Düsseldorf: Neuer Schlag für die Weltwirtschaft

Düsseldorf : Neuer Schlag für die Weltwirtschaft

Gerade hat sich die Welt von der tiefsten Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg erholt. Nun löst die Katastrophe von Japan neue Ängste aus. Die Börsen brechen weltweit ein. Wie groß ist die Gefahr, dass sich ein Absturz wie nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers wiederholt?

Wie Phönix aus der Asche war die Weltwirtschaft im Jahr 2010 auferstanden. Überraschend schnell hatte sie sich von der tiefsten Krise seit dem zweiten Weltkrieg erholt, die die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 ausgelöst hatte. Nun gerät die Weltwirtschaft von drei Seiten unter Druck: Der Bürgerkrieg in der arabischen Welt treibt den Ölpreis, die Euro-Krise schwelt weiter, die Katastrophe von Japan erschüttert die Welt. Die Sorge geht um, dass es jetzt doch zu einem zweiten Absturz, dem gefürchteten "double dip", kommt.

"Es handelt sich um den schwersten Schlag, den es in Japan geben kann – und er kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt", sagt der US-Star-Ökonom Nouriel Roubini. Wie gestern waren auch im Herbst 2008 zuerst die Börsen eingebrochen und nahmen den kurz darauf folgenden Absturz der Realwirtschaft vorweg. Allein in Deutschland brach die Wirtschaftsleistung im Jahr 2009 um fünf Prozent ein, die Betriebe schickten 1,5 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit. Kann sich das wiederholen?

Das kommt darauf an, ob auf das Erdbeben eine atomare Katastrophe folgt, sagen Ökonomen wie der Chefvolkswirt der WestLB, Holger Sandte. Die Schäden des Erdbebens dürften nur kurzfristig zu Ausfällen am Weltmarkt führen, meint der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz. Anders sei es bei einer nuklearen Katastrophe.

Szenario 1: Keine nukleare Katastrophe in Japan

Schon das Beben allein bringt die japanische Wirtschaft in eine bedrückende Lage. Zwar trägt die Region, in der der Tsunami gewütet hat, nur sieben Prozent zur gesamten japanischen Wirtschaftsleistung bei. "Doch die japanische Wirtschaft ist bereits schwach, das Beben stürzte sie in eine neue Rezession", meint Sandte. Es hat viel größere Schäden angerichtet als das, das 1995 die japanische Stadt Kobe erschütterte, aber fast ohne Auswirkung auf die japanische Wirtschaftsleistung blieb.

Für Deutschland wäre eine japanische Rezession dennoch kein großes Problem. Obwohl Japan die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist und einen Anteil von neun Prozent zur weltweiten Wirtschaftsleistung beiträgt, spielt Nippon für Deutschland keine große Rolle. Nur 1,4 Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin, vor allem deutsche Maschinen und Autos. Japan liegt damit nur auf Rang 18 der wichtigsten Länder für deutsche Exporte. Zugleich ist es die Nummer elf der Länder, aus denen Deutschland Waren importiert. Vor allem PC, Unterhaltungselektronik und Autos "made in Japan" werden eingeführt.

Stärker wird die japanische Rezession die USA, die Vereinigten Arabischen Emirate, China sowie andere asiatische Länder treffen, die zu den bedeutenden Handelspartnern gehören. Doch dass Japan deshalb die Initialzündung für eine neue große Rezession liefert, erwartet auch Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, nicht.

Szenario 2: Nukleare Katastrophe in Japan

Anders sieht es dagegen aus, wenn es in Japan zu Kernschmelzen und einer Verstrahlung von großen Gebieten kommt. Wenn in Japan der Warenverkehr zum Erliegen kommt, wenn See- und Flughäfen nicht mehr benutzt werden können, hat das auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Asien ist schließlich der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft. "Wenn der stottert, hat die Welt auch ein ökonomisches Problem", so Sandte. Bei der Reaktor-Katastrophe im russischen Tschernobyl 1986 war das anders, weil die Region damals keine bedeutende Rolle in der Weltwirtschaft spielte.

