Düsseldorf: Milliardenklage gegen Spotify

Düsseldorf: Milliardenklage gegen Spotify

Der Musikstreamingdienst Spotify soll mehr als zehntausend Lieder angeboten haben, obwohl er nicht über die dafür notwendige Lizenz verfügte. Nun wurde er deswegen von einem US-Verlag auf eine Milliardensumme verklagt.

Früher wäre es so gewesen: In der Ecke einer Bar hätte eine große Jukebox gestanden mit einer kleiner Auswahl Platten. Und immer, wenn jemand eine Münze einwirft, wäre Musik erklungen.

Wäre Spotify eine alte Jukebox, dann hätten seine Nutzer weltweit inzwischen mehr als 371 Millionen Mal eine Münze eingeworfen, um den Journey-Klassiker "Don't stop believin'" zu hören. Mehr als 103 Millionen Mal wäre das Lied "Free Fallin'" von Tom Petty gegen Gebühr abgespielt worden und rund 57 Millionen Münzen wären für "Light my fire" von The Doors in dem Automaten versenkt worden.

Spotify ist allerdings eine Art moderne Jukebox: Hier muss man nicht für einen einzelnen Song bezahlen, hier bekommt man gegen eine monatliche Gebühr über das Internet Zugriff auf mehr als 30 Millionen Lieder. Es ist eine Art "All you can eat"-Bufett für Musik geworden, sehr zum Leidwesen der Musikindustrie, die viel lieber weiterhin jeden Song einzeln abrechnen würde.

Und weil natürlich auch die Musikverlage sehen, wie oft "Don't stop believin'", "Free Fallin'" und Co. abgespielt werden, droht dem schwedischen Internetunternehmen nun großer Ärger. Denn der US-Verlag Wixen Music Publishing hat Spotify vor einem kalifornischen Gericht auf 1,6 Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt. Die Plattform soll Musik von Künstlern wie The Doors, Tom Petty, Rage Against The Machine und anderen angeboten haben, ohne bei Wixen die ausreichenden Lizenzen eingeholt zu haben. Es geht um insgesamt 10.784 Titel, für die der Anwalt des Verlags nun je 150.000 Dollar verlangt. Spotify wollte sich unter Verweis auf das laufende juristische Verfahren nicht zu dem Vorfall äußern.

Die Klage kommt für das Unternehmen zur Unzeit. Denn seit einiger Zeit halten sich hartnäckig Gerüchte, dass das 2006 im schwedischen Stockholm gegründete Start-up demnächst an die Börse streben könnte. Zuletzt wurde Spotify mit rund 16 Milliarden Dollar bewertet. Laut der US-Seite "Axios" soll der Börsengang angeblich bereits für das erste Quartal in diesem Jahr geplant sein. Das würde womöglich für Wixen die Chancen für ein Einlenken von Spotify, etwa durch einen Vergleich, erhöhen.

Ein weiterer Grund für den Zeitpunkt der Klage ist laut dem US-Portal "Hollywood Reporter" ein Gesetzentwurf in den USA, der in Kürze verabschiedet werden soll. Der "Music Modernization Act" soll es Streaming-Anbietern wie Spotify ermöglichen, an einer zentralen Stelle alle nötigen Lizenzen einzukaufen. Mit der Klage würde Wixen sich rechtzeitig etwaige Ansprüche sichern, so die Theorie.

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Der Gesetzentwurf wird nicht nur von Demokraten und Republikanern, sondern auch von der Musikindustrie getragen. Sie dürfte darauf hoffen, durch die zentrale Stelle ein stärkeres Gegengewicht zu den Internetriesen zu bilden. Denn das "Wall Street Journal" berichtete vor einiger Zeit, dass Spotify bei etwa 21 Prozent der angebotenen Titel keine Lizenzgebühren zahlt.

Trotzdem ist es dem schwedischen Start-up seit der Gründung 2006 gelungen, die Branche genauso umzukrempeln, wie es zuvor Apple mit iTunes gelungen ist. Anstatt den Kauf von Einzeltiteln oder Alben zu ermöglichen, können Nutzer bei Spotify zwischen einer werbefinanzierten kostenlosen Variante und einem Premium-Abomodell wählen. Für einen monatlichen Festbetrag können sie anschließend praktisch unbegrenzt Musik hören.

Spotify ist nicht der einzige Anbieter, auch Apple und Amazon haben eigene Streaming-Dienste gestartet, die jedoch bei Weitem nicht an die mehr als 60 Millionen zahlenden Nutzer von Spotify heranreichen. Auch Anbieter wie Soundcloud oder Deezer sind deutlich kleiner.

Dennoch sind die Konkurrenten für den Platzhirschen eine große Bedrohung. Zum einen haben Anbieter wie Amazon oder Apple über ihre Hardware (zum Beispiel das iPhone bei Apple oder die Echo-Lautsprecher bei Amazon) den direkteren Kundenzugang. Zum anderen verfügen sie über gewaltige finanzielle Ressourcen, um Spotify, das 2016 noch immer tiefrote Zahlen schrieb, permanent unter Druck zu setzen.

Deshalb ist es für Spotify letztlich auch wichtig, die wichtigsten Künstler weiterhin anbieten zu können, um für die Nutzer attraktiv zu bleiben. Denn viele Nutzer halten es mit Streaming-Anbietern wie mit der früheren Jukebox in der Kneipe: Eine reicht vollkommen.

(frin)