Opel-Chef muss gehen: NRW-SPD kritisiert Stracke-Rausschmiss

Opel-Chef muss gehen: NRW-SPD kritisiert Stracke-Rausschmiss

Nach nur 15 Monaten treibt der amerikanische Auto-Riese General Motors den Chef der deutschen Tochter, Karl-Friedrich Stracke, wieder aus dem Chefsessel. Einen Nachfolger gibt es noch nicht. Die Reaktionen aus der Politik und Wirtschaft reichen von Kopfschütteln bis Unverständnis. NRW-Wirtschaftsminister Duin beklagt einen Vertrauensverlust.

Politiker und die Auto-Fachwelt reagieren mit Kopfschütteln auf die Kapriolen in Rüsselsheim. "Was Opel am Dringendsten braucht, ist Vertrauen. Solche überraschenden Personalwechsel tragen nicht dazu bei", sagte zum Beispiel der neue NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD), der derzeit mit Opel über die Rettung des Bochumer Werkes verhandelt, unserer Redaktion. Am Vortag des Rücktritts habe er noch eine Stunde lang mit dem Chef des Opel-Gesamtbetriebsrates in Rüsselsheim, Wolfgang Schäfer-Klug telefoniert. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass der da schon etwas von dem Führungswechsel geahnt hat", so Duin.

Der Ulmer Autowirtschafts-Experte Willi Dietz sagte: "Das ist alles nicht mehr nachvollziehbar. Niemand versteht, wo Opel eigentlich hin will." Der Autoexperte und Leiter des CAR-Instituts, Ferdinand Dudenhöffer, rechnet mit einer deutlichen Verschärfung des Sparkurses bei Opel. "Jetzt kommt die knallharte Sanierung. Mitarbeiter werden rausgeschmissen, Werke geschlossen", sagte Dudenhöffer der "Bild"-Zeitung. Der Autoexperte schließt sogar eine Abwicklung des Unternehmens nicht aus. "Sogar der komplette Rückzug aus Europa ist denkbar", erklärte Dudenhöffer.

Bouffier: Opel muss sich an Verträge halten

Auch nach dem Rücktritt von Vorstandschef Karl-Friedrich Stracke bleibt der Autobauer Opel nach Ansicht von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier an sämtliche Verträge und Zusagen gebunden. Stracke habe ihm im Mai zugesichert, dass der Traditionsstandort Rüsselsheim in seiner jetzigen Form erhalten bleibe, erklärte der CDU-Politiker am Donnerstag in Wiesbaden. Außerdem habe Stracke zugesagt, dass die Produktion des Opel Astra in Rüsselsheim bis Ende 2014 sicher sei.

Am Donnerstag trat Konzernchef Karl-Friedrich Stracke überraschend vom Chefposten beim Autobauer Opel zurück. Er hatte den Vorstandsvorsitz erst im April 2011 übernommen. Vor zwei Wochen billigte der Opel-Aufsichtsrat noch Strackes Sanierungskonzept. Danach gab es offenbar Streit. "Der Chef der US-amerikanischen Opel-Mutter General Motors (GM) hat Stracke gebeten, künftig andere Aufgaben für GM zu übernehmen", sagte am Donnerstag ein Sprecher. Welche Aufgaben das sein sollen, ist nicht bekannt.

Auch das Unternehmen selbst scheint auf Strackes Rückzug nicht vorbereitet zu sein. Es gibt noch keinen Nachfolger. "Die Suche nach einem Nachfolger für Karl-Friedrich Stracke hat begonnen", sagte der Sprecher. Bis er gefunden ist, soll der amerikanische Vize-Chef der Opel-Mutter General Motors (GM), Stephen Girsky, die Geschäfte kommissarisch führen. Dem muss der Aufsichtsrat allerdings erst noch zustimmen. Girsky ist zugleich Opel-Aufsichtsratschef. Er soll Stracke auch in dessen Parallel-Funktion als Präsident des Europa-Geschäftes von GM ablösen.

Dritter Chef innerhalb zweieinhalb Jahren

Damit ist Opel mitten in seinem Überlebenskampf führungslos und muss sich zum dritten Mal innerhalb von zweieinhalb Jahren einen neuen Chef suchen. 2011 erzielte GM zwar einen Milliarden-Gewinn, aber das maßgeblich von Opel geprägte Europa-Geschäft machte ein Minus von 573 Millionen Euro. Nach dem Jahreswechsel lief es nicht besser. Im ersten Quartal 2012 häufte Opel einen operativen Verlust von fast 200 Millionen Euro an. GM-Chef Dan Akerson kündigte im März neue Einschnitte an — obwohl die inzwischen nur noch rund 23.000 deutschen Opelaner im Kampf gegen die Beinahe-Pleite von Opel schon vor drei Jahren dem Abbau von 8000 Stellen zustimmen mussten. Seither gehen die Marktanteile von Opel fast ungebremst in den Keller. Noch am Mittwoch sagte Stracke der "Bild"-Zeitung, GM sei "zu recht ungeduldig mit uns".

Vorstände aus der GM-Zentrale in Detroit und aus der Opel-Zentrale in Rüsselsheim haben in den vergangenen Wochen Pläne für die Schließung des Bochumer Werkes an die Presse lanciert. Nach heftigen Protesten auch aus der NRW-Landesregierung hatte Stracke harte Themen wie den geplanten Stellenabbau oder Werksschließungen in seinem Sanierungskonzept aber ausgespart. In Konzernkreisen heißt es, Akerson zweifele seither daran, dass Stracke hart genug durchgreife. "Detroit hat keine Geduld mehr. Jetzt soll ein harter Sanierer 'ran", sagte am Donnerstag ein Manager aus der zweiten Führungsebene von Opel. Angeblich hat Opel-Strategievorstand Thomas Sedran gute Chancen auf die Stracke-Nachfolge. Sedran hatte sich zuletzt für harte Einsparungen ausgesprochen, im Gegenzug will er die Opel-Werke mit dem Bau von Autos anderer Marken aus dem GM-Konzern auslasten.

Schwache Halbjahreszahlen

Der Verkauf von Opel-Modellen ist unterdessen einem Bericht der "Bild"-Zeitung zufolge seit Jahresbeginn massiv zurückgegangen. Wie die Zeitung unter Berufung auf Firmenkreise berichtet, sank der Absatz im ersten Halbjahr 2012 um rund acht Prozent. Ein Grund sei die Krise in Südeuropa, die zu deutlichen Verkaufseinbußen geführt habe. Das Management der Opel-Muttergesellschaft General Motors (GM) habe auch angesichts dieser Zahlen nicht mehr daran geglaubt, mit Karl-Friedrich Stracke an der Opel-Spitze die Wende zu schaffen, zitierte die Zeitung mit den Vorgängen vertraute Personen.

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(RP/felt)