Operation Bescheidenheit

Operation Bescheidenheit

Bei der Kleiderordnung hört bei VW der Aufbruch auf. Andere Konzernvorstände hatten zuletzt bei Pressekonferenzen demonstrativ auf die Krawatte verzichtet. Frei nach dem Motto: Seht her, wir sind auch jung und modern wie die Start-ups.

Matthias Müller macht da nicht mit. Der VW-Chef trägt - genau wie seine männlichen Vorstandskollegen - Krawatte zur Bilanz-Pressekonferenz. Müller ist niemand der sich anbiedert, dadurch aber auch häufiger aneckt. Auch gestern sagte er wieder Sätze wie: "Ich halte nichts von vorauseilendem Gehorsam", wenn er gefragt wird, welche Konsequenzen VW wegen der Ankündigungen von US-Präsident Donald Trump, den US-Markt abzuschotten, zieht. Es gebe schließlich gültige Freihandelsabkommen.

Ganz ähnlich war zunächst die Devise beim Thema Vorstandsgehälter: Nur weil die Öffentlichkeit einen Boni-Verzicht nach Bekanntwerden des Abgasskandals verlangte, heißt das noch nicht, dass man dem Druck sofort nachgibt. 63 Millionen Euro kassierte der Vorstand trotz Diesel-Skandal 2015, obwohl da schon klar war, dass die Krise Jobs kosten würde. Millionen-Boni trotz Krise - das sah ganz nach einem "Weiter so" aus.

Aber so ganz stimmt das nicht. Müller ist es ernst mit dem Wandel. Die Vorstandsgehälter sind inzwischen - trotz gültiger Verträge - begrenzt worden. In Zukunft soll ein VW-Chef maximal zehn Millionen Euro verdienen - und nicht wie Ex-Chef Martin Winterkorn in seinen besten Zeiten mehr als 17 Millionen. Die neuen Regeln gelten ab diesem Jahr, die Gehälter gingen aber schon 2016 spürbar zurück: 39,5 Millionen Euro kassierten die VW-Manager für das Geschäftsjahr 2016, obwohl das Unternehmen wieder einen hohen Milliarden-Gewinn einfuhr. Andere Dax-Chefs verdienen deutlich mehr als der Chef des weltgrößten Autoherstellers Müller (7,2 Millionen Euro). Parallel arbeitet er an einer neuen Führungskultur: Es soll weniger zentral entschieden werden, niemand soll Widerspruch scheuen. Gestern betonte er noch einmal, dass ihm Werte wie Aufrichtigkeit, Kommunikation auf Augenhöhe und das Einstehen füreinander wichtig seien. "Mir ist bewusst: Mit solchen ,weichen Themen' gewinnt man bei Veranstaltungen wie diesen in der Regel keinen Blumentopf." Es sei ihm dennoch wichtig, darüber zu sprechen.

Das Problem ist aber, dass Müllers Botschaften angesichts immer neuer Krisenherde öffentlich nur selten durchdringen. Da ist zum einen der seit Monaten tobende Streit zwischen VW-Markenvorstand Herbert Diess und dem mächtigen Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh um den Sparkurs. Zuletzt soll es laut "Spiegel" bei einer Aufsichtsratssitzung zum Eklat gekommen sein - die Arbeitnehmervertreter hätten die Sitzung verlassen, weil Müller auf Diess Teilnahme beharrt habe. Die Arbeitnehmer wollten ihn offenbar nicht dabeihaben.

"Spannungsgeladen" sei die Situation angesichts des geplanten Personalabbaus natürlich, sagte Diess gestern: "Dass das Ganze nicht einfach ist und nicht nur positive Aspekte hat, das ist einfach so." Dennoch spüre er die Rückendeckung aus dem Kollegenkreis und, schob er zufrieden hinterher: "Bei den Anteilseignern nimmt sie eher zu." Später sagte er am Rande der Veranstaltung, dass auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies und Ministerpräsident Stephan Weil die Strategie unterstützen, weil sie wüssten, dass sie Zukunftssicherheit für das Land gäbe.

Zum anderen sind da aber auch die Nachwirkungen des Abgas-Skandals, die den Konzern immer noch nicht zur Ruhe kommen lassen: Pünktlich zur Bilanz-Pressekonferenz kündigte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) an, das Kraftfahrt-Bundesamt vor dem Verwaltungsgericht Schleswig zu verklagen, weil die Stickoxid-Grenzwerte eines VW-Golf mit Dieselmotor auch nach der Umrüstung überschritten würden. Verkehrsminister Alexander Dobrindt und seine Behörde ermöglichten Volkswagen "eine weitgehend unwirksame Placebo-Maßnahme", kritisiert Jürgen Resch, Geschäftsführer der DUH. VW-Chef Müller bestreitet Probleme: "Unsere Software-Updates sind in Ordnung. Wir haben das gegenüber dem KBA in Tausenden Messungen nachgewiesen."

(frin)
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