Interview Matthias Wissmann: "Natürlich machen wir uns wegen Russland Sorgen"

Interview Matthias Wissmann: "Natürlich machen wir uns wegen Russland Sorgen"

Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann, über die Folgen der Krim-Krise, den Freihandel und die große Koalition.

Wie würden Wirtschaftssanktionen gegen Russland wirken?

Wissmann An Spekulationen beteiligen wir uns nicht. Eines ist jedoch auch klar: Der russische Markt hat das Potenzial, eines Tages der größte Automobilmarkt des europäischen Raumes zu werden.

Wird die Autokonjunktur in Europa gedämpft durch die Krim-Krise?

Wissmann Wir beobachten die Entwicklung sehr genau. Wir unterstützen alle Maßnahmen, die zu einer friedlichen und rechtsstaatlichen Lösung führen. Natürlich machen wir uns Sorgen. Derzeit sehen wir eine langsame Erholung des europäischen Pkw-Marktes, nach vier Jahren Rückgang. Wir brauchen Stabilität und Vertrauen in die Märkte.

Bekommen die Freihandelsgespräche der EU mit den USA neuen Schwung durch die Krise?

Wissmann Bedenkenträger, die einen offenen Handel gar nicht wollen, sind auf beiden Seiten zu finden. Sie wollen offenbar nicht verstehen, wie stark der Wachstumsimpuls ist, der von diesem Freihandelsabkommen ausgeht. Die EU kann mit 119 Milliarden Euro pro Jahr an zusätzlicher Wirtschaftskraft rechnen — das hat die EU-Kommission ausgerechnet. Das entspricht einem Plus von 545 Euro an verfügbarem Jahreseinkommen für eine vierköpfige Familie in Deutschland.

Wie wichtig ist das Freihandelsabkommen für die Autoindustrie?

Wissmann Das Freihandelsabkommen TTIP ist von zentraler Bedeutung für uns. Das Misstrauen, das es dagegen gibt, ist in der Sache nicht begründet. So sind die geplanten Schiedsverfahren beim Investitionsschutz ja faire Verfahren, die den Investoren Sicherheit geben. Wir haben gerade ein deutsch-kanadisches Freihandelsabkommen geschlossen, das die Blaupause für TTIP ist. Dieses Abkommen wurde erstaunlicherweise viel weniger kritisiert. Ein Freihandelsabkommen, das nicht-tarifäre Handelshemmnisse beseitigt, wäre ein großer Schritt für mehr Wachstum, Beschäftigung und Entlastung der Verbraucher. Wenn zum Beispiel ein Außenspiegel an einem Fahrzeug in den USA nicht mehr anders aussehen muss als in Europa, entfielen Kosten, und die Autos würden auch für die Käufer günstiger.

Wie bewerten Sie bei uns die Rentenpläne der großen Koalition?

Wissmann Die Lebenserwartung der Deutschen steigt weiter und gleichzeitig werden sie immer weniger. Die abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren, die die Bundesregierung plant, wird deshalb die jungen Generationen über Gebühr belasten und darüber hinaus unsere Wettbewerbsfähigkeit gefährden, weil die unbesetzten Stellen bei Facharbeitern und Ingenieuren zunehmen. Ich halte es für sehr riskant, neue Anreize zu einer Frühverrentung zu setzen. Wir sollten vielmehr darüber nachdenken, wie wir denjenigen, die ihr Know-how länger einbringen wollen, das Weiterarbeiten erleichtern können. Die Automobilwirtschaft würde durchaus manchen Ingenieur oder Facharbeiter, der das Rentenalter schon erreicht hat, noch gerne einige Jahre weiter beschäftigen. Wenn zum Beispiel ab dem gesetzten Renteneintrittsalter die Weiterzahlung der Sozialbeiträge wegfiele, könnte das vielleicht ein paar Zehntausend ältere Menschen ermutigen, ihre wertvolle Expertise noch etwas länger einzubringen.

Warum kommen wir mit den Elektroautos nicht von der Stelle?

Wissmann Einspruch! Wir kommen sehr gut voran. Deutschland ist einer der beiden besten Elektroauto-Anbieter der Welt. Bis Ende 2014 bringen unsere Hersteller 16 Serienmodelle mit E-Antrieb auf die Straße. Die Produkte sind da. Auch die Akzeptanz beim Kunden nimmt zu. Bund, Länder und Gemeinden können mit der Beschaffung von E-Autos ein wichtiges Zeichen setzen. Wir sind zuversichtlich, dass wir 2014/15 weit in die fünfstelligen Zahlen des Verkaufs kommen. Natürlich muss parallel auch die Ladesäulen-Infrastruktur weiter ausgebaut werden. Vor unserem VDA-Haus hier in Berlin haben wir übrigens eine Ladesäule, die direkt in den Laternenmast integriert ist.

B. MARSCHALL FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(mar)
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