Russischer Rubel: Währung bricht dramatisch ein

Währung bricht dramatisch ein : Russland droht nach Rubel-Crash der Kollaps

Obwohl die russische Notenbank den Leitzins auf 17 Prozent erhöht, kann sie den Absturz der Währung nicht stoppen. Viele Russen fühlen sich an die Rubel-Krise 1998 erinnert und stürmen die Geschäfte.

Im Moskauer Einkaufszentrum "Ewropejski" lag die Nervosität gestern in der Luft. Aufgescheuchte Verbraucher, alarmiert vom Verfall des Rubels, wollten ihr Geld so schnell wie möglich in Waren umsetzen. Besonders groß war der Ansturm im "Re:store", wo es die auch in Russland beliebten Geräte von Apple gibt. "Ich habe mir gerade noch ein iPad sichern können", erzählt Irina (27) mit vor Aufregung geröteten Wangen. 35.600 Rubel kostet das Gerät — um diese Uhrzeit sind das 445 Euro. Nur eine halbe Stunde später sind die Preisschilder im "Re:store" von den Tischen verschwunden. Der Rubel ist erneut abgesackt. "Wir bekommen jetzt von der Zentrale neue Preisangaben", sagt der Verkäufer. "Es ist alles so hektisch, wir sind noch nicht dazu gekommen, die neuen Schilder zu drucken." Die aktuellen Preise für iPhone und Co sind nun beim Verkäufer zu erfragen.

Vor dem Geldautomaten des Einkaufszentrums stehen die Menschen in einer Doppelreihe Schlange. Sie wollen ihr Geld abheben, solange es noch irgendwas dafür gibt. Viele haben auf den Internet-Nachrichtenportalen verfolgt, wie die Landeswährung abstürzte: Um 12 Uhr kostete ein Euro noch 82 Rubel, ein Dollar 66 Rubel. Um 15 Uhr ist der Euro bei 100 Rubel angelangt, der Dollar bei 80 Rubel. Am Abend beruhigt sich die Situation etwas. Trotzdem bleiben Passanten auf der Doromilowskaja-Straße entsetzt vor einer der vielen Wechselstuben stehen und starren auf die rot blinkende Anzeige: 99,99 Rubel werden für einen Euro verlangt.

Viele Russen erinnern sich an die Rubelkrise in den 1990er Jahren. Damals verfiel die Landeswährung so schnell, dass in Großstädten viele Autofahrer ihre Wagen in der Mitte der Straße parkten und in den nächstgelegenen Elektronik- oder Juwelierladen stürzten, um ihr Geld loszuwerden. Hilflose Verkäufer deckten die Waren mit Planen ab, damit ihre Firma nicht auf den wertlosen Scheinen sitzen bleibt. Auch jetzt gibt es Anzeichen von Panik. Wilde Gerüchte machen die Runde: Plötzlich heißt es, die Sberbank, Russlands größte Verbraucherbank, gebe keine Kredite mehr an Privatperson aus. Das Geldinstitut dementierte prompt.

Vergeblich hatte die russische Zentralbank in den vergangenen Tagen versucht, die Landeswährung vor dem Schlimmsten zu bewahren. In der Nacht zu Dienstag hatten die Notenbanker den Leitzins von 10,5 Prozent auf 17 Prozent angehoben. Doch die Maßnahme verpufft völlig. Jetzt riet Notenbankchefin Elvira Nabiullina ihren Landsleuten, sie müssten lernen, "mit der neuen Realität eines schwachen Rubel zu leben". Ex-Finanzminister Aleksej Kudrin geht davon aus, dass die russische Währung mindestens zehn Jahre brauchen wird, um den Stand von Anfang 2014 zu erreichen.

Seit Jahresbeginn hat der Rubel 70 Prozent seines Wertes verloren. Gründe dafür gibt es viele: Erst waren es die Wirtschaftssanktionen des Westens, der massive Kapitalabfluss und die schlechten Wirtschaftsdaten, die dem Rubel zusetzten. Dann kam noch der sinkende Ölpreis hinzu. Russland ist weltweit der größte Exporteur von Öl und leidet entsprechend. Die russische Wirtschaft könnte der Zentralbank zufolge im nächsten Jahr um 4,5 Prozent schrumpfen, sollte sich der Ölpreis bei 60 Dollar je Barrel einpendeln.

Und nun kommt auch noch die Psychologie hinzu. Die Investoren haben kein Vertrauen mehr in ein wirtschaftlich angeschlagenes Russland, das sich durch Wladimir Putins Außenpolitik immer mehr vom Westen isoliert. An der Börse grassiert die Angst vor einer russischen Staatspleite, da der russische Staatshaushalt zur Hälfte von den Einnahmen aus Öl-Exporten abhängt. Russische Aktien brachen ein, der Leitindex der Moskauer Börse fiel gestern um 19 Prozent.

Das macht auch deutschen Unternehmen Sorgen. Von den Umsätzen und Gewinnen, die etwa Eon, Henkel und Metro in Russland machen, kommt immer weniger in Deutschland an. Manches Unternehmen hat durch den Rubelverfall bereits einen hohen dreistelligen Millionen-Betrag eingebüßt.

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(RP)