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Notenbanken nehmen vorsichtig Kurs auf Straffung der Geldpolitik

Nach eineinhalb Jahren Corona-Krise : Notenbanken nehmen vorsichtig Kurs auf Straffung der Geldpolitik

In der Corona-Krise haben die Notenbanken die Konjunktur gestützt, unter anderem mit massiven Wertpapierkäufen. Bald könnten sie aber angesichts des robusten Wachstums und hoher Inflation einen Gang runterschalten.

Eineinhalb Jahre nach Beginn der Pandemie zeichnet sich ein schrittweiser Ausstieg aus der extrem lockeren Geldpolitik ab. Die US-Notenbank Federal Reserve könnte bei der nächsten Sitzung im November eine Drosselung der milliardenschweren Wertpapierkäufe beschließen, sagte ihr Chef Jerome Powell. Setzt sich die aktuelle Konjunkturerholung fort, könnten die Käufe bis Mitte 2022 eingestellt werden. Zugleich deuten neue Prognosen auf eine Zinserhöhung im kommenden Jahr hin.

Auch die Bank of England betonte am Donnerstag, dass die wirtschaftliche Erholung soweit fortgeschritten sei, dass man in den kommenden Monaten eine Straffung der angesichts der Corona-Krise drastisch gelockerten Geldpolitik erwägen könne.

Die Notenbank von Norwegen reagierte schon jetzt mit ihrer ersten Zinserhöhung seit Beginn der Pandemie. Der Leitzins steigt von null auf 0,25 Prozent. Notenbank-Chef Oystein Olsen verwies auf die Normalisierung der Wirtschaft hin und stellte für Dezember eine weitere Erhöhung in Aussicht.

In den USA und Großbritannien bleibt dagegen zunächst alles unverändert: Die Federal Reserve beließ ihren Leitzins in der niedrigen Spanne von 0,0 bis 0,25 Prozent. Auch die Wertpapierkäufe in Höhe von 120 Milliarden Dollar (102 Mrd Euro) pro Monat durch die Fed werden fortgesetzt. Auch die Bank of England hielt an dem Leitzins von 0,10 Prozent fest. Zugleich sprachen sich zwei Mitglieder im geldpolitischen Ausschuss dafür aus, die Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen im Umfang von 895 Milliarden Pfund zu beenden. Sie wurden aber von sieben Notenbankern überstimmt.

Die im vergangenen Jahr wegen der Corona-Krise beschlossenen Kaufprogramme sollen die Liquidität der Finanzmärkte verbessern und die Bereitstellung von Krediten für Haushalte und Firmen erleichtern.

Die Federal Reserve machte am Mittwoch keine Angaben dazu, wann genau und wie schnell die Wertpapierkäufe zurückgefahren werden könnten. „Wir haben noch nicht über das Tempo entschieden“, sagte Powell. Insgesamt halte man eine schrittweise Abschmelzung der Käufe für angemessen, die Mitte kommenden Jahres abgeschlossen werden könnte. Er gehe nicht davon aus, dass es eine Zinserhöhung schon vor dem Auslaufen der Wertpapierkäufe geben werde, sagte Powell.

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Die Fed kauft derzeit monatlich für rund 80 Milliarden Dollar Staatsanleihen sowie hypothekengesicherte Wertpapiere im Wert von 40 Milliarden Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte jüngst eine leichte Drosselung ihres Programms zum Ankauf von Anleihen angekündigt.

Das aktuelle Zinsniveau unterdessen sei gerechtfertigt, stellte die Fed fest. Sowohl sie als auch die Bank of England gehen davon aus, dass der aktuelle Anstieg der Teuerung vorläufig sei und keine Zinsanhebung rechtfertige. Bei der Inflation erwartet die Fed für dieses Jahr 4,2 Prozent statt der Juni-Prognose von 3,4 Prozent. Für 2022 rechnet die Fed nun mit 2,2 Prozent nach einer Prognose von 2,1 Prozent im Juni.

Zugleich senkte die Fed ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr. Im Juni war die Zentralbank noch von einem Plus von 7 Prozent ausgegangen, nun erwartet sie ein Wachstum von 5,9 Prozent. Die rasante Erholung der US-Wirtschaft von der Corona-Krise hatte sich zuletzt wegen der Ausbreitung der Delta-Variante verlangsamt. Für 2022 rechnet die Notenbank nun aber mit einem Wachstum von 3,8 Prozent nach der Juni-Prognose von 3,3 Prozent.

Die Prognose für die Arbeitslosenquote in diesem Jahr schraubte die Fed auf 4,8 Prozent hoch, von 4,5 Prozent im Juni. „Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist sehr stark“, sagte Powell. Die Delta-Variante habe aber in einigen Bereichen wie Gastgewerbe und Reisebranche dazwischengeschlagen. Die Zunahme der Beschäftigung dürfte wieder Fahrt aufnehmen, wenn die aktuellen Corona-Effekte überwunden seien. In der vergangenen Woche verschlechterte sich die Lage zugleich überraschend. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe legten im Wochenvergleich um 16 000 auf 351 000 zu.

An den Finanzmärkten reagierte der US-Dollar zunächst mit starken Kursschwankungen auf die Aussagen. Dann legte er spürbar zu. Der Euro fiel unter die Marke von 1,17 Dollar. US-Staatsanleihen gaben nach, die Verluste hielten sich jedoch in Grenzen. Der US-Leitindex Dow Jones Industrial schloss ein Prozent höher.

US-Chefökonom Paul Ashworth von Capital Economics stellte die deutlich angehobenen Leitzinsprognosen der Fed heraus. Vermutlich sei dies auf die Befürchtung zurückzuführen, dass die derzeit hohe Inflation doch nicht ein solch temporäres Ereignis sei wie von der Fed bisher angenommen.

Auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) bleibt zunächst bei ihrer sehr lockeren Geldpolitik fort und beließ ihren Leitzins sowie den Zins auf Sichtguthaben bei minus 0,75 Prozent.

(lils/dpa)