Rosenberger: "Schwarzarbeit gilt als völlig normal"

Interview mit NGG-Chefin Michaela Rosenberger: "Schwarzarbeit gilt als völlig normal"

Die Chefin der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) spricht im Interview mit unserer Redaktion anlässlich des Tages der Arbeit über die Lage der Beschäftigten in Hotels und Gaststätten, den bundesweiten Mindestlohn und Nachwuchsmangel sowie die Frauenquote.

Für die Hotels lief das Geschäft 2013 schlechter als im Vorjahr. Wieso?

Rosenberger: Hauptgrund ist die steigende Konkurrenz. Billig-Hotels schießen in den Metropolen wie Pilze aus dem Boden. Die machen der Branche die Preise kaputt.

Warum dieser Billig-Boom?

Rosenberger: Das liegt an der hohen Kapitalrendite. Das sind Hotels, deren Geschäftsmodell zulasten der Beschäftigten geht. Dort gibt es größtenteils Minijobber, viele Schüler und Studenten. Klassisch Ausgebildete findet man fast gar nicht.

Ist der Service dadurch insgesamt schlechter geworden?

Rosenberger: In den Billig-Hotels gibt es gar keinen Service. Statt eines Restaurants haben die höchstens eine kleine Küche, in der sich der Gast selbst Fertiggerichte in die Mikrowelle schieben muss.

Was bedeutet das für die Mitgliedergewinnung der NGG?

Rosenberger: Wir konzentrieren uns auf große Hotels und Hotelketten. Ein Student, der für kleines Geld im Billig-Hotel jobbt, hat kein Interesse, Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen.

Wie sieht es bei den Betriebsratswahlen aus?

Rosenberger: Bei den Hotelketten haben wir oft funktionierende Betriebsratsstrukturen. Aber neu reinzukommen, ist immer schwierig. Für viele Arbeitgeber sind Betriebsräte immer noch Teufelszeug.

Beruhen die Geschäftsmodelle der Hotels auf Überstunden?

Rosenberger: Eindeutig ja. Allerdings beklagt sich auch kein Beschäftigter, solange es Planungssicherheit gibt. Viele Arbeitgeber tun aber so, als sei das unmöglich. Dabei gibt es Computerprogramme, mit denen das ohne viel Hirnschmalz funktioniert.

Hält das Jugendliche ab, eine Ausbildung in der Branche zu ergreifen?

Rosenberger: Die rosigen Zeiten, in denen uns die Azubis die Türen eingerannt haben, sind vorbei. Der Koch-Hype zieht nicht mehr. Viele haben sich darüber hinaus von romantischen Vorstellungen verabschiedet und wissen um die schlechte Stimmung in den Betrieben.

Fliegen also auch heute noch die Töpfe in den Küchen?

Rosenberger: Wer noch nie in der Küche gearbeitet hat, der kann sich die Bedingungen dort nicht vorstellen: Es ist oft unglaublich frauenfeindlich, der Ton ist rau — kein Schimpfwort, das dort nicht fällt. Und tatsächlich wird immer noch mit Küchenutensilien geworfen. Da fällt es schwer, Nachwuchs zu finden.

Gibt es im Gastgewerbe schon den Fachkräftemangel?

Rosenberger: Ja, aber der ist vor allem hausgemacht. Wenn der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband verlangt, dass Arbeitsverhältnisse auf fünf Jahre befristet werden dürfen oder der Kündigungsschutz aufgeweicht werden muss, darf sich der Verband nicht wundern, wenn Jugendliche die Branche meiden.

Wie wird sich der Mindestlohn auswirken?

Rosenberger: Gut, hoffe ich.

Es wird nicht so sein, dass wegen des Mindestlohns Hotels schließen?

Rosenberger: Das ist ein durchsichtiges Argument der Arbeitgeber. Es ist wirklich viel Geld in der Branche vorhanden. Problematischer als der Mindestlohn ist die Schwarzarbeit. Viele werden für 450 Euro angestellt und bekommen Geld cash auf die Hand. Das gilt als völlig normal.

Was muss die Politik tun?

Rosenberger: Wir brauchen mehr Kontrollen. Bundesweit sind 500 Stellen bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit unbesetzt. Die müssten besetzt werden. Das wird aber nicht reichen, weil auch der Mindestlohn kontrolliert werden muss.

Verstehen Sie die Argumentation, dass der Mindestlohn erst ab 18 Jahren gezahlt wird, weil sonst die Ausbildung unattraktiv wird?

Rosenberger: Nein. Das hätte doch bedeutet, dass auch heute schon keiner eine Ausbildung macht, weil die Vergütung unter der Bezahlung Ungelernter liegt. Die Arbeitgeber tun so, als seien die Jugendlichen dumm und wüssten nicht, dass eine Ausbildung auf lange Sicht mehr bringt. Das ist respektlos.

Frank Bsirske hat verlangt, der Mindestlohn müsste schon bei der ersten Anpassung auf zehn Euro steigen.

Rosenberger: 8,50 Euro ist immer noch ein Niedriglohn. Davon kann man kein sorgenfreies Leben führen. Nach derzeitiger Planung soll der Mindestlohn aber erst 2018 erhöht werden. Eingeführt wird er 2015. Das heißt drei Jahre Stagnation. Verdi und die NGG wollen, dass der Mindestlohn schnellstmöglich steigt, am besten jährlich und nicht erst drei Jahre später.

  • Hintergrund : Was der Chef alles darf – und was nicht

Sind die zehn Euro von Frank Bsirske realistisch?

