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Myanmar: Vergiftete Landstriche für E-Auto und Smartphone - Seltene Erden

Seltene Erden aus Myanmar : Welche Umweltzerstörung Hersteller von Smartphones und E-Autos in Kauf nehmen

Smartphone, Fahrstuhl, Windturbine, E-Auto: Für all diese Dinge werden Seltene Erden benötigt, deren Abbau oft alles andere als umweltfreundlich ist. Weit weg von den Blicken der Europäer werden ganze Landstriche „geopfert“.

Vogelgesang ist nicht mehr zu hören. Es schwimmen keine Fische mehr in den Flüssen, die zu trüb-braunen Rinnsalen geworden sind. Wildtiere streifen auch nicht mehr umher, Kühe werden manchmal tot aufgefunden. Die Menschen in dieser Waldregion im Norden von Myanmar mussten ihre über Generationen gepflegte Lebensweise aufgeben. Wer sich beklagt, wird schnell bedroht – und könnte wenig später ebenfalls tot aufgefunden werden.

In der Region lagern mehrere der sogenannten Seltenen Erden, die als „Vitamine“ der modernen Welt gelten. Die begehrten Metalle werden für verschiedenste technische Produkte gebraucht – für Festplatten und Smartphones ebenso wie für Fahrstühle und Züge, für Windturbinen und die Motoren von Elektroautos.

Entsprechend sind Seltene Erden längst fester Bestandteil der Lieferketten von weltweit führenden Unternehmen. Recherchen der Nachrichtenagentur AP haben ergeben, dass die auf die Elemente angewiesenen Branchen dabei ein schmutziges offenes Geheimnis in Kauf nehmen: Zu den Kosten des Abbaus zählen Umweltzerstörung, die Enteignung von Dorfbewohnern sowie die finanzielle Unterstützung von brutalen Milizen, von denen mindestens eine mit der Militärregierung von Myanmar in Verbindung steht.

Derartige Probleme werden sich nach Einschätzung von Experten in Zukunft noch verschärfen, da die Nachfrage nach Seltenen Erden durch den Boom der „grünen Energien“ weiter zunimmt. „Dieser rasante Vorstoß zur Erweiterung der Abbaukapazität wird im Namen des Klimawandels gerechtfertigt“, sagt Julie Michelle Klinger, die in den USA ein staatliches Projekt zum Aufspüren von illegalen Mineralen leitet. Beliebt seien dabei Abbauorte, die „außer Sichtweite“ seien.

Die AP hat Dutzende Interviews zum Thema geführt und Zolldaten, geschäftliche Unterlagen, chinesische wissenschaftliche Publikationen sowie Satellitenbilder und geologische Analysen der Umweltorganisation Global Witness ausgewertet. Dabei konnte eine Spur von Seltenen Erden aus Myanmar bis in die Lieferketten von 78 Unternehmen verfolgt werden.

Nur etwa ein Drittel dieser Unternehmen reagierte auf Nachfragen zu den Recherchen. Und von diesen wiederum wollten zwei Drittel keine Angaben zu den Bezugsquellen für ihre Rohstoffe machen. Die meisten betonten lediglich, dass sie Umweltschutz und Menschenrechte sehr ernst nähmen. Einige Unternehmen teilten mit, sie würden ihre Lieferketten bei Seltenen Erden prüfen. Andere geben sich den Antworten zufolge mit Selbstverpflichtungen der Lieferanten zufrieden.

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Der US-Autohersteller General Motors sagte der AP, man sei sich der Risiken bewusst und werde „schwere Metalle der Seltenen Erden“ bald von einem amerikanischen Lieferanten beziehen. Die Elektroauto-Firma Tesla ließ wiederholte Anfragen unbeantwortet. Von der Mercedes-Benz Group hieß es, in Reaktion auf die Recherchen seien Lieferanten um weitere Informationen gebeten worden. Der Elektronikkonzern Apple erklärte, Seltene Erden würden im Unternehmen überwiegend recycelt und es gebe „keine Hinweise“ darauf, dass irgendwelche davon aus Myanmar stammten.

