Ergebnisse aus neuer IW-Studie Deshalb ist die Wirtschaftskriminalität in NRW so hoch

Düsseldorf · Kaum ein anderes Bundesland verzeichnete 2022 mehr Fälle von Wirtschaftskriminalität als NRW. Straftaten wie Schwarzarbeit, Betrug und Korruption verursachten einen dreistelligen Millionenschaden. Wie groß das Dunkelfeld sein dürfte und was jetzt gefordert wird.

 Mitarbeiter des Zolls tragen in Wuppertal Kartons mit möglichen Beweismitteln aus einem Geschäft. (Symbolbild) 2022 wurden in NRW 8245 Fälle von Wirtschaftskriminalität gezählt.

Mitarbeiter des Zolls tragen in Wuppertal Kartons mit möglichen Beweismitteln aus einem Geschäft. (Symbolbild) 2022 wurden in NRW 8245 Fälle von Wirtschaftskriminalität gezählt.

Foto: dpa/Florian Schmidt

Rund jeder neunte Fall von Wirtschaftskriminalität in Deutschland wurde 2022 in Nordrhein-Westfalen (NRW) aufgedeckt. Das beleuchtete zuletzt die neue Studie des „Instituts der deutschen Wirtschaft“ (IW), die am Dienstag veröffentlicht wurde und aus der für das Jahr 2023 ein alarmierender Wert hervorgeht: Mehr als jedes dritte Unternehmen in Deutschland sah sich im vergangenen Jahr mit Wirtschaftskriminalität konfrontiert. Das war ein Höchststand seit 2014; es gibt ein wachsendes Problem.

In NRW stieg zuletzt – nach der Statistik für 2022, für das vergangene Jahr liegen noch keine Daten vor – vor allem die Zahl der Straftaten gegen das Markengesetz drastisch an. Es entstand ein Verlust von fast 1,1 Millionen Euro. Im Vorjahr hatte der Schaden nicht einmal 24.000 Euro betragen. „Markenrechtsverstöße und Produktpiraterie nehmen mit dem Zuwachs der Importe aus China zu“, erklärte Studienautor Dominik Enste vom IW im Gespräch mit unserer Redaktion. „Möglich ist, dass NRW mehr im Fokus der Zollfahnder ist – weil zum Beispiel im Hafen von Duisburg besonders viele Waren aus anderen Ländern ankommen.“

Laut Kriminalstatistik wurden in NRW 2022 insgesamt 8245 Delikte im Bereich der Wirtschaftskriminalität gezählt – ein Anstieg von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mehr gab es nur in Schleswig-Holstein. Einen Einzelfall, der diesen Anstieg für NRW erklären könnte, gebe es nicht, erklärte Studienautor Enste. Anders als in Schleswig-Holstein, wo ein Betrug im Bereich des Online-Datings zu massiv mehr Verfahren geführt hatte. Enste vermutete aber, dass die Entwicklung in NRW auch einen politischen Hintergrund haben könnte: Der Kurs von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) führe womöglich dazu, „dass in gewissen Gruppen mehr aufgedeckt wird“, sagte der Wissenschaftler. Hinzu komme der Abrechnungsbetrug in Testzentren während der Corona-Pandemie: „Krisenzeiten führen dazu, dass Betrugsdelikte häufiger stattfinden.“ Und NRW ist das bevölkerungsreichste Bundesland, auch deshalb dürfte es vergleichsweise hohe Fallzahlen verzeichnen.

Für die Opposition im NRW-Landtag klingen derlei Überlegungen keineswegs beruhigend. Man nehme die aktuellen Ergebnisse des IW mit großer Sorge zur Kenntnis, teilte die FDP-Fraktion mit. „Die steigende Zahl an Wirtschaftsdelikten muss ein Weckruf sein. Es geht nicht nur um den finanziellen Schaden; die Integrität und das Vertrauen in unsere Wirtschaft stehen auf dem Spiel“, sagte der innenpolitische Sprecher der Fraktion, Marc Lürbke. „Wir müssen alles daran setzen, diesem Negativtrend im dritten Jahr in Folge entgegenzuwirken“, die präventiven Maßnahmen stärken „und das Bewusstsein für die Risiken von Wirtschaftskriminalität in den Unternehmen schärfen“.

Zu viele Firmen in NRW hätten ein besorgniserregend niedriges Schutzniveau. Schwarz-Grün sei gefordert, ihnen „für die steigenden Herausforderungen die unterstützende Hand zu reichen. Die Landesregierung muss die Sensibilisierung und Schulung kleiner und mittlerer Unternehmen intensivieren.“

Auch von der SPD kommen Forderungen, tätig zu werden: Der Anstieg der Zahlen mache deutlich, dass das Problem ernstgenommen und mit aller Entschiedenheit angegangen werden müsse, sagte die Innen-Expertin der SPD-Fraktion, Christina Kampmann. „Denn die Schäden für Staat und Unternehmen sind enorm und dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden“, betonte sie; der Kampf gegen Wirtschaftskriminelle müsse höchste Priorität haben. Die Schadenssummen gingen in die Milliarden „und belasten damit auch den Wirtschaftsstandort NRW“.

Aus dem Innenministerium von Herbert Reul hieß es, die Ermittlungen gestalteten sich oft schwierig. Sie seien „gekennzeichnet von komplexen Sachverhalten - nicht selten mit internationalen Bezügen. Das erklärt auch die lange Verfahrensdauer.“ Besonders herausfordernd seien die zunehmend verschwimmenden Grenzen zwischen Wirtschafts- und Cyberkriminalität, und die Täter würden technisch immer versierter.

Laut der Statistik betrug der errechnete wirtschaftliche Schaden im Jahr 2022 bundesweit fast 2,083 Milliarden Euro, allein für NRW war er auf 360 Millionen Euro zu beziffern. Allerdings reflektieren alle Daten lediglich das Hellfeld. In ganz Deutschland sind die monetären Schäden tatsächlich wohl sehr viel höher. „Die wahren Umsatzeinbußen, die durch Wirtschaftskriminalität im weiteren Sinne entstehen, dürften bei 450 Milliarden Euro jährlich liegen“, vermutete Dominik Enste.

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