Rosenberger: Natürlich würde ich mir wünschen, dass der Mindestlohn rasch hoch angepasst wird. Dass er 2016 schon auf zehn Euro steigt, halte ich aber für unrealistisch. Denn der Wind, der uns schon heute bei ähnlichen Themen entgegenschlägt, ist sehr rau.

Sie sprechen von den geforderten Ausnahmeregelungen.

Rosenberger: Ja, Langzeitarbeitslose sollen erst nach sechs Monaten profitieren. Das Hotel- und Gaststättengewerbe wird diese Regelung schamlos ausnutzen: sechs Monate, das ist mehr als eine Saison. Dann holt man sich die Langzeitarbeitslosen rein für weniger als 8,50 Euro und entlässt sie nachher wieder. Diese Regelung muss entfallen.

Woran sollte die Mindestlohnentwicklung gekoppelt werden?

Rosenberger: Sie an die Lohnentwicklung nur einer Branche zu koppeln, wird nicht funktionieren. Im Gespräch ist die allgemeine Lohnentwicklung. Die NGG plädiert jedoch für den Durchschnitt aller Tariferhöhungen.

Wer sollte in der Mindestlohnkommission sitzen?

Rosenberger: Ich glaube nicht, dass es auf eine rotierende Lösung hinauslaufen wird, bei der sich die Gewerkschaften abwechseln. Wir bekommen eine feste Besetzung hin. Ich denke, Verdi ist ein Kandidat und wir auch, weil wir gemeinsam die Mindestlohn-Kampagne angeschoben haben. Auch der DGB sollte vertreten sein. Das war's dann aber.

Die Rente mit 63 wird kommen. Wie sollten Zeiten der Arbeitslosigkeit behandelt werden?

Rosenberger: Das Konzept von Andrea Nahles ist schlüssig. Man muss ja erst mal auf 45 Beitragsjahre kommen. Das wird nicht die Masse sein.

Es gibt aber Zahlen aus dem Ministerium, wonach die Anrechnung der Arbeitslosigkeit 700 Millionen Euro kosten würde.

Rosenberger: Niemand ist absichtlich arbeitslos. Jemanden deswegen zu bestrafen, halte ich für falsch.

Ist der Weg denn angesichts der demografischen Entwicklung richtig?

Rosenberger: Bei der Rente mit 67 ging es doch auch nie wirklich darum, dass die Menschen länger arbeiten. Das ist ein Rentenkürzungsprogramm. Wir müssen uns die Frage stellen, was wir mit denen machen, die nicht mehr so lange arbeiten können, weil sie fertig sind — also vor allem Schichtarbeiter, schwerst arbeitenden Menschen, Menschen im Dauerstress. Das wird in Zukunft nicht anders werden.

Und dass von der Rente mit 63 vor allem männliche Facharbeiter profitieren, stört Sie nicht?

Rosenberger: Wir haben da sehr klar gesagt, dass wir das gerecht finden. Natürlich ist es für Frauen schwieriger, auf die Beitragsjahre zu kommen. Aber wir lassen uns da nicht spalten. Da muss man bei den Frauen anders kompensieren.

Was schwebt Ihnen vor?

Rosenberger: Darüber müssen wir noch reden. Aber es muss Anrechnungen dafür geben, wenn Frauen zu Hause geblieben sind und sich um Erziehung, Pflege und Haushalt gekümmert haben. Das ist ja eine gesellschaftliche Leistung.

Die NGG als Verfechterin der Mütterrente?

Rosenberger: Sagen wir mal so: Die Mütterrente ist jetzt da, und das ist eine absolut gerechte Geschichte. Auch wenn es im Einzelnen nicht die riesigen Beträge für die Frauen sind. 28 Euro sind ja nicht gerade umwerfend viel. Allerdings halte ich die Finanzierung für falsch, sie hat aus Steuermitteln zu erfolgen — eben weil es sich hier um eine gesellschaftliche Aufgabe handelt. Ob das jetzt der Weisheit letzter Schluss ist, wage ich zu bezweifeln. Damit allein holt man Frauen nicht aus der Armutsfalle.

Die Koalition plant auch ein Gesetz zur Frauenquote. Sind Sie damit einverstanden?

Rosenberger: Die Pläne der Koalition reichen nicht aus. Auch in mittleren Führungsfunktionen brauchen wir eine solche Quote. Wir brauchen ein Gesetz, das vorsieht, dass alle Führungspositionen in allen Unternehmen mit zunächst 30 Prozent Frauen zu besetzen sind. Es ist für Frauen nach wie vor schwierig, an bestimmte Aufgaben heranzukommen. Wir können es uns nicht leisten, dass diese gut ausgebildete Frauengeneration frustriert der Arbeitswelt fernbleibt, weil es keine Aufstiegschancen gibt.

Sind Sie nicht das Beispiel dafür, dass es auch ohne Quote geht?

Rosenberger: Ohne Quote wäre ich vor zehn Jahren gar nicht in den NGG-Vorstand aufgerückt. Den Weg an die Spitze habe ich dann allerdings alleine gemeistert.

Wie hoch ist der Frauenanteil bei der NGG?

Rosenberger: Bei unseren Mitgliedern 42 Prozent — mit steigender Tendenz. Bei unseren eigenen Beschäftigten im politischen Bereich haben wir aber einen hohen Nachholbedarf.

Birgit Marschall und Maximilian Plück führten das Interview.

(mar, maxi)