Zwischenfall bei Singapore Airlines Wie gefährlich sind Turbulenzen im Flugzeug?

Düsseldorf · Auf einem Flug von Singapore Airlines kam es kürzlich zu schweren Turbulenzen mit einem Todesopfer und Dutzenden Verletzten. Was Passagiere tun können, um sich vor Turbulenzen zu schützen – und wo man verstärkt mit unruhigen Flügen rechnen muss.

Die Boeing 777-300ER der Singapore Airlines auf dem Flughafen in Bangkok. In der Luft war die Maschine in schwere Turbulenzen geraten.

Die Boeing 777-300ER der Singapore Airlines auf dem Flughafen in Bangkok. In der Luft war die Maschine in schwere Turbulenzen geraten.

Foto: dpa/Sakchai Lalit

Der Schock nach den Turbulenzen bei einem Flug von London nach Singapur sitzt bei vielen Betroffenen tief. Ein Flugzeug von Singapore Airlines war zu Beginn dieser Woche mit 211 Passagieren und 18 Besatzungsmitgliedern unterwegs, als es über der Westküste von Myanmar plötzlich um knapp 2000 Meter absackte. Die Maschine des Typs Boeing 777-300ER musste in Bangkok notlanden. Ein 73-jähriger Brite starb, vermutlich an einem Herzinfarkt. Dutzende andere Menschen wurden teils schwer verletzt. Die Medienberichte über das Ereignis dürften zu Beginn der Urlaubssaison ein mulmiges Gefühl bei vielen Reisenden auslösen. Was Sie über Turbulenzen wissen müssen, wie Sie sich schützen können und welche Rechte Sie im Ernstfall haben.

Was bedeuten Turbulenzen?

Wenn es im Flugzeug während der Reise zu ruckeln beginnt oder die Maschine leicht absackt, dürften dafür Turbulenzen verantwortlich sein. Hierbei handelt es sich um Verwirbelungen der Luft, die Bezeichnung „Luftloch“ ist insofern irreführend. Die Ursachen für Turbulenzen können unterschiedlich sein: Auftreten können sie etwa bei einem Gewitter oder bei einem Flug durch dichte Wolken. Auch wenn Luftmassen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aufeinandertreffen, kann es zu Turbulenzen kommen. Mit steigenden Temperaturen nehmen Turbulenzen tendenziell zu, sie kommen also eher im Sommer als im Winter vor. Turbulenzen sind unangenehm, fallen meistens aber eher leicht aus und halten nicht lange an.

Wann werden Turbulenzen gefährlich?

Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt, der in der Vergangenheit unter anderem für Boeing gearbeitet hat, gibt Entwarnung. Er sagt: „Dem Flugzeug selbst können die Turbulenzen nichts anhaben.“ Man müsse keine Angst haben, dass der Flieger auseinanderbricht. In einzelnen Fällen könne es aber passieren, dass das Flugzeug nach der Landung in Reparatur müsse, so Großbongardt. Die eigentliche Gefahr liegt vor allem aber in der Kabine. Andrew Davies, einer der Passagiere auf dem Turbulenzen-Flug von Singapore Airlines, berichtete in der BBC, dass einige Passagiere so heftig durch das Flugzeug geschleudert worden seien, dass sie mit ihren Köpfen die Kabinendecke eingedrückt hätten. Viele der Verletzten sollen zum Zeitpunkt der plötzlichen Turbulenzen nicht angeschnallt gewesen sein.

Wo hat man die meisten Turbulenzen?

„Die besonders kritische Region ist die sogenannte Innertropische Konvergenzzone, ein Gürtel tropischer Gewitter, der sich rund um den Globus zieht“, sagt Luftfahrtexperte Großbongardt. Diese Zone ist einige Hundert Kilometer breit und liegt in der Nähe des Äquators. „Teilweise sind die Wolkentürme so hoch, dass Verkehrsflugzeuge sie nicht überfliegen können, sondern die Besatzungen sich zwischen den einzelnen Gewittern hindurchlavieren müssen“, betont der Experte. Wenn man im Sommer von Südostasien oder Südamerika nach Europa fliegen wolle, dann führe an dieser Zone kein Weg vorbei. Laut dem Online-Portal „Turbli“, das rund 150.000 Flugrouten weltweit analysiert hat, traten auf der Strecke von Santiago de Chile nach Santa Cruz de la Sierra in Bolivien im vergangenen Jahr die meisten Turbulenzen auf. Die turbulenteste Strecke in Europa war den Daten zufolge die von Mailand nach Genf. Die meisten unruhigen Flugrouten liegen allerdings im asiatischen Raum.

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Foto: AP

Wie häufig kommt es zu schweren Zwischenfällen bei Turbulenzen?

Turbulenzen wie jüngst auf dem Flug von London nach Singapur treten selten auf, aber kommen immer wieder vor. Großbongardt sagt, dass pro Jahr rund zwei Dutzend schwere Zwischenfälle registriert würden, bei denen Passagiere oder Mitglieder der Kabinencrew zu Schaden kommen. „Die Zahl der Verletzten liegt pro Jahr zwischen 100 und 200“, sagt der Experte.

Werden Turbulenzen häufiger?

Darauf gibt es tatsächlich Hinweise. Wissenschaftler der englischen Universität Reading haben einen Zusammenhang zwischen der Zunahme unsichtbarer Klarluft-Turbulenzen und dem Klimawandel nachgewiesen. An einem typischen Punkt über dem Nordatlantik maßen sie eine Zunahme des Phänomens um 55 Prozent im Zeitraum zwischen 1979 und 2020. Auch auf anderen Flugrouten gebe es mehr Turbulenzen als vor einigen Jahren.

Was kann man tun, wenn das Flugzeug in Turbulenzen gerät?

„Bleiben Sie angeschnallt, auch wenn die Anschnallzeichen erloschen sind. Damit schützen Sie sich und Ihre Mitreisenden“, sagt Großbongardt. Dabei müsse der Gurt nicht unbedingt fest angezogen werden wie bei Start und Landung, sondern dürfe auch leicht gelockert sein. „Das ist nicht hinderlicher als der Sicherheitsgurt im Auto“, sagt der Luftfahrtexperte.

Welche Rechte habe Flugreisende bei schweren Turbulenzen?

Das 1999 verabschiedete Montrealer Abkommen sieht vor, dass man ein Anrecht auf Schadenersatz und Schmerzensgeld hat, wenn man bei Turbulenzen verletzt wird. „Dabei liegt die Obergrenze bei 175.000 Dollar. Diese Haftung ist unabhängig vom Verschulden der Fluggesellschaft“, sagt Großbongardt. Eine Einschränkung gebe es aber: Könne die Fluggesellschaft nachweisen, dass man die Anschnallzeichen missachtet hat, erlösche der Anspruch im Extremfall – und der Flugpassagier könne leer ausgehen, so der Luftfahrtexperte.

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