1. Wirtschaft

Götz Werner: "Menschen sind Zweck, nicht Mittel"

Götz Werner : "Menschen sind Zweck, nicht Mittel"

1973 gründete Götz Werner die Drogeriemärkte dm. Der Chef des heute florierenden Konzerns prangert unternehmerischen Aktionismus an und begründet, warum er für ein bedingungsloses Grundeinkommen ist.

Karlsruhe Kein geringerer als der Philosoph Peter Sloterdijk nannte das Lebenswerk des Unternehmers Götz Werner die "Verkörperung einer Vision", und er wünschte sich, dass "wir von den Viren der Werner-Welt zu unserem eigenen Vorteil angesteckt werden". Der heute 68-jährige Gründer der dm-Drogerie-Markt-Kette zählt mit seinen Ideen einer Hierarchie-flachen Unternehmensführung sowie zur Umgestaltung unserer Gesellschaft zu den ungewöhnlichsten deutschen Firmen-Chefs. Für seine Leistungen wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Sloterdijk hat auf Sie eine Laudatio gehalten. Wird man damit in Wirtschaftskreisen zum Exoten?

Werner Für mich ist ein Unternehmer ja ein Träumer; wäre er das nicht, wäre er ein Manager. Der Unternehmer sucht die Zukunft, der Manager orientiert sich an der Wirklichkeit, am Hier und Jetzt. Ich fand es schon interessant, wie Professor Sloterdijk Worte zu meinem Wirken gefunden hat, von denen ich sagen würde: Da hab' ich nichts dagegen. Man erlebt sich ja immer durch die anderen. Mein Ich entdecke ich in der Spiegelung durch andere Menschen. Man braucht diese Spiegelungen, sonst ist man nicht entwicklungsfähig.

Was gehört zu Ihrem Werte-Fundament?

Werner Es geht immer um Menschen, die Menschen sind immer Zweck, nie Mittel. Ein Außerirdischer, der unsere Welt betrachtet, würde wahrscheinlich einen ganz anderen Eindruck bekommen. Die Wirtschaft ist aber für den Menschen da, nicht umgekehrt – denn ohne Menschen gäbe es keine Wirtschaft. Der Kunde, der in einen unserer Märkte kommt, ist kein Kunde, er ist auch kein Käufer und kein Verbraucher, sondern er ist ein Mitmensch. Ein Unternehmer hat immer drei Arten von Kunden, also Mitmenschen: Da sind diejenigen, die einkaufen; dann die Mitarbeiter, die helfen; und schließlich die Lieferanten, die in Vorleistung treten.

Das sind Sätze, die wird Ihnen fast jeder unterschreiben. Wie schwierig aber ist es, solche Grundsätze im geschäftlichen Alltag zu beherzigen.

Werner Das geht nur durch Reflexion. Zu jedem Einatmen gehört auch ein Ausatmen. Zu jedem unternehmerischen Tun, zu jeder Aktion gehört auch Reflexion. In unserem Zeitgeist wird die Reflexion aber als Untätigsein diffamiert. Die meisten Unternehmer suchen ihr Heil im Aktionismus. Dabei findet das Heil in der Reflexion statt. Ein Weitspringer springt ja auch deshalb so weit, weil er einen langen Anlauf nimmt. Mit der Reflexion stelle ich mein Tun permanent auf den Prüfstand. Am besten ist natürlich, wenn mein Reflektieren im Moment des Handelns eintritt. Das nennt man dann Geistesgegenwart.

  • Gute Tat in Vorst : Unternehmer-Initiative finanziert Beatmungsgerät für Indien
  • Aktion Du bist Rheinberg/Wir sind Rheinberg : Peter Meulmanns Mutmach-Fotos
  • Das Albert-Einstein-Forum sollte laut Konzept der
    Digitalisierung in Kaarst : Unternehmer ziehen Konzept für „kaarst.tv“ zurück

Was heißt das konkret für den Unternehmer?

