Interview mit RAG-Chef Tönjes: "Mit dem Bergbau endet eine Ära"

Interview mit RAG-Chef Tönjes: "Mit dem Bergbau endet eine Ära"

Im Jahr 2018 schließt in Deutschland die letzte Zeche. RAG-Chef Bernd Tönjes spricht mit unserer Redaktion über den Ausstieg aus den Steinkohle-Subventionen, die Schwierigkeiten eines sozialverträglichen Abbaus von 20.000 Arbeitsplätzen und den Umstieg auf erneuerbare Energien.

Seit 50 Jahren wird deutsche Steinkohle subventioniert. 2018 soll die letzte Zeche schließen. Hat der Ausstieg nicht viel zu lange gedauert?

Tönjes: Nein. Wir haben ihn ja grundsätzlich auch für falsch gehalten. Ohne die Zechen im Ruhrgebiet hätte es das Wirtschaftswunder nicht gegeben. Strukturwandel braucht Zeit. Daher ist es richtig, den Bergbau im Gleitflug zu beenden. Großbritannien hat es im Sturzflug gemacht und nun viele verarmte Regionen.

Wie viele Subventionen sind in Deutschland insgesamt geflossen?

Tönjes: Genaue Zahlen kann ich nicht nennen. Weniger als in viele andere Bereiche. Viel mehr ist sicherlich durch den Bergbau aber wieder in unsere Volkswirtschaft zurückgeflossen. Doch die Beihilfe wurde auch so rasch wie keine andere abgebaut. Binnen fünf Jahren hat sich die Zahl der Bergleute halbiert. 2011 brauchten wir 1,5 Milliarden Euro. Das sind 500 Millionen weniger, als Bundesregierung und das Land NRW kalkuliert hatten und die Beihilfen sinken weiter.

Als eines der letzten Bergwerke soll Ibbenbüren geschlossen werden. CDU-Fraktionschef Laumann, der dort seinen Wahlkreis hat, hofft, dass RWE Ibbenbüren übernimmt.

Tönjes: In Ibbenbüren wird zwar hochwertige Anthrazit-Kohle abgebaut — aber nicht zu Weltmarktpreisen. Kein Unternehmen wird für seinen Rohstoff mehr zahlen als nötig. Wenn das Bergwerk Ibbenbüren geschlossen wird, wird RWE voraussichtlich auf Importkohle umsteigen.

Sehen Sie angesichts des Energiehungers der Welt eine Chance, dass die deutschen Zechen jemals wieder aufgemacht werden?


Tönjes: Auch der Bergbau boomt ja — weltweit! Und Energiesicherung hat geopolitische Bedeutung. Die Krise im Iran belegt dies ja wieder. Man soll zwar nie nie sagen, aber noch liegen die Weltmarktpreise weit unter den Kosten, zu denen Kohle in Deutschland abgebaut wird. Jetzt schließen wir jedenfalls, wie mit der EU endgültig vereinbart, Ende 2018 die letzte deutsche Zeche. Auch die Revisionsklausel ist ja im letzten Jahr gestrichen worden. Wir werden ein Kapitel 200-jähriger Industriegeschichte mit Anstand beenden und auch die verbleibenden knapp 20.000 der einst 600.000 Arbeitsplätze im Bergbau sozialverträglich abbauen. Ein schwieriger Prozess — aber, das war´s dann.

Berührt Sie das?

Tönjes: Sehr! Mein Vater und meine Großväter waren Bergleute. Ich habe als Steiger im Bergwerk Lippe angefangen und bin seit 30 Jahren im Bergbau tätig, unter und über Tage. Mit dem Bergbau endet auch für meine Familie eine Ära. Die gesamte Region wird den Verlust des Bergbaus spüren.

Wird auch die RAG Geschichte?


Tönjes: Die RAG wird auch ohne aktiven Bergbau weiter existieren. Wir wollen u.a. die Energiewende nutzen. Wir haben erste Windräder auf Halden installiert und wollen aus alten Schächten Pumpspeicherkraftwerke machen. Hier sehen wir große Chancen. Auch in Sachen Akzeptanz — das aus meiner Sicht kritische Thema der Energiewende. Warmes Grubenwasser, Biomasse, Schachtwärme u.a. sind weitere, erfolgversprechende Aktivitäten im "grünen Bereich". Im Saarland, wo die Sonne länger scheint als im Revier, bauen wir einen Solarpark.

Und ketten sich damit an den nächsten Subventionstopf?

Tönjes: Nein. Die RAG hat übrigens auch schon jetzt Töchter, die profitabel arbeiten. Die RAG Montan Immobilien vermarktet freie Grundstücke von insgesamt 13.000 Hektar: das ist aktiver Strukturwandel. Der Duisburger Hafen wächst auf unseren Flächen, in Dortmund ist das weltweit größte Ikea-Verteilzentrum entstanden und mit unserer jungen Tochter RAG Mining Solutions vermarkten wir weltweit und sehr erfolgreich unser Bergbau-Know-how. Wir sind und bleiben hier weltweit führend.

