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Alexander Kirchner: "Pofalla und die Bahn sind beschädigt"

Alexander Kirchner : "Pofalla und die Bahn sind beschädigt"

Der Vize-Chef des Bahn-Aufsichtsrates hat kein Problem mit dem nahtlosen Wechsel eines Politikers in den Staatskonzern. Auch traut er dem Ex-Kanzleramts-Chef mehrere Jobs bei der Bahn zu. Zugleich kritisiert Kirchner die Kommunikation.

Die Bahn hat für 2013 einen Vorsteuergewinn von 2,4 Milliarden Euro angekündigt. Bleibt es dabei?

Kirchner Nein, ich vermute, die DB AG wird dieses Ziel weit verfehlen. Das Hochwasser hat Einschränkungen beschert. Die Güterverkehrstochter Schenker blieb auch unter den Zielen. Zudem lief das Geschäft im Ausland nicht rund.

Kein Unternehmen steht öffentlich so in der Kritik. Macht es noch Spaß, für die Bahn zu arbeiten?

Kirchner Für die Kolleginnen und Kollegen ist das eine enorme Belastung. Die Bahn hat ein negatives Image bekommen. Dies geschah am stärksten unter der Ära von Hartmut Mehdorn. Mehdorn hat einen sehr aggressiven Stil gegenüber Politik und Öffentlichkeit gepflegt. Inzwischen müssen sich Eisenbahner permanent rechtfertigen.

Wie kann die Bahn ihr Image verbessern?

Kirchner Sie muss wieder mehr auf Qualität setzen und weniger auf Masse. Lieber ein etwas kleineres aber dafür stabiles Angebot mit Reserven, als ein auf Kante genähtes Maximalangebot. Wir brauchen auch mehr Personal in den Zügen und in der Wartung. Bundesweit fehlen 1714 Mitarbeiter. Die wird die Bahn jetzt so schnell wie möglich zusätzlich einstellen.

Das bedeutet auch höhere Kosten...

Kirchner ... ja, aber das ist für das Unternehmen billiger als der Image-Schaden.

Brüssel verlangt die unternehmerische Trennung von Netz und Betrieb. Warum sperren Sie sich dagegen?

Kirchner Den Bahnkonzern zu zerschlagen, macht ihn nur teurer. Die Folgen genau dieser Fehlentscheidung sind heute schon in Spanien, England und Frankreich zu sehen. In Frankreich braucht man mittlerweile Mediatoren, weil Netzbetreiber und der Verkehrsbetreiber sich schon bei einfachen Gleisarbeiten nicht auf die Bauzeiten einigen können. Die Trennung von Netz und Betrieb führt dazu, dass jeder Bereich sich nur noch selbst optimieren will.

Soll Ex-Kanzleramtschef Roland Pofalla Bahn-Vorstand werden?

Kirchner Das ist, wenn überhaupt, erst die zweite Frage. Die erste muss lauten: Wie will die Bahn künftig ihr Verhältnis zur Politik organisieren? Früher gab es dafür einen Konzernvorstand. Derzeit werden die Politikkontakte von Georg Brunnhuber organisiert, dessen Position unterhalb des Vorstandes angesiedelt ist. Ich erwarte, dass Vorstand und Eigentümer jetzt deutlich machen, wie sich der Vorstand langfristig aufstellen soll. Dieses Gremium einfach von acht auf neun Mitglieder zu erweitern, halte ich für nicht vertretbar.

Wäre Pofalla denn ein guter Cheflobbyist?

Kirchner Man kann Pofalla nicht absprechen, dass er gut vernetzt ist. Das heißt aber nicht, dass nur er diesen Job bei der Bahn machen kann. Und auch nicht, dass der Weg, ihn für den Bahnvorstand vorzuschlagen, der richtige war.

Wann hat Bahn-Chef Rüdiger Grube den Aufsichtsrat über seinen Plan informiert?

Kirchner Bislang noch gar nicht.

Ist Pofalla nicht längst verbrannt?

Kirchner Pofalla ist beschädigt, ebenso wie die Diskussion die Bahn beschädigt hat. Pofalla hat auch gesagt, dass er mehr Zeit für die Familie haben will. Die Botschaft "Ich will weniger arbeiten, deshalb gehe ich zur Bahn" kommt nicht so gut an.

Wie viel Zeit sollte zwischen seiner Zeit als Berufspolitiker und einem Job bei der Bahn liegen?

Kirchner Mit dem nahtlosen Wechsel eines Politikers zur Bahn hätte ich weniger Probleme. Die Bahn ist ein Staatskonzern. Deshalb ist der Wechsel von der Politik dorthin weniger problematisch als der jüngste Wechsel des CDU-Staatssekretärs Eckart von Klaeden zu Daimler.

Vernachlässigt die Bahn NRW?

Kirchner NRW müsste aufgrund der hohen Einwohnerzahl stärker im Bundesverkehrswegeplan berücksichtigt werden. Bayern macht das geschickter.

Setzt der seit einem Jahr liberalisierte Fernbusverkehr die Bahn unter Druck?

Kirchner Ja. Anders als die Bahn dürfen Fernbusse sich die lukrativen Rosinen aus dem Markt picken. Das wird dazu führen, dass einige Regionen Deutschlands bald nicht mehr vom Fernverkehr erschlossen werden. Wenn die DB AG Umsatzeinbußen auf Strecken erleidet, die auch vom Fernbus bedient werden, bleibt möglicherweise nicht mehr genug Geld für Verbindungen in Randlagen. Es wird in Zukunft eine Konzentration auf die Hauptmagistralen geben. Ihre Verbindungen nach Saarbrücken und Trier dünnt die Deutsche Bahn heute schon aus.

THOMAS REISENER FÜHRTE DAS GESPRÄCH. DIE LANGVERSION UNTER WWW.RP-ONLINE.DE/WIRTSCHAFT

(RP)