkschaft. Wieso? Mein Arbeitgeber ist die profitabelste Airline Europas. Im letzten Jahr haben wir rund 1,4 Milliarden Euro Nettogewinn gemacht. Doch wir Arbeitnehmer werden immer noch behandelt wie vor 25 Jahren, als die Airline kurz vor der Pleite stand und nur noch fünf Flugzeuge hatte. Heute geht es Ryanair so gut wie nie zuvor. Man muss Michael O’Leary dafür Respekt zollen. Jetzt ist es an der Zeit, unsere Rechte zu stärken.

Wir wollen einen Grundvertrag, der je nach Standort angepasst wird. Aktuell muss jede Station ihre Gehälter individuell verhandeln, Unternehmenszugehörigkeit oder Erfahrung werden dabei nicht berücksichtigt. Wir wollen eine Tabelle mit klaren Gehaltsstaffelungen und Aufstiegsregelungen. Bislang können unerfahrene Piloten von Extern ins Unternehmen kommen, genauso viel verdienen und schneller vom Co-Piloten zum Kapitän werden als erfahrenes Bestandspersonal – das ist einzigartig in der Branche und unfair. Und zuletzt: Wir wollen eine Standortgarantie. Aktuell kann mich Ryanair innerhalb einer Woche von Frankfurt nach Budapest schicken. Das wird als Druckmittel genutzt, um Gehälter zu sparen. Denn wer aus Frankfurt kommt, wird auf Geld verzichten, um dort und nicht in Budapest arbeiten zu dürfen. Private Sicherheit gibt es so aber nicht. Da bringt auch die wirklich gute Dienstplanung nichts (siehe „Darum streike ich nicht“).

Unter den aktuellen Bedingungen bleibt Ryanair ein Durchlauferhitzer für Piloten: Kommen, fliegen, gehen. Wir wollen Ryanair endlich zu einer Karriere-Airline machen, bei der man gerne und lange fliegt.

Der Markt ist dabei auf unserer Seite. Piloten werden überall auf der Welt und von allen Airlines gesucht. Deshalb hat Ryanair auch erstmals Verhandlungen mit der Gewerkschaft überhaupt zugestimmt: Die Airline ist auf uns angewiesen, um wie geplant in ganz Europa weiter wachsen zu können. Gerade Deutschland ist ein lukrativer Markt für Ryanair, deshalb soll die Zahl der Flugzeuge am Frankfurter Flughafen auch mittelfristig von zehn auf 20 verdoppelt werden. Die Situation wird nicht ewig so gut sein, deshalb müssen wir sie jetzt nutzen, um Arbeitsbedingungen zu schaffen, die längst branchenüblich sind und die uns auch in schlechten Zeiten Sicherheit geben.

Unsere Forderungen sind dabei keine unrealistischen Unverschämtheiten. Sie sind auch nicht von Gier getrieben. Ryanair-Piloten fliegen 900 Stunden pro Jahr – mehr ist nach europäischem Recht nicht erlaubt. Dabei verdienen wir deutlich weniger als Kollegen der Lufthansa. Wir fordern lediglich einen Schritt ins Jahr 2018. Anders als durch Druck auf das Ryanair-Management lassen sich unsere Ziele nicht erreichen – leider auf Kosten der Ryanair-Passagiere.

Nein, ich streike nicht
(Daniel B. ist seit Jahresbeginn Co-Pilot bei Ryanair.)

Wer bei Ryanair anfängt, der weiß in der Regel, worauf er sich einlässt. Die Bedingungen sind ja nicht erst seit gestern so. Als mein ehemaliger Arbeitgeber Air Berlin im vergangenen Jahr Pleite ging, hatte ich mehrere Optionen – und habe mich bewusst für Ryanair entschieden.

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Vorher habe ich etwa 50.000 Euro brutto verdient. 25 Prozent meines Gehalts habe ich durch den Schritt zu Ryanair eingebüßt. – bei anderen Airlines, beispielsweise Eurowings, wäre es noch mehr gewesen. Dafür kann ich jetzt von Frankfurt aus jede Menge Flugstunden sammeln. Nirgendwo kann man als recht junger Co-Pilot mehr fliegen als bei Ryanair. Natürlich: in puncto Atmosphäre ist es ein anderer Job geworden. Bei Air Berlin sollte Fliegen ein schönes Reiseerlebnis sein, bei Ryanair geht es für den Passagier vor allem ums Ankommen. Was will man auch mehr erwarten für 19 Euro von Weeze nach Mallorca.

Wir Piloten bezahlen diese Preise mit den geringeren Löhnen mit. Dafür bietet unser Arbeitgeber den wohl am besten organisierten Dienstplan der Branche. Fünf Tage Frühdienst, vier Tage frei, fünf Tage Spätdienst, vier Tage frei. Das ist super. Theoretisch kann ich so sagen, welchen Dienst ich in zwei Jahren am Freitagabend habe. Diese Planbarkeit bietet meiner Kenntnis nach so keine andere Airline der Welt so – schon gar nicht die direkte Konkurrenz. Dieser Punkt macht viel vergessen, wenn man noch dazu aus seiner Heimatregion fliegen kann. Die Familie dankt den Wechsel.

Zumal Ryanair auch für die Karriere kein Rückschritt, sondern eher eine Chance ist. Durch die Gleichstellung aller Piloten verdienen Berufseinsteiger zwar genauso viel wie ich, dafür hat jeder die gleiche Chance, in kurzer Zeit vom Co-Piloten zum Kapitän aufzusteigen. Bei Air Berlin herrschte das so genannte Senioritätsprinzip. Das bedeutet: Kapitän wird, wer die meiste Erfahrung hat und am längsten im Unternehmen ist.

Viele Piloten nutzen Ryanair deshalb als Sprungbrett: kommen, fliegen, weiterziehen. Wer einmal Kapitän ist, der kann sich weltweit auf diese Position bewerben – auch bei Airlines, die nach Vergütungs- und Manteltarif beschäftigen. Solange schafft Ryanair es für mich, den Job erträglich zu gestalten. Ich möchte fliegen – das kann ich hier, wenn auch auf Kosten der Job-Begeisterung.

Diese ist mir allerdings im Laufe der Air-Berlin-Pleite ohnehin abhanden gekommen. Was auch mit der Gewerkschaft Cockpit zu tun hat: Sie hat damals zu wilden Streiks aufgerufen, die uns Piloten letztlich als Zerstörer der Air Berlin haben dastehen lassen. Dieser gesamte Ausstand war schlecht organisiert, was mir immer noch peinlich ist. Mit Streikaufrufen von Cockpit tue ich mich seither schwer.

Die richtigen Namen der Piloten sind der Redaktion bekannt. Clemens Boisserée zeichnete die Gespräche auf.