Wie viele Mitarbeiter wird die RAG nach 2018 noch haben?

Tönjes: Von den derzeit rund 20.000 Mitarbeitern werden wir nach 2018 nur einige hundert Mitarbeiter für die Ewigkeitsaufgaben benötigen. Für die "neuen" Aktivitäten kann ich heute in Sachen Arbeitsplätze keine Prognosen abgeben. Das wird die Zeit zeigen.

Was wird aus Ihnen persönlich?

Tönjes: Ich arbeite gerne im Bergbau und sehe hier auch meine Aufgabe für die nächsten Jahre.

Eine Daueraufgabe für die RAG bleibt das Freihalten der Gruben. Was muss da getan werden?


Tönjes: Wenn wir die Gruben nicht dauerhaft abpumpen, steigt das Wasser. Es bestünde dann z.B. die Gefahr, dass salzhaltiges Grubenwasser sich mit dem Grundwasser mischt und Methangase aufsteigen. Wir sorgen dafür, dass das nicht passieren kann. Mit der Erfahrung und Kompetenz unserer Ingenieure.

Für diese Ewigkeitslasten muss die RAG-Stiftung aufkommen, das Geld dafür soll ihr unter anderem der Verkauf von Evonik bringen. Doch der Evonik-Börsengang droht, wegen der Schuldenkrise ein zweites Mal verschoben zu werden...

Tönjes: Ich bin völlig sicher, dass die RAG-Stiftung bis 2018 den Kapitalstock aufgebaut haben wird, der zur Finanzierung der Ewigkeitslasten nötig ist. Evonik ist ein hochattraktiver Konzern. Da droht keine Gefahr. Garantiert.

Der Vertrag vom Chef der RAG-Stiftung, Wilhelm Bonse-Geuking, läuft im Juni aus. Wie muss der Nachfolger aussehen? Wie Werner Müller?


Tönjes: Wir sind nicht der zuständige Ansprechpartner. Mein persönlicher Standpunkt: Der Mann oder die Frau, die Stiftungschef werden sollen, sollten unternehmerische Erfahrung haben und zugleich das politische Geschäft verstehen. Werner Müller erfüllt mit seiner Erfahrung als Wirtschaftsminister und Evonik-Chef sicherlich beide Bedingungen.

Ulrich Hartmann, der dem Kontrollgremium der RAG-Stiftung vorsteht, würde lieber den Vertrag von Bonse-Geuking Vertrag verlängern...


Tönjes: Dazu kann ich Ihnen nichts sagen. Hierzu müssen Sie das Kuratorium bzw. den Vorsitzenden befragen.

Evonik hat mit Vivawest eine Immobiliensparte. Es heißt, die RAG prüfe eine Beteiligung an Vivawest. So könnten Sie die Rückstellungen für die Betriebsrenten der Bergleute rentabler anlegen als am Kapitalmarkt ...


Tönjes: Ich kenne solche Spekulationen nicht. RAG hat nicht vor, sich an Vivawest zu beteiligen.

Der Stromerzeuger Steag ist ein wichtiger Abnehmer der RAG-Kohle. Die Steag produziert aber weniger Strom als sonst. Was heißt das für die RAG?

Tönjes: Zur Zeit nichts. Die Steag atmet über die importierte Kohle. Sie wird den deutschen Bergwerken weiter so viel Kohle abnehmen wie vertraglich gesichert. Allgemeine Wirtschaftskrisen führen natürlich auch zu Absatzproblemen. Hier macht unser Verkauf aber einen hervorragenden Job.

Auch nach der Schließung von Zechen kommt es zu Bergschäden. Worauf müssen sich Anwohner in Zukunft einstellen?


Tönjes: Fünf Jahre, nachdem eine Zeche geschlossen wurde, gibt es in der Regel keine Bergschäden mehr. Und wenn Bergschäden auftreten, wird die RAG sie wie in der Vergangenheit angemessen begleichen.

Ja? Es kommt immer wieder zu Streits, auch am Niederrhein.

Tönjes: Das sind Einzelfälle. Uns werden 45.000 Schäden (incl. Saar und Ibbenbüren) pro Jahr gemeldet, zu Streitigkeiten kommt es nur in etwa 500 Fällen. In fast allen Fällen einigen wir uns gütlich. Für diese Streitfälle gibt es inzwischen im Lande eine Schiedsstelle, die sehr gut arbeitet. Dies wird von allen Seiten bestätigt. Meistens liegen die Schäden übrigens unter 500 Euro. Ich darf aber ausdrücklich betonen, dass die RAG ihre Verantwortung wahrnimmt — auch über 2018 hinaus. Das ist ein Versprechen.

(jre)