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Interview mit DIHK-Präsident Eric Schweitzer: "Mindestlohn schadet denen, die davon profitieren sollen"

Interview mit DIHK-Präsident Eric Schweitzer : "Mindestlohn schadet denen, die davon profitieren sollen"

Schon jetzt haben 1,5 Millionen junge Menschen keinen Berufsabschluss. Mit dem Mindestlohn wird sich das Problem nach Einschätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages verschärfen. DIHK-Präsident Eric Schweitzer spricht im Interview mit unserer Redaktion von einem "Teufelskreis", der vielen den Job kosten könne.

Ist es nicht für viele ausgelaugte Arbeitnehmer ein Segen, künftig mit 63 in Rente gehen zu können?

Schweitzer Es wird immer Einzelfälle mit großen gesundheitlichen Problemen geben. Aber deshalb darf die Rente mit 67 nicht in Frage gestellt werden. Die Politik muss die Finger von der Rente mit 63 lassen, weil das ein völlig falsches Signal setzt. Wir erleben doch jetzt schon die Diskussion darüber, dass die 45 Beitragsjahre sogar durch Anrechnung von Arbeitslosigkeitszeiten erbracht werden können. Damit öffnen Sie die Büchse der Pandora. Schon zeichnet sich ab, dass auch alle Beamten nicht nachstehen und ebenfalls früher in den Ruhestand gehen wollen. Es ist aber zwingend notwendig, länger zu arbeiten, um den Wohlstand in Deutschland zu erhalten.

Wo ist da der Zusammenhang?

Schweitzer Die Renten werden von den Beitragszahlern finanziert. Bis 2025 werden wir aber sechs Millionen Arbeitskräfte verlieren, weil schon seit vielen Jahren weniger Kinder geboren werden. Das heißt, bis 2025 müssen wir diese Arbeitnehmer ersetzen. Sonst wandern Unternehmen wegen des Fachkräftemangels aus Deutschland ab und kehren nicht mehr zu uns zurück. Und das würde zu einem dramatischen Verlust an Wohlstand führen. Dieser Prozess läuft bereits.

Wie lässt sich das lösen?

Schweitzer Nötig sind viele Maßnahmen. Von den 55- bis 64-Jährigen haben vor zehn Jahren nur rund 40 Prozent gearbeitet. Jetzt sind wir gottseidank bei über 60 Prozent. Erreichen wir 67 Prozent, dann sind das bereits bis zu 800.000 Erwerbstätige mehr.

Wie kommen sie zu noch mehr Arbeitskräften?

Schweitzer Da ist vor allem die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es gibt viele halbtags arbeitende Frauen, die gerne ganztags arbeiten wollen. Das funktioniert aber nur, wenn sie ihre Kinder gut versorgt wissen. Mit den Kita-Angeboten sieht es inzwischen ganz gut aus, aber wenn die Kinder in die Schule kommen, war es das oft. In Deutschland müssen daher deutlich mehr Ganztagsschulen eingerichtet werden. Alleine damit könnten bis zu 850.000 Frauen zusätzlich zu einem Vollzeitjob kommen.

Sehen Sie noch weitere Gruppen?

Schweitzer Es müssen mehr Anstrengungen unternommen werden, dass nicht jedes Jahr 100 000 Studenten ihr Studium abbrechen. Es dürfen auch nicht jedes Jahr 50 000 junge Menschen ohne Abschluss die Schule verlassen. Außerdem brauchen wir qualifizierte Zuwanderung. Um bis zum Jahr 2025 etwa 1,5 Millionen zusätzliche Fachkräfte aus dem Ausland zu bekommen, müssen wir unsere Willkommenskultur weiterentwickeln.

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Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) möchte die Präsenzpflicht am Arbeitsplatz lockern, um Beruf und Familie besser vereinbar zu machen.

Schweitzer 84 Prozent unserer Unternehmen bieten bereits Teilzeitarbeit an, 72 Prozent schneiden die Arbeitszeit individuell auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu. So ist die Lebenswirklichkeit. Bevor die Politik auf uns zeigt, sollte sie besser die eigenen Hausaufgaben machen. Das Recht auf einen Ganztagsschulplatz beispielsweise findet sich nicht im Koalitionsvertrag. Da drückt sich die Regierung.

Gibt es weitere Modelle?

Schweitzer In den Betrieben laufen viele Bemühungen, denjenigen Angebote zu machen, denen Halbtagsbeschäftigungen zu wenig und Vollzeitjobs zu viel sind. Die deutschen Unternehmen brauchen die Fachkräfte, deshalb engagieren sie sich, um diese zu bekommen und zu behalten.

Wird Elternzeit auch vermehrt von Vätern genutzt?

Schweitzer Die Zahl ist jetzt auf gut 27 Prozent gestiegen. Das ist inzwischen fast eine Selbstverständlichkeit geworden. Auch in der Führungsebene des DIHK.

Sehen Sie auch gelungene Absichten der Koalition?

Schweitzer Sehr gut ist das Bekenntnis zur Hochschulförderung und zur außeruniversitären Forschung. Denn die Kanzlerin hat recht: Je teurer wir sind, desto besser müssen wir sein. Das geht nur über Exzellenz. Da ist schon sehr viel passiert.

Wo fehlt es besonders?

Schweitzer Der Bund investiert jedes Jahr drei Milliarden zu wenig in den Erhalt der Verkehrswege und zwei Milliarden fehlen bei deren Erweiterung. Wirtschaft braucht als Grundvoraussetzung eine funktionierende Infrastruktur. Deshalb ist es verheerend, wenn beispielsweise auf der A 1 bei Leverkusen eine Brücke für Lkw gesperrt werden muss. Zwar hat sich die Koalition jetzt vorgenommen, fünf Milliarden mehr zu investieren - bezogen auf die gesamte Legislaturperiode. Es hätten aber 20 sein müssen. Da muss unbedingt nachgelegt werden.

Welche Auswirkungen wird der flächendeckende Mindestlohn haben?

Schweitzer Er wird vor allem denen schaden, die davon profitieren sollen. Denn er setzt falsche Anreize. Unser Problem ist ja nicht, Gymnasiasten und Realschüler von einer guten Ausbildung zu überzeugen. Unser Problem sind die jungen Leute aus bildungsfernen Schichten. Wenn die vor der Wahl stehen, für 700 Euro in eine Ausbildung mit Perspektive zu gehen oder für 1400 Euro in einen kurzfristig besser bezahlten Mindestlohnjob, dann werden sich vermutlich viele gegen die duale Ausbildung entscheiden. Schon heute haben 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 25- bis 34 Jahren keinen Berufsabschluss. Wenn die Konjunktur runter geht, werden diejenigen als erstes ohne Job dastehen, die keine Ausbildung haben, und sie werden so schnell auch keinen neuen finden. Der Mindestlohn wird diesen Teufelskreis verschärfen.

Sehen Sie regionale Unterschiede?

Schweitzer In Ostdeutschland arbeiten rund eine Million Menschen für Stundenlöhne unter 8,50 Euro. Dahinter steht die dortige niedrigere Wirtschaftsleistung. Bei Einführung des Mindestlohns wird vielen Unternehmen nicht gelingen, die höheren Preise an die Kunden weiter zu geben. Ich befürchte, dass die Regionen im Osten einen großen Teil dieser einen Million Arbeitsplätze dann verlieren.

Gregor Mayntz und Eva Quadbeck führten das interview.

(may-, qua)