Berlin: OECD: Deutsche sollen länger arbeiten

Berlin : OECD: Deutsche sollen länger arbeiten

In einer neuen Studie rechnet die renommierte Organisation vor, dass an der Rente mit 67 kein Weg vorbeiführt – sofern sie überhaupt zur Rettung des Rentensystems ausreicht. Die Forscher regen an, über niedrigere Gehälter für ältere Arbeitnehmer nachzudenken – ein Tabubruch.

Die Industriestaaten weltweit stehen vor dem Problem, dass ihre Bürger immer älter werden und damit immer länger Rente beziehen. In etwa der Hälfte aller OECD-Länder müssen die Menschen künftig länger arbeiten, bevor sie in den Ruhestand treten können. Dies geht aus einer gestern vorgestellten Studie der Industriestaaten-Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor.

"An einem längeren Arbeitsleben führt kein Weg vorbei", sagte die OECD-Rentenexpertin Monika Queisser. Damit stellte sie sich hinter die umstrittene Reform für die Rente mit 67 in Deutschland. Die Mehrzahl der Industriestaaten hat bereits Reformen auf den Weg gebracht oder das Renteneintrittsalter angehoben. In Deutschland startet die Reform zur Rente mit 67 im kommenden Jahr. Das Renteneintrittsalter wird schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Alle, die 1964 oder später geboren sind, werden bis 67 arbeiten müssen, um eine Rente ohne Abschläge zu erhalten.

Die Reformen sind laut OECD wegen der deutlich gestiegenen Lebenserwartung dringend notwendig. Ein Senior in Deutschland bezieht heute durchschnittlich 17 Jahre Rente. Bei den Frauen sind es sogar fast 21 Jahre.

Der OECD-Studie zufolge wird der Rentenbezug im Jahr 2050 bei Frauen über 24 Jahre und bei Männern mehr als 20 Jahre betragen. "Ohne Reformen würden im Jahr 2060 etwa 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Renten fließen – das ist doppelt so viel wie heute", warnt die Studie.

"Die Menschen einfach bloß zu längerer Arbeit anzutreiben, hilft uns nicht weiter", sagte Queisser aber auch. "Die Arbeitsbedingungen müssen auch auf die Bedürfnisse älterer Beschäftigter abgestimmt sein: flexible Arbeitszeiten, Weiterbildung, verbesserte betriebliche Gesundheitsvorsorge und aktive Karriereberatung müssen selbstverständlich werden", betonte sie. Lob sprach die OECD in diesem Zusammenhang der deutschen Initiative "Neue Qualität der Arbeit" aus.

Aus Sicht der Arbeitgeber gibt es der OECD zufolge neben "subjektiven Vorurteilen" gegen ältere Arbeitnehmer auch das Problem ihrer vergleichsweise höheren Bezahlung. "Es ist also zu fragen, ob Lohnsteigerungen, die ausschließlich auf dem Alter der Angestellten basieren, sinnvoll sind", folgern die Wissenschaftler. Im Klartext: Die Gehälter älterer Arbeitnehmer sollten tendenziell sinken.

Die Frage des Renteneintrittsalters ist in Deutschland auch deshalb entscheidend, weil 75 Prozent der Einkünfte im Alter aus so genannten "öffentlichen Transfers", sprich Rentenversicherung kommen. Einen höheren Anteil haben bei den öffentlichen Transfers für das Alterseinkommen nur Frankreich und Ungarn. In den USA setzen sich die Einkünfte im Alter etwa zu jeweils einem Drittel aus öffentlichen Transfers, Arbeit und Kapitaleinkünften zusammen. Wer viel spart, hat also viel Rente und muss trotzdem die jüngere Generation nur teilweise belasten.

Während die Arbeitnehmer in den Industriestaaten Anfang der 50er Jahre noch mit gut 64 Jahren (Männer) beziehungsweise knapp 63 Jahren (Frauen) in den Ruhestand gegangen sind, gab es durch Vorruhestandsregelungen Anfang der 90er Jahre einen Tiefpunkt. Damals gingen Frauen mit 61 und Männer deutlich unter 63 Jahren in den Ruhestand. Seitdem steigt das Renteneintrittsalter wieder kontinuierlich an und liegt heute für Frauen bei 62 Jahren und für Männer bei 63 Jahren. In Deutschland ist es niedriger. Es liegt bei 61,8 für Männer und 60,5 für Frauen im Durchschnitt. Damit befindet sich Deutschland im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld.

Doch es gibt Bewegung: Gemeinsam mit Island, den Niederlanden und Neuseeland gehört Deutschland zu den Nationen, denen es in größten Schritten gelungen ist, das Renteneintrittsalter anzuheben.

(RP)
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