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Niedrigzinsen der Europäischen Zentralbank gefährden Betriebsrenten

Europäische Zentralbank : Niedrige Zinsen gefährden Betriebsrenten

Nach der jüngsten Zinssenkung durch die Europäischen Zentralbank wird es für Unternehmen, Versicherer und Pensionskassen noch schwieriger, die Zusagen aus der betrieblichen Altersvorsorge auf Dauer aufrechtzuerhalten.

Vor Jahren wurde die betriebliche Altersvorsorge noch gefeiert als dritte Säule des Vorsorgesystems, neben der gesetzlichen Rente und der privaten Vorsorge beispielsweise in Form von Riester-Verträgen.

Für manchen Arbeitgeber war sie sogar ein wichtiger Wettbewerbsfaktor bei dem Versuch, gute Leute ins Unternehmen zu holen. Doch jetzt geraten die Betriebsrenten in Deutschland unter Druck durch die anhaltend niedrigen Zinsen. Die jüngste Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank hat das Problem verschärft.

Je niedriger die Renditen sind, die an den Kapitalmärkten zu erzielen sind, um so schwieriger wird es für Unternehmen, Versicherer und Pensionsfonds, die Zusagen in Sachen Altersvorsorge einzuhalten. Die Kölner Beratungsfirma Heubeck hat gerade prognostiziert, dass der HGB-Rechnungszins in den kommenden fünf Jahren von fünf auf weniger als 3,5 Prozent sinken könnte. Mit Hilfe dieses Rechnungszinses ermittelt man — vereinfacht gesagt — wie viel künftige Zahlungsverpflichtungen der Unternehmen heute wert sind.

15 bis 30 Prozent

Je niedriger der Zins ist, umso näher müsste der Betrag des heute Zurückgelegten schon an den Verpflichtungen von später dran sein. Stimmt die Voraussage des Kölner Unternehmens, müssten die Firmen ihre Pensionsrückstellungen um durchschnittlich 15 bis 30 Prozent erhöhen. Solche Mehraufwendungen drücken den Gewinn gewaltig.

Die Lufthansa ist einer der Konzerne, die in der Vergangenheit aus dieser Not heraus die Reißleine gezogen haben. Die Fluggesellschaft kündigte vor einigen Monaten niedrigere Betriebsrenten an, weil die betriebseigene Rentenkasse keine auskömmlichen Renditen mehr erwirtschaften könne. Sie kündigte den dazugehörigen Tarifvertrag, der den Mitarbeitern eine Zusatzversorgung zwischen 1000 und 4000 Euro pro Monat sicherte.

Für solche Zahlungen sind Kapitalanlagen nötig, die um die sieben Prozent Rendite abwerfen. Nicht nur aus Sicht der Lufthansa ist das derzeit nicht zu schaffen. Die Airline ist eine von vielen Gesellschaften, die unter der Niedrigzinsphase stöhnen. Das Problem trifft alle — bei Direktzusagen der Firmen, bei Pensionskassen, in denen Versicherer für Unternehmen oder ganze Branchen die Gelder anlegen, oder in Pensionsfonds, die von mehreren Firmen zusammen genutzt werden.

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Zwischen SAP und Telekom liegen Welten

Die Unternehmensberatung Towers Perrin zeigte jüngst auf, in welchem Ausmaß die aktuellen Dax-Unternehmen Pensionszusagen schon angespart haben (siehe Grafik oben). Ergebnis: Zwischen SAP (91 Prozent) und der Deutschen Telekom (19 Prozent) liegen Welten. Je weniger ein Unternehmen bisher zurückgelegt hat, desto eher könnte es in den kommenden Jahren in ähnliche Nöte wie die Lufthansa kommen.

Besonders Alarm schlägt die Firma Heubeck bei der Entgeltumwandlung. Durch die niedrigen Zinsen müssten Arbeitnehmer heute im Vergleich zur Situation vor zehn Jahren bei gleichem Beitrag drastische Leistungseinbußen hinnehmen, erklärt der Berater. Dazu kommt, dass sie später, sofern sie gesetzlich krankenversichert sind, Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung zahlen müssen, die Auszahlung also noch einmal schmilzt.

Niedrigzinstherapie der EZB

Unter solchen Umständen verliert die betriebliche Vorsorge deutlich an Attraktivität. Entsprechend schlägt die Versicherungsbranche Alarm, denn für sie ist Altersvorsorge ein wesentliches Geschäftsmodell. "Die Niedrigzinstherapie der EZB kann strukturelle Probleme nicht lösen. Zentral dafür sind eine Konsolidierung der Staatshaushalte und eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit wachstumsschwächerer Länder", erklärte jüngst der Branchenverband GDV.

Der Verband hat auch schon Ideen für eine neue Bundesregierung formuliert, wie man die Entgeltumwandlung auf Betriebsebene auch und gerade in kleinen und mittleren Unternehmen erleichtern könnte —nämlich standardmäßig für alle Arbeitnehmer eines Betriebes im Arbeitsvertrag eine Entgeltumwandlung vorsehen. Allein: Solch ein Automatismus erhöht nicht die Renditen. Das Geschäft bleibt schwierig.

(RP)