Experten betonen derweil, dass es oft fast unmöglich sei, den wahren Ursprung der Rohstoffe zu kennen. In den USA müssen Unternehmen bei sogenannten Konfliktmineralen seit dem Jahr 2010 die Herkunft offenlegen. Die gesetzliche Regelung gilt für Tantal, Zinn, Gold und Wolfram – nicht aber für Seltene Erden. Hier bleibt die Überprüfung den einzelnen Unternehmen selbst überlassen. Auch in der EU sind Seltene Erden bei Vorgaben bezüglich Konfliktmineralen ausgenommen.

Ab den 1980er Jahren erfolgte der Abbau der begehrten Rohstoffe vor allem in China. Über Jahrzehnte war dies für Peking sehr profitabel. Wegen zunehmender öffentlicher Kritik geht die kommunistische Führung inzwischen aber verstärkt gegen „schmutzige“ Industrien vor. Doch während viele Minen in China geschlossen wurden und die Preise für die Rohstoffe somit stiegen, zogen Tausende Bergarbeiter ins benachbarte Myanmar, wo es ebenfalls große Lagerstätten gibt.

Guo, ein chinesischer Bergmann, der nicht seinen vollen Namen veröffentlicht sehen will, berichtet von äußerst primitiven Arbeitsbedingungen in den Abbaugebieten in Myanmar. Die Männer seien dort Mückenschwärmen ausgesetzt und würden in baufälligen Hütten leben. Mit Schaufeln oder gar mit bloßen Händen müssten sie Dutzende Meter tief graben. Er selbst sei nur für das Schaufeln zuständig. „Der Rest geht mich nichts an“, betont Guo. „Wir schauen nur, ob wir Geld verdienen können. So einfach ist das.“

Die Umweltzerstörung ist so groß, dass Experten von einer „Sacrifice Zone“ sprechen – einer Zone, die für den Fortschritt in anderen Teilen der Welt „geopfert“ wird. Die Schäden sind aus der Luft gut erkennbar: Wo bis vor wenigen Jahren noch bewaldete Berge zu sehen waren, dominieren heute türkisfarbene Teiche das Bild. Von Global Witness in Auftrag gegebene Satellitenaufnahmen zeigen mehr als 2700 solcher durch Chemikalien verseuchten Teiche an knapp 300 Standorten.

Ein Dorfbewohner, der etwa 25 Kilometer von einem Abbaugebiet entfernt an einem Fluss lebt, sagt, seine Frau hätte früher Fische gefangen und verkauft. Inzwischen sei das nicht mehr möglich. „Entlang des Flusses gibt es keine Fische, nicht einmal kleine Fische“, sagt der Mann, der aus Sorge um seine Sicherheit anonym bleiben will. „Alles ist ausgestorben.“

In der Region im nördlichen Grenzgebiet von Myanmar sind etliche Milizen aktiv, die von dem Abbau profitieren. Dong, ein anderer chinesischer Bergmann, sieht das Geld, das er entlang der Straßen in Myanmar an bewaffnete Männer abgeben muss, als Preis für seine Geschäftstätigkeit. Im Hinblick auf die Umweltschäden durch Säuren, die so stark sind, dass sie die Schaufeln seiner Bulldozer und Bagger angreifen, macht er sich keinerlei Illusionen. „Dieses Zeug ist unglaublich“, sagt er. „Es ist definitiv kontaminierend.“

In einem Dorf, in dem die Bewohner bisher noch Schwarzen Kardamom und Walnüsse ernten können, wächst die Sorge. „Sie bauen überall Seltene Erden ab – und für uns ist es nicht mehr sicher, das Wasser zu trinken“, sagt einer von ihnen. „Es gibt nichts, um die Kinder zu versorgen. Nichts zu essen.“

(peng/dpa)