Analyse: Metaller fordern klare Arbeitszeitregeln

Analyse: Metaller fordern klare Arbeitszeitregeln

Die Beschäftigtenbefragung der IG Metall sollte einen Überblick über die Arbeitsbedingungen des größten deutschen Industriezweigs liefern. Doch die Ergebnisse kranken an der einseitigen Fragetechnik. Weitere Details sollen im Mai folgen.

Die IG Metall hat mit enormem Aufwand Mitte Januar bis Ende Februar mehr als 680.000 Beschäftigte zu ihren Wünschen und Nöten befragt. Eine halbe Stunde mussten die Metaller sich Zeit nehmen, um den Fragebogen der Gewerkschaft auszufüllen. Am Ende sollte quasi eine Landvermessung der Befindlichkeiten in mehr als 7000 Industrie-Betrieben der Republik stehen. Gestern präsentierte die IG Metall in der Hauptstadt ihre Ergebnisse - zumindest einen Teil davon.

Dass es in der Befragung vor allem um das Thema Arbeitszeit gehen würde, drang vorab nach außen. Nichts beschäftigt Deutschlands größte Gewerkschaft mehr als die Frage, welche Folgen die voranschreitende Digitalisierung für die Beschäftigten haben wird. Denn einerseits wollen diese selbst viel flexibler mit ihrer Arbeitszeit umgehen können, beispielsweise um Angehörige zu pflegen oder die Kinderbetreuung zu sichern. Andererseits fürchten sie eine vom Arbeitgeber diktierte Dauererreichbarkeit und ungehemmte Flexibilisierungs-Wünsche der Firmen. Dass die IG Metall das Thema in der für Ende des Jahres angesetzten Tarifrunde auf die Tagesordnung setzen will, hat sie selbst angekündigt. Und das völlig unbeeindruckt vom gebetsmühlenartig vorgetragenen Mantra der Arbeitgeberseite, dass das Thema keinen Druck von der Straße - also keine Streiks - vertrage.

Umso überraschter waren gestern die Journalisten, als IG-Metall-Chef Jörg Hofmann das Thema ausklammerte und sich auf Forderungen an die Politik beschränkte - Wahlkampf in Reinform. Weitere Details zu den Vorstellungen der Beschäftigten über den flexibleren Arbeitseinsatz sollen erst im Mai veröffentlicht werden. Man sei ob der schieren Menge nicht rechtzeitig fertig geworden, so die offizielle Begründung.

Was Hofmann dann präsentierte, war ein Potpourri aus Forderungen aus verschiedenen Politikfeldern. Als den üblichen "Wünsch-dir-was-Katalog" verspottete das die Arbeitgeberseite. Tatsächlich hat die Befragung methodische Schwächen. Wer gefragt wird, ob er sich eine x-beliebige Verbesserung wünscht, wird im Zweifelsfall immer mit ja antworten. Frei nach dem Motto: Ein bisschen Luft nach oben ist immer. Aussagekräftiger wäre es, die Beschäftigten Alternativen bewerten zu lassen - was die IG Metall augenscheinlich versäumt hat.

Auf die Frage "Wie wichtig sind für Sie Sicherheit und berufliche Perspektive in der Industrie 4.0 für alle?" antworteten - oh Wunder - 93,5 Prozent der Beschäftigten mit sehr wichtig oder zumindest wichtig. Der Erkenntnisgewinn einer solchen Antwort ist überschaubar. Abgefragt wurde weiterhin die Bedeutung von Bildungspolitik, die unabhängig von der sozialen Herkunft ermöglicht werden soll. Auch hier ein vergleichbares Bild: 92,9 Prozent antworteten mit "sehr wichtig" oder "wichtig".

Etwas mehr Brisanz bekommt die Befragung immerhin beim Reizthema Ruhezeiten: 96,4 Prozent sprachen sich gegen die Forderung der Arbeitgeber aus, die gesetzlichen Regelungen für Ruhezeiten zu lockern. Auch Arbeitnehmer, die nach eigenen Angaben mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten, stimmten mit mehr als 91 Prozent für eine klare Begrenzung der Arbeitszeit. Kleiner Schönheitsfehler: Die IG-Metall-Befragung unterstellt, die Arbeitgeber wollten gesetzliche Regelungen zur Ruhezeit komplett abschaffen. Nach Angaben von Gesamtmetall ist dies jedoch nie gefordert worden.

Gefragt danach, ob sie zur Stabilisierung der Rente auch höhere Beiträge in Kauf nähmen, stimmten knapp 85 Prozent zu. Große Sorge bereitet den Beschäftigten die Frage nach der Altersvorsorge. 86,7 Prozent gehen davon aus, dass die private Vorsorge nicht ausreichen wird, um die Rentenlücke zu schließen, die durch die Absenkung des Rentenniveaus droht. Drei Viertel der Befragten forderten zudem eine stärkere Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen sowie größerer Erbschaften.

Wenn all dies die spektakulärsten Erkenntnisse sind, bleibt das Gefühl, dass Aufwand und Ertrag dieser Befragung in keinem gesunden Verhältnis stehen.

(maxi)