Werner Wenn ein Unternehmer Erfolg hat, muss er irgendetwas richtig gemacht haben. Die Frage ist nur, mit welchem Bewusstsein er es richtig macht. Meine Beobachtung aus der Wirtschaft ist, dass vieles nur intuitiv richtig gemacht wird.

Woran glauben Sie das zu erkennen?

Werner An den typischen Antworten auf Fragen wie: Warum sind Sie so erfolgreich? Daraufhin hört man oft: Weil es unser Ziel ist, Gewinn zu machen. Das stimmt aber nicht. Keiner macht nur deshalb Gewinn, weil er es zum Ziel erklärt hat, sondern aufgrund des Erfolgs der Mitarbeiter, der Produkte oder der ergriffenen Maßnahmen. Und wenn man sich dann noch klarmacht, dass der Mensch der Zweck und nicht das Mittel ist, gäbe es in vielen Unternehmen eine ganz andere Führung.

Bekannt sind Sie geworden mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Werner Ich bin zu dieser Einsicht gekommen, nachdem ich Hunderte von Einstellungsgesprächen geführt hatte. Am Ende kam immer die Einkommensvereinbarung. Warum ist das so? Ganz einfach, weil der Mensch sich sonst gar nicht leisten könnte, für andere zu arbeiten. Der Mensch braucht ein Einkommen, um erst einmal leben und um sich dann in die Gemeinschaft einbringen zu können. Das Einkommen ist nicht die Bezahlung der Arbeit, sondern es ermöglicht erst die Arbeit. Das Einkommen ist die Voraussetzung der Arbeit. Aus dieser Erkenntnis folgt die Frage: Was muss jeder Einzelne für eine Teilhabe am Ergebnis einer Gemeinschaftsleistung haben, damit er auch zukünftig mit seinen Fähigkeiten teilnehmen kann? So bin ich auf die Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens für jeden gekommen. Wenn man stattdessen Menschen weiterhin existenziell unter Druck setzt, handeln sie unter ihren schöpferischen Fähigkeiten.

Welche Rolle spielt dabei für Sie Ihre Bibellektüre? Sie haben in Ihrem Buch "Einkommen für alle" ausführlich die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg interpretiert, die alle den gleichen Lohn bekommen, obwohl diese unterschiedlich lang gearbeitet haben.

Werner Das Weingärtnerbeispiel ist die Urform der Grundeinkommensidee. Wir alle stehen auf den Schultern eines Riesen, und das ist unser Kulturstrom. Wir sind auch in der Geschichte vom Weinberg verankert. Alles hat einen Sinn und einen Zusammenhang, und meine Aufgabe ist es, möglichst viel zu erkennen und mich mit meinen Fähigkeiten in die Gemeinschaft einzubringen.

Würden Sie sich als einen gläubigen Menschen bezeichnen?

Werner Das würde ich nicht sagen, denn Gott ist für mich eine Tatsache – auch wenn ich es nicht beweisen kann. Ich brauche nicht daran zu glauben, weil Gott für mich ein Evidenzerlebnis ist. Plötzlich weiß man es.

Haben Sie mit Ihrem gesellschaftlichen Anliegen auch Kontakt zu den Kirchen?

Werner Die Kirchen haben sich abgemeldet oder werden nicht mehr gehört; sie haben nicht mehr den Anspruch, etwas Konkretes und Zukunftsweisendes beizutragen. Vielleicht ist diese Emanzipation von der Amtskirche auch notwendig. Wir Menschen sind in der heutigen Zeit buchstäblich auf uns selbst zurückgeworfen. Es gibt keine Haltegriffe mehr wie in der Straßenbahn. Wir müssen lernen, uns unserer selbst bewusst zu sein, Christus in uns zu finden. Diesen Schritt schaffen wir aber nicht, weil wir so klug oder toll sind, sondern nur mit Gottes Hilfe. Gott zeigt einem immer einen Weg; damit kann man rechnen, wenn man Dinge tut, die vernünftig sind, an denen Gott Interesse hat.

Zweifeln Sie mitunter an Gott und richten Sie kritische Fragen an ihn?

Werner Ich stelle kritische Fragen, aber nicht an mein Gottvertrauen, sondern an mich.

(RP)