Dennoch glauben viele Ökonomen, dass es selbst in diesem denkbar schlechtesten Fall nicht zu einem zweiten Lehman, einem zweiten Absturz der Weltwirtschaft, kommt. Denn zwei Dinge sind anders als im schwarzen Herbst 2008: Damals war die Weltkonjunktur bereits im Sinkflug, der Lehman-Schock verschärfte den Produktionsrückgang, der damals in bestimmten Branchen und Regionen bereits eingesetzt hatte. Heute ist die Weltwirtschaft dagegen im Aufwind, der Japan-Schock wird den Boom bremsen, aber wohl nicht umkehren.

Zweitens hat die Welt aus der Lehman-Pleite gelernt. Damals hat die US-Regierung nicht geahnt, was sie für die Vereinigten Staaten und die Weltwirtschaft auslöste, als sie die marode Investmentbank fallenließ. Erst nachdem Panik an den Börsen ausgebrochen war, hörte sie auf die Mahnungen etwa der deutschen Bundesregierung und rettete den ebenfalls taumelnden US-Versicherungsriesen AIG. Zugleich verabredeten sich die Notenbanken weltweit, die Märkte mit billigem Geld zu fluten.

Diese Lektionen dürfte die Welt auch dieses Mal anwenden. Die Staaten-Gemeinschaft wird Japan schon aus Eigeninteresse mit seinen (ökonomischen) Problemen nicht allein lassen. Schon gestern kündigte die japanische Notenbank an, die Rekordsumme von 132 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen, um die Banken des Landes mit billigem Geld zu versorgen und so der Verunsicherung entgegen zu wirken.

Zwar hat die japanische Notenbank bereits viel Pulver verschossen und kann ihre Zinsen nicht weiter senken. Das Land, das seit langem in der Rezession steckt, hat seit zehn Jahren einen Zinssatz von null Prozent. Doch immerhin kann die Notenbank ihr Kreditvolumen ausweiten und so die Märkte beruhigen. Zudem dürften sich andere Notenbanken der Welt solchen Beruhigungs-Aktionen anschließen. Auch sie können die Banken mit neuer Liquidität versorgen. Schon jetzt heißt es, die Europäische Zentralbank werde darauf verzichten, ihren Leitzins von derzeit ein Prozent zu erhöhen, was sie zunächst für April in Aussicht gestellt hatte.

Und anders als viele Länder in Europa hat Japan kein Problem mit seinen hohen Schulden, zu denen weitere Milliarden hinzukommen werden, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Zwar ist der Schuldenberg des Landes doppelt so hoch wie das japanische Sozialprodukt, also die Summe der im Jahr erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen. Doch das Geld hat der Staat sich nicht von ausländischen Banken oder Investoren geliehen, sondern von seinen eigenen Bürgern. Anders als in Griechenland ist die Sparquote der Japaner sehr hoch. Damit ist auch die Zinslast trotz des Schuldenbergs moderat. Zwar ist gestern der Zins für zehnjährige japanische Anleihen etwas gestiegen. Doch mit zwei Prozent liegt er weit unter dem Wert von 20 Prozent, den Griechenland auf dem Höhepunkt seiner Krise zahlen musste.

Szenario 3: Arabische Revolte ergreift Saudi-Arabien

Unter rein ökonomischen Gesichtspunkten ist die Krise in Arabien gefährlicher als die Katastrophe in Japan. Falls die Revolution auch auf Saudi-Arabien übergreift, das ein Viertel der weltweiten Ölvorräte besitzt, und es hier zu einer Einschränkung bei der Erdölförderung kommt, treibt das den Ölpreis massiv nach oben, fürchten Experten. "Bei einem Ölpreis von dauerhaft über 150 Dollar je Fass hat die Weltwirtschaft ein Riesenproblem", sagt Sandte. Dann würden Energie und die aus dem Öl gewonnen Rohstoffe teurer, viele Unternehmen verlören ihre Wettbewerbsfähigkeit, die Inflation würde angeheizt.

Die japanische Krise hat den Ölmarkt etwas beruhigt. Der Ölpreis fällt seit Freitag täglich, gestern kostete ein Fass der Nordseeöl-Sorte Brent nur noch 111 Dollar. Japan ist der drittgrößte Erdöl-Verbraucher der Welt. Wenn hier die Bänder stillstehen, dämpft das den Ölpreis. So brutal ist die Ökonomie.

(RP)
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