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Russland: Ein Rekordtief nach dem anderen

Niedergang des Rubels : Wie Russlands Krise die Menschen trifft

Der Rubel fällt von einem Rekordtief auf das nächste. Das macht die Einkünfte der Menschen immer wertloser, und gleichzeitig steigen die Preise für Grundnahrungsmittel steil. Die russische Regierung ficht das aber nicht an.

Die rote Digitalanzeige vor der Wechselstube an der Dorogomilowskaja-Straße im Zentrum von Moskau flattert kurz, dann zeigt sie den neuen Kurs. 68 Rubel soll ein Euro kosten — vor einer halben Stunde waren es noch 67,50 Rubel. Die russische Währung stürzt ins Bodenlose. Täglich wird ein neues "historisches Tief" erreicht.

Anfang der Woche verlor der Rubel an einem Tag so viel wie noch nie seit der Finanzkrise 1998. Die Zentralbank intervenierte mit Stützkäufen von 700 Millionen Dollar. Doch der Verfall geht weiter. Gestern waren wieder Stützkäufe nötig, um das Schlimmste zu verhindern. Die Nervosität wächst. Manche Moskowiter laufen von Wechselstube zu Wechselstube und vergleichen die Kurse. "Hier gibt es Dollar für 54,50", meldet ein junger Mann per Handy seinem Freund, "soll ich kaufen?"

Im Supermarkt "Perekrjostok" wird in einer anderen Währung gerechnet. Hier stapeln sich Packungen mit Buchweizen, das Paket mit 900 Gramm für 73 Rubel (1,07 Euro). Eine alte Frau mit rosa Strickmütze steht davor. "Das ist teuer, aber anderen gibt es nicht", sagt sie. Buchweizen ist in Russland ein Krisenindikator. Die kleinen dreieckigen Körner, entweder herzhaft mit Pilzen und Zwiebeln zubereitet oder in Milch zu Grütze gekocht, sind ein Grundnahrungsmittel, besonders für Ärmere. Gerät die Wirtschaft ins Wanken, kommt es zu Hamsterkäufen. Kurzfristig war der Buchweizen in vielen Läden ausverkauft. Jetzt gibt es wieder welchen - nur viel teurer. Zu Beginn der Krise kostete ein Päckchen 35 Rubel.

Für 2015 mit Rezession gerechnet

Vieles setzt der russischen Wirtschaft derzeit zu: der sinkende Ölpreis, die enorme Kapitalflucht, die Sanktionen des Westens. Aber ein Großteil der Probleme ist auch hausgemacht. In den vergangenen, fetteren Jahren wurden wichtige Schritte zur Modernisierung und Diversifizierung verpasst. Russland ist weiter abhängig von Energieexporten, die staatlichen Institutionen sind ineffizient, Kleinunternehmer werden schikaniert, Eigentum ist nicht geschützt. Der staatliche Energiekonzern Gazprom verzichtet auf das Pipeline-Projekt South Stream, dass ihm mit 23,5 Milliarden Euro einfach zu teuer wurde. Ein Zeichen nach außen, wie schwer die heraufziehende Krise ist.

Das Ministerium für Wirtschaftsentwicklung rechnet für 2015 mit einer Rezession. Russland werde auch 2015 mit den Sanktionen leben müssen, der Ölpreis werde kaum über 80 Dollar pro Barrel hinausgehen, das Bruttoinlandsprodukt werde um 0,8 Prozent schrumpfen, so die Prognose. Vielen russischen Betrieben wird zudem zu schaffen machen, dass sie ihre Kredite wegen der Sanktionen nicht mehr auf dem westlichen Kapitalmarkt refinanzieren können. Allein zum Jahresende 2015 stehen Schuldenzahlungen russischer Firmen von 140 Milliarden Dollar an. Manche Unternehmen wie Rosneft und Lukoil halten jetzt schon die Hand beim Staat auf. Firmenpleiten und Jobabbau werden unvermeidbar sein.

Das Problem mit dem Import

Präsident Wladimir Putin und seine Umgebung scheint das alles nicht anzufechten. Regierungsvertreter verkünden, der Absturz des Rubels sei sogar gut für den Haushalt und die Wirtschaft. Denn schließlich verkaufe Russland sein Öl und sein Gas für Dollar — und erhalte nun mehr Rubel für seine Staatskasse. Auch mache der niedrige Kurs der Landeswährung die Produkte heimischer Hersteller konkurrenzfähiger.

Das stimmt im Prinzip. Nur ist ein Problem der russischen Wirtschaft, dass es in den vergangenen Jahren immer lukrativer schien, moderne und hochwertige Produkte zu importieren, statt ihre Entwicklung und Herstellung daheim zu fördern. Für viele westliche Waren gibt es keine gleichwertigen russischen Äquivalente. Und für den Staat ist es zwar von Vorteil, wenn er seine Petro-Dollar in viele Rubel ummünzen kann. Die Rechnung zahlen am Ende die Bürger, die mit zunehmend wertlosen Scheinen entlohnt werden.

(RP)