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Ausstand bei der Lufthansa: Pilotenstreik trifft 425.000 Passagiere

Ausstand bei der Lufthansa : Pilotenstreik trifft 425.000 Passagiere

Der Zeitpunkt könnte für Deutschlands größte Fluggesellschaft schlimmer nicht sein. Mit dem Streik setzen die Piloten die Reputation einer Fluggesellschaft aufs Spiel, die gerade ihren Anspruch als Premiummarke verteidigen muss.

Am ersten der drei angekündigten Streiktage haben die Lufthansa-Piloten Europas größte Fluggesellschaft gestern fast komplett lahmgelegt. Der wirtschaftliche Schaden durch den Ausstand der rund 5400 Kranich-Piloten beträgt laut Lufthansa einen "hohen zweistelligen Millionenbetrag". Branchenkenner wie der Commerzbank-Analyst Frank Skodzik rechnen mit 20 Millionen Euro pro Streiktag.

Was die Airline noch härter trifft, ist der Image-Schaden. "Die Lufthansa versucht gerade mit aller Kraft, ihren Ruf als Premiumanbieter zu verteidigen", sagt Skodzik, "das wichtigste Premium-Merkmal im Fluggeschäft heißt Zuverlässigkeit." Die 3800 Flüge, die der designierte Lufthansa-Chef Carsten Spohr wegen des Streiks bis Freitag annullieren musste, wiegen vor diesem Hintergrund besonders schwer — immerhin müssen jetzt rund betroffene 425 000 Passagiere ohne die Lufthansa ans Ziel.

Die Lufthansa macht gerade die schwierigste Phase ihrer Konzerngeschichte durch. Sie kämpft an drei Fronten: Mit einer aggressiven Preis- und Qualitätsoffensive machen ihr arabische Fluggesellschaften wie Etihad oder Emirates zu schaffen, die teilweise mit Subventionen ihrer Heimatstaaten im Rücken auf den deutschen Markt drängen. Zugleich haben Billigflieger wie Ryanair und Easyjet das Niveau der Ticketpreise im gesamten Markt so stark gedrückt, dass Fluggesellschaften mit klassischer Kosten- und Tarifstruktur im Europaverkehr kaum noch Geld verdienen. Zusätzlich leidet die Lufthansa unter den hohen Umweltauflagen in Deutschland, überdurchschnittlich vielen Nachtflugverboten auf dem Heimatmarkt und der deutschen Luftverkehrssteuer.

Der scheidende Lufthansa-Chef Christoph Franz hat darauf mit einem milliardenschweren Sparpaket reagiert: Bis 2015 will der Kranich 1,5 Milliarden Euro einsparen — was auch die Passagiere spüren. So häufen sich die Beschwerden über das Vielfliegerprogramm "Miles and More", weil die Stammkunden für ihre Bonusmeilen weniger werthaltige Prämien bekommen. Um Kosten zu sparen, hat die Lufthansa fast ihren gesamten Europaverkehr auf die konzerneigene Billigmarke Germanwings umgestellt, was gerade bei Geschäftskunden nicht gut ankommt. Die Vielfliegerforen im Internet sind voll von bösen Kommentaren über den angeblich nachlassenden Komfort in den Lufthansa-Lounges und an Bord, was die Lufthansa allerdings bestreitet. Trotzdem war der Premium-Charakter der Marke "Lufthansa" noch nie so in Gefahr wie derzeit.

Allerdings gilt das seit gestern auch für das Image der Lufthansa-Piloten. Mit Gehältern zwischen 73 000 und 255 000 Euro verdienen sie deutlich mehr als ihre Kollegen bei fast allen anderen Fluggesellschaften. Deshalb ist die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Streik klein. Anlass ist die Kündigung des Vertrages zu den Übergangsrenten, der den Piloten einen Frühruhestand ab 55 zu komfortablen Konditionen ermöglicht. Außerdem wollen die Piloten zehn Prozent mehr Gehalt. Die meisten der Passagiere, die der Streik trifft, verdienen weniger und müssen länger arbeiten.

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Das befürchtete Chaos an den Flughäfen blieb gestern aus. In den Terminals der Drehkreuze Frankfurt, München und Düsseldorf herrschte gestern wenig Betrieb, weil die meisten Passagiere rechtzeitig informiert waren und auf andere Fluggesellschaften oder Transportmittel umgebucht hatten. 500 Verbindungen mit Jets nicht bestreikter Tochterfirmen bot die Lufthansa trotzdem an. Außerdem waren knapp 100 freiwillige Piloten bei der Lufthansa im Einsatz, zusätzlich auch einige Manager mit Pilotenlizenz. Carsten Spohr, der ebenfalls eine Lizenz zum Steuern von Airbus-Flugzeugen besitzt, saß allerdings nicht selbst am Steuer.

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(tor)