Süßwarenhersteller will wachsen Haribo plant neues Werk in Neuss

Neuss · Fast jeder Deutsche kennt das Unternehmen, das vor Jahren aus Bonn nach Rheinland-Pfalz zog. Warum der Konzern jetzt ein neues Werk am Rhein bauen will.

 Haribo-Produktion in den 30er-Jahren.

Haribo-Produktion in den 30er-Jahren.

Foto: dpa/Haribo GmbH

Für den Begriff Akronym gibt es mehrere Definitionen im Duden. Eine davon besagt, dass es nicht nur aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter entsteht, die zu einem Wort zusammengefügt werden, sondern aus ganzen Anfangssilben. Welche der Erklärungen man auch verwendet – die deutsche Unternehmenslandschaft ist voll solcher Begriffe. Der Discounter Aldi gehört dazu, dessen Name für Albrecht (die Gründerbrüder der Handelskette) Diskont steht, das berühmte Kaufhaus des Westens (KaDeWe) in Berlin, die Textilkette Tedi, abgeleitet aus dem „Top Euro Discount“, oder Rewe, der einstige „Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften“.

Der Ursprung dieser bekannten Namen aus dem deutschen Einzelhandel mag vielen nicht geläufig sein. Und so ist es womöglich auch bei Hans Riegel aus Bonn. Der Mann hat 1922 ein Unternehmen gegründet, dessen Fruchtgummis in den vergangenen 100 Jahren zum weltweiten Kassenschlager geworden sind und das als Marke angeblich einen Bekanntheitsgrad von 99 Prozent in Deutschland hat. Wir kennen es unter dem Akronym Haribo, erinnern uns an eingängige Werbesongs mit einem Text, für den der Schöpfer in den 30er Jahren 20 Reichsmark bekam und der in zig Sprachen übersetzt wurde, haben Botschafter wie Thomas Gottschalk und Bully Herbig vor Augen, erleben immer noch TV-Werbung, in der Erwachsene mit Kinderstimmen offensichtlich verzückt Goldbären naschen.

Kennt jeder. In Bonn sowieso. Dort war Haribo fast ein Jahrhundert lang im Stadtteil Kessenich so sehr mit der ehemaligen Bundeshauptstadt verwoben wie der Sitz der Bundesregierung zwischen der Gründung der Republik und dem Umzug nach Berlin. Deshalb empfanden vor sechs Jahren manche traditionsbewusste Zeitgenossen auch unter den Lokalpolitikern den Umzug des Unternehmens nach Rheinland-Pfalz als eine Art Landesverrat.

Dabei hat Haribo nach ökonomischen Prinzipien gehandelt, so wie ein Fußballspieler, der bei einem anderen Klub mehr Geld verdienen kann und deshalb den Verein wechselt – und dann trotzdem beschimpft wird von denen, die er vermeintlich im Stich gelassen hat. Haribo zog damals nach Grafschaft im rheinland-pfälzischen Landkreis Ahrweiler und siedelte dort nicht nur die Verwaltung des Unternehmens an, sondern baute auch ein neues Werk. Das alte in Bonn blieb erhalten, hätte aber für weiteres Wachstum in der Produktion nicht mehr ausgereicht. Genau so wie die Räumlichkeiten für die Haribo-Verwaltung.

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Sechs Jahre später wiederholt sich Geschichte in Teilen. Wieder ist ein Werk zu klein geworden für die Expansionspläne der Haribo-Macher, aber diesmal wird am gleichen Standort gebaut, nämlich in Neuss. Dort gibt es schon eine Produktionsstätte, in der seit den 80er Jahren Fruchtkaubonbons von Maoam hergestellt werden. Das aber aus den Fugen zu platzen drohte, wenn man dort noch die Fruchtgummis produzieren wollte.

Also soll auf einem Grundstück neu gebaut werden, das Haribo der Stadt Neuss abkaufen will, nachdem es sich das Areal vor Jahren hat reservieren lassen und dafür eine Gebühr an die Kommune gezahlt hat. 14 Hektar groß und damit viermal so groß wie die aktuelle Produktionsstätte. Für Neuss ein gutes Geschäft, weil die Eigentümer ab 2028 erst mal doppelt für die beiden parallel laufenden Werke und ab 2030 nur noch für die neue, doppelt so große Produktionsstätte Gewerbesteuer zahlen werden. Und die würde entsprechend höher ausfallen, wenn das neue Werk entsprechend mehr Umsatz und Ertrag abwerfen würde. Mit Investitionen von 300 Millionen Euro wird der Neubau am Rhein das teuerste Werk der Firmengeschichte. Eines, das Neuss froh machen könnte.

Süßigkeiten sind übrigens eines der umsatzstärksten Sortimente in der deutschen Ernährungsindustrie, wie auf der Website des Online-Portals Statista zu lesen ist. Danach beträgt der durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum pro Jahr 23 Kilogramm, für die die Kundschaft im Mittel 240 Euro ausgibt. Und die Haribos und Co.s dieser Welt vereinigten im vergangenen Jahr mit einem Absatz von mehr als 168.000 Tonnen Fruchtgummi und Lakritz den größten Teil der Palette auf sich, noch vor der Tafelschokolade, deren Hersteller etwa 122.700 Tonnen verkauften. Knapp dahinter folgten die Riegelhersteller mit rund 119.400 Tonnen.

Deshalb atmet so mancher auf, weil die Fruchtgummis nach etwa einem Jahr Abstinenz beispielsweise wieder in Regalen von Lidl stehen. So lange hatten Haribo und der Discounter in der zwischen Lebensmittelindustrie und -handel in Deutschland üblichen Art um den Preis gekämpft.

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